• vom 30.10.2015, 18:36 Uhr

Weltpolitik


Syrien

Schicksalstage für Syrien




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Von Thomas Seifert

  • Die Hintergründe des Syrien-Konflikts und der lange, steinige Weg zu einer Friedenslösung, der in Wien verhandelt wird.

rolffimages/fotolia, apa/afp, epa, ap, reuters, graphic news WZ-Montage: Martina Hackenberg

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Wien. Wer das Heute verstehen will, muss wissen, was gestern war. Oder vorgestern. Genauer: Was war am 16. Mai 1916? Der Tag der Unterzeichnung des Sykes-Picot-Abkommens. Noch vor dem Ende des Ersten Weltkriegs begannen der Brite Mark Sykes und der Franzose François Georges-Picot im Auftrag ihrer Regierungen mit der Filetierung des Osmanischen Reiches. "Im Sykes-Picot-Abkommen teilten sie das Erbe der Osmanen mit einer diagonalen, in den Sand gezogenen Linie, die sich von der Mittelmeerküste bis zu den Bergen an der persischen Grenze zog. Das Territorium nördlich von dieser willkürlich gezogenen Linie sollte an Frankreich gehen, das Land südlich davon an Großbritannien", schreibt der am Kings College in London lehrende Historiker James Barr in seinem Buch: "A Line in the Sand - The Anglo-French Struggle for the Middle East 1914-1918".

Die Linien, die damals mit Tinte auf einer Karte und ohne Rücksicht auf die ethnische Zusammensetzung in den betroffenen Regionen gezogen wurden, werden bis heute mit Blut neu gezeichnet: Irak und Syrien existieren de facto als Nationen nicht mehr, sondern sind zersplittert, der Libanon und Jordanien sind äußerst fragil, Ägypten ist nach der Arabellion am Tahrir-Platz und der Konterrevolution des Ancien Régime geschwächt. Der Iran ist nach dem erfolgreichen Ende der Atom-Verhandlungen in die Weltgemeinschaft zurückgekehrt und konkurriert mit der Türkei und Saudi-Arabien um die Vorherrschaft in der Region.


Doch wie hat der Konflikt in Syrien eigentlich begonnen? Der Auslöser waren friedliche Proteste gegen das Regime am 15. März 2011 in der Grenzstadt zu Jordanien, Daraa, inspiriert vom Arabischen Frühling, der bereits Tunesien, Ägypten und Libyen erfasst hatte. Aber zur Erklärung der Hintergründe des Konflikts ist die Fokussierung auf die Straßenproteste und die Repression danach zu wenig.

Krisen in Syriens Städten
als Hintergrund der Revolte

Daraa stand - wie viele syrische Städte - unter Stress: Missmanagement in der Landwirtschaft und eine schwere Dürre trieben eine ländliche Unterschicht, deren Grund und Boden trockengefallen war, zu Hunderttausenden in die Städte. Die deklassierten Massen fanden in den Vorstädten kaum Arbeit und in den Städten stand die Wasserversorgung ebenfalls bereits auf der Kippe. Doch nicht nur die Vorstädte von Daraa waren am Limit: 1,5 Millionen irakische Flüchtlinge, von denen sich viele im Distrikt Sayyida Zeinab im Süden von Damaskus niedergelassen hatten, machten die Wasserversorgung nicht einfacher. Die Wissenschafterin Suzanne Saleeby schrieb in einem Artikel für das Online-Magazin des Arab Studies Institute "Jadaliyya", dass das Versagen des Regimes, die Folgen der Dürre zu managen, neben der brutalen Repression der wichtigste Grund für die Massenmobilisierung des Protests gegen das Assad-Regime war. "Syrische Städte waren jene Kreuzungen, wo die Unzufriedenheit der Arbeitsmigranten vom Land sich mit jener der entrechteten Städter traf und die Frage nach der Natur und Verteilung von Macht aufwarf", schreibt Saleeby.

Wie schon beim Massaker von Hama, als Bashar al-Assads Vater Hafez al-Assad einen Aufstand der Muslimbrüder im Jahr 1982 blutig niederschlagen ließ, ging das Regime mit äußerster Brutalität gegen Demonstranten vor, Pro-Regime-Mililizen - genannt Shabiha - verübten Massaker in verschiedenen Städten, um die Protestbewegung im Keim zu ersticken. Doch die Brutalität des Regimes heizte die Proteste nur weiter an. Im Juli 2011 rebellierten in dem 21-Millionen-Einwohner-Land Syrien in Städten wie Daraa, Damaskus, Aleppo, Idlib, Homs und Hama - wo insgesamt rund 40 Prozent der Bevölkerung Syriens leben - die Massen. Die Demonstranten begannen sich zu bewaffnen, Guerilla-Gruppen zu bilden, die Regierung verlor die Kontrolle über die Peripherie vieler Vorstädte und über weite Teile der ländlichen Regionen. Die Demokratiebewegung wurde bald von den bewaffneten Dschihadistengruppen marginalisiert.

Die Fronten wurden immer klarer: Die Angehörigen der religiösen Minderheiten, die rund 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen - vor allem Alawiten (Assad gehört zu dieser Religionsgruppe), Schiiten und Christen -, stellten sich hinter das Regime, die Gegner des Regimes waren meist Sunniten. Doch eine wichtige Frontlinie verläuft bis heute zwischen den Pro-Regime-Bewohnern der größeren Städte einerseits und den Bewohnern der Armutszonen der Vorstädte, der Kleinstädte und Dörfer des Hinterlands, die sich vom Regime vernachlässigt fühlten. "Syrien ist ein Krieg der Peripherie und der Marginalisierten gegen das Zentrum", schreibt der Strategie-Experte und frühere Anti-Terror-Koordinator im US-Außenministerium David Kilcullen in seinem Buch "Out of the Mountains".

Geopolitisches
Schachbrett Syrien

Syrien ist zum Schachbrett, auf dem regionale Mächte sowie die USA und Russland ihre Figuren hin und her schieben, geworden, zum Schauplatz des bislang gefährlichsten Stellvertreterkrieges des noch jungen 21. Jahrhunderts.

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Dokument erstellt am 2015-10-30 18:41:05




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