• vom 10.12.2015, 18:26 Uhr

Weltpolitik

Update: 11.12.2015, 10:35 Uhr

Ähtiopien

"Können wir die Erde hier essen?"




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Von Ronald Schönhuber aus Agarfa

  • Im Südosten Äthiopiens herrscht die schwerste Dürre seit 30 Jahren.

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Mehr als 8,2 Millionen Äthiopier sind derzeit schon auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Nach drei ausgefallenen Regenzeiten ist das Getreide verkümmert und das Vieh dürr.

Mehr als 8,2 Millionen Äthiopier sind derzeit schon auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Nach drei ausgefallenen Regenzeiten ist das Getreide verkümmert und das Vieh dürr.© rs Mehr als 8,2 Millionen Äthiopier sind derzeit schon auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Nach drei ausgefallenen Regenzeiten ist das Getreide verkümmert und das Vieh dürr.© rs

Agarfa. Auf das alte, faltige Gesicht hat sich ein Ausdruck von Nachdenklichkeit gelegt. "Früher war diese Gegend bekannt für Regen. Es gab hier überall Bäume und im Wald fanden wir als Kinder sogar Honig", sagt Adam Abdi, während die müde wirkenden Augen den nahen Hang hinaufblicken. Heute sind das alles Erinnerungen aus einer fernen Zeit. In Makala, jenem kleinen Ort im Südosten Äthiopiens, in dem Abdi seit seiner Geburt lebt, gibt es heute weder Wald noch Honig, sondern aufgerissene Böden und dichte Staubschwaden, die sich immer wieder über das sonst strahlende Blau des Himmels legen. Und auch der Regen ist heute anders als früher.

Seit zwei Jahren hat es im Bezirk Agarfa, in dem auch Makala liegt, nicht mehr ausgiebig geregnet. Die Niederschläge kamen meist viel zu spät und hörten auch viel zu schnell wieder auf. Für die Ernte hatte der großflächige Ausfall der Regenzeit verheerende Folgen. Drei Mal haben Abdi und die anderen Dorfbewohner in diesem Sommer ausgesät, kein einziges Mal ist das Getreide so gewachsen wie früher. Auf den wenigen Feldern rund um Makala, die noch nicht der Dürre zum Opfer gefallen sind, reichen die Halme, die in guten Jahren brusthoch wachsen, den Bauern gerade einmal bis zu den Knien. Auch das Korn ist viel zu klein, in den allermeisten Fällen stecken in den Ähren nur winzige und ungenießbare Früchte. "Nicht einmal während der großen Hungersnot 1984 hat es hier eine derartig schlimme Dürre gegeben", sagt Abdi.

Information

Spenden für Menschen für Menschen:IBAN: AT28 3200 0000 0022 2000
oder online auf www.mfm.at


15 Kilo Getreide pro Monat
Getreidevorräte gibt es in Makala allerdings schon lange keine mehr. Was nicht ausgesät wurde, wurde bereits gegessen, um nicht hungern zu müssen. Mittlerweile sind die knapp 6000 Dorfbewohner auf die Nothilfe angewiesen, die die österreichische NGO "Menschen für Menschen" leistet. Die von Karlheinz Böhm gegründete Äthiopienhilfe, deren Fokus sonst auf nachhaltigen Entwicklungsprojekten im Norden des Landes liegt, hat sich aufgrund der massiven Krisensituation zu Lebensmittelverteilungen entschlossen. Pro Monat erhält jeder in Makala 15 Kilo Getreide, 1,5 Kilo Hülsenfrüchte und einen halben Liter Speiseöl. "Ohne diese Unterstützung könnten wir nicht überleben", sagt Meti Roby, eine Alte, aus deren zerfurchtem Gesicht wache Augen blitzen.

Gerissene Sicherheitsnetze
Die Menschen in Makala sind jedoch bei weitem nicht die einzigen, die Hilfe benötigen. Laut der UN-Agentur zur Koordinierung humanitärer Hilfe (OCHA) sind derzeit bereits 8,2 Millionen Menschen in Äthiopien auf Nahrungsmittelverteilungen angewiesen, im Jahr 2016 könnte die Zahl sogar auf 15 Millionen ansteigen. Damit wäre knapp jeder sechste Äthiopier betroffen.

Es ist allerdings nicht nur eine gewaltige humanitäre Herausforderung, vor der das Land steht. Äthiopien findet sich auf einmal auch in einer Ecke wieder, aus der man sich eigentlich längst schon heraußen gesehen hatte. Vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Regierung viel unternommen, um die Rolle des ewigen Hungerleiders abzustreifen. Äthiopien, wo 1984 und 1985 zwischen 500.000 und einer Million Menschen verhungerten, sollte nicht mehr das Land der aufgeblähten Hungerbäuche und fliegenbesetzten Kindergesichter sein. Vielmehr wollte man sich als eine der politischen und wirtschaftlichen Führungsmächte eines neuen Afrikas präsentieren, ein Land, das Investoren anzieht und Innovationen hervorbringt.

Tatsächlich wird heute in der Hauptstadt Addis Abeba überall gebaut, seit September verkehrt hier auch die erste Stadtbahn des afrikanischen Kontinents, die von überwiegend chinesischen Unternehmen in nur drei Jahren aus dem Boden gestampft wurde. Ebenfalls mit chinesischer Hilfe wurde die dreispurige Autobahn gebaut, die Addis Abeba seit einem Jahr mit dem 85 Kilometer entfernten Adama verbindet.

Ein anderes Land als 1984 ist Äthiopien allerdings nicht nur, wenn es um neue Hochhäuser und Straßen geht. Seit 2005 existiert auch das "Productive Saftey Net Programme" der Regierung , das in Kooperation mit dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen umgesetzt wird und eigentlich den Ausbruch von Hungersnöten in den noch immer stark unterentwickelten ländlichen Gebieten durch akute Nahrungsmittelhilfe verhindern soll.

Doch im aktuellen Fall sind die Programme schon vor Wochen an ihre Grenzen gestoßen, die äthiopische Regierung sah sich in der Folge gezwungen, die internationale Staatengemeinschaft und Organisationen wie "Menschen für Menschen" um Unterstützung zu bitten. Dass die Sicherheitsnetze diesmal nicht gehalten haben, hat vor allem mit der Ursache der Dürre zu tun. Denn heuer fällt das azyklisch auftretende Klimaphänomen "El Nino", das mit einer Erhöhung der Wassertemperatur im Pazifik einhergeht, so stark wie schon lang nicht mehr aus. Die Folgen sind dabei auf der ganzen Welt zu beobachten: Während es in Argentinien, Guatemala und Peru zu Überflutungen kommt, bleibt im östlichen Afrika der dringend ersehnte Regen aus. In Äthiopien wird die Lage darüber hinaus noch durch den hier schon seit Jahren deutlich beobachtbaren Klimawandel noch einmal verschärft, denn auch abseits des "El Nino"-Phänomens wird es in der Region zunehmend trockener und die Niederschläge kommen immer unregelmäßiger.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2015-12-10 18:29:06
Letzte nderung am 2015-12-11 10:35:03




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