• vom 12.01.2016, 23:32 Uhr

Weltpolitik

Update: 13.01.2016, 12:50 Uhr

Taiwan

Mehr Distanz zum großen Bruder




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief





Die ethnische Gruppe der Han-Chinesen dominiert seit Ende der 50-jährigen japanischen Kolonialzeit 1945 die kleine Inselnation mit ihren nunmehr 23 Millionen Einwohnern, die gerade halb so groß wie das deutsche Bundesland Bayern ist. Damals flohen nach Ende des Chinesischen Bürgerkrieges die Nationalisten unter Chiang Kai-shek vor den Kommunisten nach Taiwan. Dort errichteten sie eine Gegenregierung mit dem Ziel, eines Tages über ganz China zu herrschen. Die Volksrepublik wiederum sieht Taiwan als Teil ihres Territoriums an.

Unentbehrlicher Nachbar
Entsprechend ist das bilaterale Verhältnis so vielschichtig wie kompliziert. Die Taiwanesen seien nicht dagegen, dass Taiwan Beziehungen zu China unterhalte, sagt Shieh Jhy-wey, der früher als Vertreter Taiwans in Deutschland war. Sie würden zum Beispiel die wirtschaftlichen und touristischen Beziehungen zur Volksrepublik schätzen. 2014 besuchten über vier Millionen chinesische Touristen die Insel - ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Umgekehrt sollen Schätzungen nach zwischen zwei und vier Millionen Taiwanesen in der Volksrepublik arbeiten. Dort können sie besser verdienen als zuhause. "Die chinesische Wirtschaft hat eine gewaltige Auswirkung auf Taiwan", sagt der Experte Darson Chiu vom Taipei Institute of Economic Research.

Gleichzeitig macht vielen Taiwanesen eine zu große Abhängigkeit von China Angst. Dies spiegeln auch die Großdemonstrationen in Taipeh vor knapp zwei Jahren wider. Damals hatten Studierende aus Protest gegen ein Dienstleistungsabkommen mit China das Parlament gestürmt und wochenlang besetzt. Auf den umliegenden Straßen versammelten sich hunderttausende Bürger zur Unterstützung. Zwar wurde das Abkommen seit der "Sonnenblumen-Bewegung" nicht ad acta gelegt, aber doch auf Eis. Sich ganz von China abzuwenden und offensiv auf die eigene Unabhängigkeit zu pochen, möchten viele Taiwanesen wiederum auch nicht, auch nicht die DPP. "Eine Fraktion der DPP ist für die totale Unabhängigkeit", sagt Professor Lu, der als Experte für die bilateralen Beziehungen gilt. "Aber sie können die Bindungen nicht kappen, China ist zu stark."

Die DPP-Chefin Tsai rief China dazu auf, den demokratischen Prozess in Taiwan zu akzeptieren. Sie sagte in einer Fernsehdebatte, dass Peking eine "vernünftige Einstellung" im Umgang mit ihrer Partei an den Tag legen werde. Selbst wenn es wirtschaftliche Vorteile brächte, möchten viele junge Taiwaner keine weitere Annäherung an China. Christine Lee, eine 28-jährige Geschäftsfrau, bringt auf den Punkt, was vor allem viele junge Taiwaner denken: "Wenn wir ein Teil von China würden, dann wäre das so, als würde man jemanden wegen des Geldes heiraten."

zurück zu Seite 1




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-01-12 22:38:05
Letzte nderung am 2016-01-13 12:50:05




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Unruhe vor dem Sturm
  2. Keine Scheu vor Deal mit Rechten
  3. Rechte siegen in Japan - Debatte um Verfassungsänderung
  4. Wahltriumph für Ministerpräsident Abe
  5. "JFK Files" über Kennedys Ermordung sollen publik werden
  6. Trump verteidigt seine Tweets: Mittel gegen unfaire Medien
  7. Mugabe wird doch kein Sonderbotschafter


Werbung


Werbung