• vom 15.03.2016, 17:50 Uhr

Weltpolitik


Myanmar

Von Gnaden der Lady




  • Artikel
  • Lesenswert (1)
  • Drucken
  • Leserbrief





  • Htin Kyaw ist der erste zivile Präsident Myanmars seit mehr als 50 Jahren. Die Regierungsgeschäfte wird er aber wohl streng entlang der Vorgaben von Friedensnobelpreisträgerin Suu Kyi führen.

Htin Kyaw ist einer der engsten Vertrauten von Suu Kyi. Politisch ist er aber ein unbeschriebenes Blatt. - © ap

Htin Kyaw ist einer der engsten Vertrauten von Suu Kyi. Politisch ist er aber ein unbeschriebenes Blatt. © ap

Naypyidaw. (rs) Dass der Mann, mit dem bis vor kurzem kaum jemand etwas anzufangen wusste, schon immer da war, zeigt eine Aufnahme des Jahres 2010. Auf dem Foto ist Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi zu sehen, die sich über die roten Gitterstäbe ihres Zaunes beugt, um zum ersten Mal nach dem Ende ihres 15-jährigen Hausarrests mit ihren auf der anderen Seite versammelten Anhängern zu sprechen. Rechts daneben steht Htin Kyaw, den Suu Kyi schon aus Schulzeiten kennt und der ebenso wie sie in Oxford studiert hat.

Doch auch wenn der zurückhaltende 69-Jährige seit Jahrzehnten zum engsten Kreis um Suu Kyi zählt, hätte er vor wenigen Wochen wohl nicht einmal im Traum daran gedacht, dass ihn diese Verbindung einmal ins höchste Staatsamt Myanmars katapultieren würde. Zu sehr schien diese Rolle jener Frau zugedacht, die überall ehrfurchtsvoll "The Lady" genannt wird.


Dass Htin Kyaw und nicht die fast schon abgöttisch verehrte Demokratieikone Suu Kyi am Dienstag zum ersten zivilen Staatsoberhaupt seit mehr als einem halben Jahrhundert gewählt wurde, ist vor allem den gescheiterten Verhandlungen der vergangenen Wochen geschuldet. Nach den Parlamentswahlen im November, bei der ihre Nationale Liga für Demokratie (NLD) fast vier Fünftel der zur Wahl stehenden Sitze erobern konnte, hatte Suu Kyi versucht, eine Verfassungsänderung zu erwirken, die ihr doch noch eine Kandidatur für das Präsidentenamt erlaubt. Doch die mächtige Armee, die auch nach dem formellen Ende der Militärherrschaft über eine Sperrminorität bei Verfassungsfragen verfügt, blieb bei Paragraf 59(f) hart. Auch zukünftig darf in Myanmar niemand Präsident werden, der so wie Suu Kyi nahe Verwandte hat, die ausländische Staatsbürger sind.

Welche Rolle Htin Kyaw einnehmen wird, wenn er Ende des Monats die Präsidentschaft von Ex-General Thein Sein übernimmt, ist dementsprechend unklar. Denn dass der Sohn eines berühmten Poeten vor allem ein Präsident von Suu Kyis Gnaden ist, war auch schon offensichtlich, bevor er am Dienstag unter dem Jubel der Abgeordneten erklärt hatte, sein Sieg gebühre vor allem der NLD-Chefin. Bereits unmittelbar nach der Wahl hatte Suu Kyi angekündigt, sie werde "über" dem formellen Staatsoberhaupt stehen und die Fäden auch weiterhin in der Hand halten.

Eine von Htin Kyaws wichtigsten Funktionen könnte es daher sein, gemeinsam mit Suu Kyi das neue Gesicht Myanmars zu repräsentieren. Über die entsprechende Erfahrung dürfte Htin, der zu Zeiten von Suu Kyis Hausarrest oft als ihr Bote und oder Kontaktmann auftrat, verfügen. "Er mag im Land nicht sehr bekannt sein, aber er weiß, wie man sich auf internationalem Parkett bewegt", meinte ein Diplomat in der Hafenstadt Yangon.

Neue Spannungen
Diplomatisches Geschick wird Htin Kyaws freilich auch im Umgang mit dem Militär benötigen. Denn vor allem die jüngsten Verhandlungen über eine Verfassungsänderung haben die Fronten wieder verhärtet. Laut hochrangigen NLD-Mitgliedern ist es deutlich schwieriger geworden, Kompromisse zu erzielen, selbst über kleine Formalangelegenheiten wie die Auswahl von Veranstaltungsorten soll mittlerweile hart gerungen werden. Dass der Versöhnungsprozess mittlerweile erhebliche Kratzer abbekommen hat, zeigt nicht zuletzt, dass das Militär den ihm zustehenden Posten des Vizepräsidenten mit dem Hardliner Myint Swe besetzt hat. Der 64-jährige General, der als Vertrauter des früheren Diktators Than Shwe gilt, soll 2007 den Einsatzbefehl für die blutige Niederschlagung der von den Mönchen getragenen "Safran"-Revolution gegeben haben.

Htin Kyaw könnte sich allerdings als der richtige Mann entpuppen, um die Aussöhnung wieder voranzutreiben, denn im Vergleich zu Suu Kyi ist sein Verhältnis zu den Militärs deutlich weniger belastet. Und möglicherweise könnte der neuen Präsident Myanmars dann schon bald mehr sein als der Mann, der auf Fotos neben Suu Kyi steht.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-03-15 17:53:05




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Glück geht auch ohne Demokratie
  2. Unruhe vor dem Sturm
  3. Mugabe wird doch kein Sonderbotschafter
  4. Rückenwind für Präsident Macri
  5. Wahltriumph für Ministerpräsident Abe
  6. Keine Scheu vor Deal mit Rechten
  7. Rechte siegen in Japan - Debatte um Verfassungsänderung


Werbung


Werbung