• vom 19.05.2016, 16:53 Uhr

Weltpolitik

Update: 19.05.2016, 21:55 Uhr

Kurdistan

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    Erbil. Erbil, Metropole des autonomen Irakisch-Kurdistan, galt lange Zeit als Boomstadt. Die weitgehend stabile Region erlebte vor 2014 jährliche Wachstumsraten von bis zu acht Prozent. Reiche Ölvorkommen lockten internationale Firmen wie ExxonMobil and Chevron. Mit ihnen kamen Subunternehmer, Sicherheitsdienste, Transportunternehmen und Baufirmen. Auf einer Fahrt durch Erbil stößt man heute auf Straßen, die ins Nichts führen, und Rohbauten, deren Bausubstanz langsam verfällt. Peschmerga klagen über ausbleibende Gehaltszahlungen und im Deutschen Hof, ein beliebter Treffpunkt für Expats, sitzen gerade mal ein Dutzend Gäste. "Früher waren hier 100 bis 200 Gäste jeden Abend", sagt der Brite Jason, Inhaber einer Öl-Firma. "Aber als Daesh (Islamischer Staat; Anm.) kam, gingen sie."

    Trotz der Wirtschaftskrise steht Irakisch-Kurdistan verhältnismäßig besser da als der restliche Irak. Vor allem, was die Sicherheit anbelangt. Daher kommen täglich neue Flüchtlinge in die Region, hauptsächlich Binnenvertriebene; Menschen, die vor Krieg und Terror in den Norden des Irak fliehen.


    Mietpreise explodieren
    1,9 Millionen Flüchtlinge befinden sich zurzeit in Kurdistan, das in etwa die Größe der Slowakei hat. Das ist viel bei einer Bevölkerung von rund 5,5 Millionen. Mehr als die Hälfte der Geflohenen lebt außerhalb von Camps; auf der Straße oder bei Verwandten, Wohlhabende mieten Wohnungen oder quartieren sich in Hotels ein. Die Nachfrage treibt die Mietpreise in die Höhe, laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) um 12 Prozent im Jahr 2015. Auch der Bedarf an Wasser, Strom und Müllmanagement steigt spürbar - eine Belastung für die Infrastruktur des Landes.



    "Bagdad unterstützt uns hierbei nicht", sagt Mohamed Hawdyani, Minister für Arbeit und Soziales in der Regionalregierung Kurdistans. Und auch von UN-Organisationen und ausländischen Regierungen erwarte er sich mehr Hilfe. "Die Flüchtlinge suchen bei uns Arbeit", klagt er. Oft seien sie bereit, für sehr wenig Geld zu arbeiten. Dadurch verlieren kurdische Arbeiter ihre Jobs, weil die natürlich mehr Lohn verlangen. "Die Situation ist eine große Herausforderung für uns." Im Jahr 2013 lag die Arbeitslosigkeit bei 5,7 Prozent. Neuere Statistiken gebe es nicht, so der Minister. "Aber wir gehen davon aus, dass die Zahl wegen der Wirtschaftskrise um ein Vielfaches höher ist."

    Hawdyani weiß natürlich, dass nicht die Flüchtlinge schuld an der wirtschaftlichen Misere sind.

    Mit Bagdad im Clinch
    Gefragt nach den Gründen für die Krise, nennt er als Erstes die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS/Daesh). Als diese im Sommer 2014 große Teile des Irak eroberte und 40 Kilometer vor Erbil stand, löste das nicht nur eine Fluchtwelle aus, sondern verunsicherte westliche Ölfirmen, die ihren Betrieb reduzierten und lokale Mitarbeiter entließen.

    Ein weiterer Grund seien die Spannungen zwischen Erbil und der Zentralregierung in Bagdad. Bagdad ist der Ansicht, dass die unabhängigen Ölexporte der Kurden illegal seien, da alles Öl aus dem Irak über eine staatliche Vertriebsgruppe verkauft werden sollte. Die Zentralregierung verweigert daher der Region Kurdistan ihren Anteil am Staatsbudget. "17 Prozent vom Budget stehen uns zu", so Hawdyani. "Seit vier Jahren erhalten wir unseren Anteil nicht mehr."

    Aber auch das Öl wirft längst nicht mehr so viel Geld ab wie einst. Wurde das Fass Rohöl vor Jahren noch für 90 bis 100 Dollar verkauft, fiel der Preis im Februar 2016 zwischenzeitlich auf unter 30 Dollar. "Dieses Geld fehlt uns", sagt der Minister, "Wir können die Gehälter der Beamten nicht mehr ausbezahlen." Und auch für die zahlreichen internationalen Projekte, die die Regierung in Auftrag gab, fehlt nun das Geld. "Viele Projekte mussten eingestellt werden", so der Minister.

    Kürzungen auf allen Ebenen
    Im Harsham-Camp in Erbil leben 2500 irakische Binnenvertriebene in Wohncontainern; "Die Wirtschaftskrise macht unseren Job schwer", sagt Ahmad Abdo von der Barzani Foundation. Die Straßen im Camp seien erst vor wenigen Tagen mit Kies befestigt worden. Davor verwandelten sie sich bei Regen regelmäßig in Schlammpisten. "Es dauert alles sehr lange, weil es kein Geld gibt", so Abdo. Deshalb sei der Strom reduziert worden. "Vor der Krise gab es 18 Stunden am Tag Strom, jetzt weniger als zehn." Ohne Strom bleibt das Wasser aus, weil dieses mittels einer elektrischen Pumpe verteilt wird.

    Weil sie keinen Lohn mehr erhalten, kommen viele Lehrer nicht zum Unterricht oder haben ihre Arbeitszeit reduziert. Klassen werden zusammengelegt, Stunden entfallen. Das betrifft auch die mehr als 70 Schulen für Flüchtlingskinder, in denen auf Arabisch unterrichtet wird. Mit Dauer der Krise wird sich diese Situation noch verschärfen. Schon jetzt geht ein Großteil der Kinder, die außerhalb von Camps leben, nicht zur Schule, weil sich die Eltern den täglichen Schultransport und die Kosten für die Lernmaterialien nicht leisten können.

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    Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
    Dokument erstellt am 2016-05-19 16:56:08
    Letzte ─nderung am 2016-05-19 21:55:50




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