• vom 08.07.2016, 17:40 Uhr

Weltpolitik

Update: 11.07.2016, 13:26 Uhr

China

Das Geisterschiff




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Von Wolfgang Liu Kuhn

  • Im Südchinesischen Meer rostet zum Ärgernis Chinas ein havariertes philippinisches Schiff als militärischer Vorposten vor sich hin. Das Schiedsgericht in Den Haag klärt nun die Gebietsansprüche.

Neben Ratten und Kakerlaken leben bis zu zwölf philippinische Soldaten auf dem Schiff im Südchinesischen Meer. - © Reuters/Erik de Castro

Neben Ratten und Kakerlaken leben bis zu zwölf philippinische Soldaten auf dem Schiff im Südchinesischen Meer. © Reuters/Erik de Castro

Peking. "BRP Sierra Madre". Das klingt ein bisschen nach Urlaub, Sommer, Sonnenschein. Doch auf dem havarierten Kriegsschiff, das auf einer etwa 1,5 Meter flachen Untiefe inmitten der Südchinesischen See festsitzt, möchte niemand Ferien machen: Die graue Stahlhülle ist von dicken Rostflecken überzogen, überall klaffen Löcher, Meerestiere haben es sich auf dem zerbeulten Schiffskörper bequem gemacht. Längst ist das Oberdeck morsch geworden. Wenn der Regen fällt - und das tut er oft -, tropft er in das Innere des schrottreifen Kahns. Türkisfarbenes Wasser umspült das trostlose Geisterschiff, das jeden Moment auseinanderzubrechen droht und sich perfekt als Filmkulisse für Endzeitfilme wie "Waterworld" eignen würde.

Und doch ist in der tropischen Hitze noch Leben an Bord: Neben Ratten und Kakerlaken schieben acht bis zwölf Soldaten der philippinischen Armee hier Dienst. Sie vertreiben sich den Tag mit Instandhaltungsarbeiten, gehen fischen und informieren ihre Angehörigen am Abend über ein Satellitentelefon, dass sie immer noch am Leben sind. Zu Hause in ihrer Heimat sind die bemitleidenswerten Marines Volkshelden. Regelmäßig berichtet das Fernsehen über ihren heldenhaften Einsatz für das Vaterland, das sich gegen einen übermächtigen Gegner zur Wehr setzen muss - gegen China.

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Umstrittenes Niemandsland
Denn das morsche Schiff liegt nicht zufällig auf Grund, und der desolate Zustand soll nicht da-
rüber hinwegtäuschen, dass es sich bei der "BRP Sierra Madre" um einen militärischen Vorposten handelt. Einst stand das 100 Meter lange Schiff im Dienst der USA und fuhr Einsätze im Zweiten Weltkrieg sowie später im Vietnam-Krieg. Danach übernahm es die philippinische Marine, die es 1999 mit Absicht an besagter Stelle auf Grund laufen ließ. In-
ternational ist der Ort als Second Thomas Shoal bekannt, die Philippinen nennen ihn Ayungin Shoal und die Chinesen sagen Renai Shoal dazu.

Schon die Namensgebung zeigt, dass die Situation verworren ist: Die Untiefe liegt inmitten der Spratly-Inseln, auf die neben den beiden Haupt-Kontrahenten auch Vietnam, Malaysia, Brunei und Taiwan teilweise überlappende Ansprüche erheben. Diese Gruppe von unbewohnten Inseln verteilt sich über eine Fläche von rund 427.000 Quadratkilometern, auf das Gebiet entfallen zehn Prozent des weltweiten Fischfangs, zudem werden unterhalb des Meeresbodens reiche Energievorkommen vermutet. Vor allem aber erklärt sich das Interesse durch die strategische Lage an einer der weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten.

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Dokument erstellt am 2016-07-08 17:44:08
Letzte ─nderung am 2016-07-11 13:26:05




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