• vom 31.07.2016, 08:30 Uhr

Weltpolitik

Update: 31.07.2016, 09:50 Uhr

Mynamar

Die unverheilten Wunden der Diktatur




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Von Klaus Huhold

  • Ma Thida war während der Militärjunta in Myanmar politische Gefangene. Meditation half ihr damals, ihre Haft zu überstehen.

Szenen einer zerrütteten Gesellschaft: Angehöriger vor dem Insein-Gefängnis; Moslems beten, nachdem eine Moschee zerstört wurde; Aufmarsch der Armee. - © reuters

Szenen einer zerrütteten Gesellschaft: Angehöriger vor dem Insein-Gefängnis; Moslems beten, nachdem eine Moschee zerstört wurde; Aufmarsch der Armee. © reuters



Rangun/Wien. Als Ma Thida aus dem Gefängnis kam, bedankte sie sich bei denen, die sie eingesperrt hatten. "Ohne diese Pause in meinem Leben hätte ich mich niemals so in die Meditation vertiefen können", erzählt die Schriftstellerin aus Myanmar (Burma). "Dadurch habe ich das eigene Selbst und damit das Universum besser verstehen gelernt."

Ma Thida war von 1993 bis 1999 eingekerkert. Damals herrschten die Militärs in dem südostasiatischen Land mit eiserner Hand. Sie hatte sich für Demokratisierung eingesetzt, für Meinungsfreiheit und Bürgerrechte gekämpft, sich für die politische Opposition engagiert.

"Ich hatte damit gerechnet, ins Gefängnis zu kommen", berichtet Ma Thida, deren Memoiren demnächst auf Englisch erscheinen werden. Denn viele ihrer Mitstreiter waren schon eingesperrt. Schließlich landete sie im Insein-Gefängnis in Rangun. In der berüchtigten Haftanstalt saßen Kriminelle, aber auch viele politische Gefangene ein. Insein wurde zu einem Symbol der Unterdrückung und des Kampfes gegen die Militärjunta, die von 1962 an rund fünfzig Jahre uneingeschränkt herrschte.

Doch auch wenn sie schon viel über die Zustände in dem Gefängnis gehört hatte, lag dann vieles außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Nicht, dass sie sich über die Bedingungen - so war sie etwa oft isoliert - falsche Vorstellungen gemacht hätte. "Ich war überrascht, wie schnell die Leute ihren Überzeugungen über Bord warfen", berichtet Ma Thida, die auf Einladung des Instituts für Internationale Entwicklung der Universität Wien in Österreich war der "Wiener Zeitung".



Das Gefängnispersonal hätte den Häftlingen seine Macht spüren lassen, ständig Druck ausgeübt. Viele Gefangene, ob Kriminelle oder aus politischen Gründen Eingesperrte, gaben dieser Erpressung nach, indem sie ihre Peiniger bestachen - vor allem, wenn es darum ging, körperliche Leiden dadurch zu schmälern.

Ma Thida weigerte sich, dabei mitzumachen. "Wenn ich das System des Schmiergeldes hätte mittragen wollen, dann hätte ich gleich außerhalb der Gefängnismauern Beamten bestechen und dort Karriere machen können."

So stritt Ma Thida, die selbst ein Medizinstudium absolviert hatte, sich lieber mit der Chefärztin über angemessene Behandlungen für Gefangene. Dabei war sie zeitweise vollkommen abgemagert, wog weniger als 40 Kilo, weil sie neben anderen Krankheiten an Tuberkulose litt.

Antwort auf Macht der Wärter

Es war, kann man vielleicht sagen, Ma Thidas Art, die äußere Macht der Wärter zu brechen, indem sie sich ihr innerlich nicht unterwarf - egal, welche Konsequenzen das für sie haben würde. Sie bestand darauf, mit dem Gefängnispersonal auf Augenhöhe zu sprechen. Sie setzte den Zuständen im Gefängnis die buddhistische Vipassana-Meditation entgegen. "Das gab mir mehr Kraft", sagt sie.

Wie die Meditation genau funktioniere, sei kompliziert zu erklären. Kurz gesagt, ginge es um die Beziehung zwischen Körper und Geist, wodurch man sich selbst und seine Mitmenschen besser verstehen würde. Dabei würde sich die Grenze zwischen Gut und Böse auflösen, das eigene Ich sich relativieren und man würde lernen, auf Mitmenschen nicht mit Hass, auf äußere Umstände nicht mit Wut zu reagieren, sondern der Welt mit innerer Ausgeglichenheit zu begegnen.

Als Ma Thida dann 1999 wegen ihres schlechten gesundheitlichen Zustandes aus dem Gefängnis entlassen wurde, hatte sich an den Verhältnissen in ihrem Land wenig geändert. Und noch mehr als ein weiteres Jahrzehnt sollte die Junta herrschen und keine politische Alternative neben sich dulden.

Doch dann leiteten die international zusehends isolierten Militärs in dem vollkommen herabgewirtschafteten Land eine Demokratisierung ein. Heute sitzen viele ehemaligen Insassen des Insein-Gefängnisses in Parlament und Regierung. Die einst von der Junta verfolgte Nationale Liga für Demokratie (NLD) hat die Wahl im vergangenen Jahr haushoch gewonnen. Allerdings hatte sich die Armee schon im Vorfeld abgesichert, sodass sie weiter viel Einfluss behält: Einzelne Schlüsselministerien wie das für Inneres unterstehen weiter dem Militär, für das auch ein Viertel der Parlamentssitze reserviert sind. Dadurch kann die Armee Verfassungsänderungen blockieren.

Ma Thida ist Ärztin, Autorin und eine wichtige Stimme in ihrer Heimat Myanmar.

Ma Thida ist Ärztin, Autorin und eine wichtige Stimme in ihrer Heimat Myanmar.© klh Ma Thida ist Ärztin, Autorin und eine wichtige Stimme in ihrer Heimat Myanmar.© klh

Doch laut Ma Thida herrsche in den Köpfen der Bürger ohnehin noch die Diktatur. Denn jahrhundertelang hätte das Land nichts anderes gekannt. Zwar gab es nach dem Erlangen der Unabhängigkeit 1948 eine kurze demokratische Phase. Doch schon vor der Machtergreifung des Militärs 1962 herrschten die britischen Kolonialherren oder Monarchen. "Probleme wurden immer mit Gewalt und Brutalität gelöst", sagt Ma Thida. "Die Leute haben nicht erfahren, wie man sie friedlich lösen kann." Das ist laut Ma Thida auch die Wurzel der Gewaltausbrüche, die sich in dem großteils buddhistischen Land gegen Moslems abspielen.

In Myanmar wurden immer wieder Moscheen angezündet, in der Stadt Mandalay jagte 2014 ein buddhistischer Mob Moslems mit Stöcken und Schwertern und im Bundesstaat Rakhine kam es bereits 2012 zu schweren Ausschreitungen gegen die moslemische Minderheit der Rohingya, die bis heute teilweise in Lagern leben müssen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-07-29 17:47:07
Letzte ńnderung am 2016-07-31 09:50:11




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