• vom 12.08.2016, 17:12 Uhr

Weltpolitik

Update: 24.08.2016, 14:38 Uhr

China

Die Renaissance der Kulturrevolution




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Von Susanne Weigelin-Schwiedrzik

  • China 50 Jahre danach: Wird die Kulturrevolution wieder hoffähig?

Der Schwur der Roten Garden auf das Rote Buch Mao Zedongs. - © Getty Images/Bettman Archiv

Der Schwur der Roten Garden auf das Rote Buch Mao Zedongs. © Getty Images/Bettman Archiv

Rote Garden halten am 18. August 1966 am Tiananmen-Platz begeistert Maos Rotes Buch in die Höhe.

Rote Garden halten am 18. August 1966 am Tiananmen-Platz begeistert Maos Rotes Buch in die Höhe.© Getty Images/VCG Rote Garden halten am 18. August 1966 am Tiananmen-Platz begeistert Maos Rotes Buch in die Höhe.© Getty Images/VCG

Wien/Peking. Eigentlich hatte die Propagandaabteilung beim Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Chinas die Parole ausgegeben, dass im 50. Jahr nach der Ausrufung der Kulturrevolution im Sommer 1966 keine Artikel über die in China auch "10 Jahre des Chaos" genannte Zeit veröffentlicht werden sollten. Die Strategie der Tabuisierung ist jedoch wieder einmal nicht aufgegangen. In dem Zentralorgan der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), der Pekinger "Volkszeitung", erschien am 17. Mai 2016 ein Artikel, in dem die Ablehnung der Kulturrevolution beschworen, Mao für das Unheil verantwortlich und die dahintersteckende Ideologie für absurd erklärt wurde: "Die Geschichte hat bewiesen, dass die Kulturrevolution in Theorie und Praxis völlig falsch war. Weder hätte sie es sein können, noch war sie in irgendeinem Sinne revolutionär oder sozial progressiv." Der Artikel ruft dazu auf, die "Erfahrungen aus der Kulturrevolution fest in Erinnerung zu behalten" und warnt vor allen Versuchen "von links und rechts", sich unaufgefordert zu Fragen der Kulturrevolution zu äußern.

Warum muss die Partei die Notwendigkeit, die Kulturrevolution abzulehnen, so unterstreichen?


Auch wenn die Mehrheit der Chinesen wahrscheinlich nach wie vor kein positives Bild von der Kulturrevolution hat, macht sich doch in der Gesellschaft eine Stimmung breit, die im Lichte der aktuellen Probleme die Vergangenheit verklärt.

Kulturrevolutions-Nostalgie
Zwei Argumente werden vorgetragen: Zum einen habe die Kulturrevolution ermöglicht, dass sich jeder an politischen Diskussionen und Entscheidungen beteiligte. Nie habe es in der chinesischen Geschichte mehr Demokratie und Partizipation gegeben als in den rebellischen späten Sechzigerjahren. Außerdem habe es in der Kulturrevolution keine Korruption gegeben, die Menschen seien wirtschaftlich weitgehend gleichgestellt gewesen und hätten ein einfaches, asketisches Leben geführt. In dieser Argumentation taucht allerdings nicht auf, dass diejenigen, die in die Schusslinie gerieten, sich dagegen nicht wehren konnten, ohne Gerichtsverfahren im Gefängnis landeten und oftmals zu Tode kamen. Auch taucht in dieser Argumentation nicht auf, dass Chinas Wirtschaft durch die Kulturrevolution in erhebliche Schwierigkeiten geriet und Mitte der Siebzigerjahre kaum die Bevölkerung ernähren konnte. Die Vergangenheit wird zur Utopie. Die Verlierer der Politik von Reform und Öffnung melden sich zu Wort.

Rote Garden demütigen ihre Gegner und treiben Tausende in den Selbstmord.

Rote Garden demütigen ihre Gegner und treiben Tausende in den Selbstmord.© Everett Collection/picturedesk.com Rote Garden demütigen ihre Gegner und treiben Tausende in den Selbstmord.© Everett Collection/picturedesk.com

Angesichts fallender Wachstumsraten gerät das implizite Stillhalteabkommen zwischen der KPCh und der Bevölkerung in der Volksrepublik China ins Wanken. Mit der Politik von Reform und Öffnung hatten Deng Xiaoping und die Kommunistische Partei der Bevölkerung versprochen, dass es ihr Jahr um Jahr besser gehen würde. Lange hatte sie dieses Versprechen zumindest in den Augen vieler Chinesen halten können. Doch mit einer Wirtschaft, die nur noch langsam vor sich hinwächst, beschleicht immer mehr Menschen der Verdacht, dass andere zwar weiterhin profitieren, sie selbst aber nicht mehr.



In einer solchen Situation der wachsenden Unzufriedenheit erinnern sich die Leute daran, dass es in einem autoritären Regime nur eine Möglichkeit gibt, die Verhältnisse zu ändern: Man muss sie grundlegend in Frage stellen. Die Kulturrevolution bietet dazu das einzige Modell, das China je hervorgebracht hat. Dieses Modell kennt man. Einen anderen Weg kennt man nicht.

Die Parteiführung hat längst erkannt, wie gefährlich diese Entwicklung ist. Schon vor der Wahl Xi Jinpings zum Parteivorsitzenden begann die Suche nach einer Lösung.

Machtkampf in der Partei

Kritik an Konfuzius wurde in der Kulturrevolution großgeschrieben.

Kritik an Konfuzius wurde in der Kulturrevolution großgeschrieben.© Getty Images/Bettman Archiv Kritik an Konfuzius wurde in der Kulturrevolution großgeschrieben.© Getty Images/Bettman Archiv

Wie immer, wenn die Stabilität der gesellschaftlichen Verhältnisse unter Druck gerät, bilden sich unterschiedliche Meinungsgruppen innerhalb der Partei. Zwei dieser Gruppen haben sich schon vor dem 18. Parteitag ein Duell geliefert.

Der unterlegene Parteichef der Megacity Chongqing und Idol des linken Flügels der Partei, Bo Xilai, sitzt nach einer Verurteilung wegen korrupter Machenschaften 2013 im Gefängnis. In seinem Prozess wurde viel von Amtsmissbrauch gesprochen. So blieb im Ausland weitgehend unbemerkt, dass es auch um die Auseinandersetzung darüber ging, wie man das angeschlagene Image der KPCh wieder aufpolieren und die Stabilität der politischen Ordnung gewährleisten könnte. Bo Xilai hatte als Bürgermeister der Metropole Chongqing mit über 30 Millionen Einwohnern die soziale Frage in den Mittelpunkt seines politischen Programms gestellt. Er hatte mit einem Wohnbauprogramm bezahlbare Wohnungen zur Verfügung gestellt, das Gesundheitssystem sozial verträglicher gemacht und gleichzeitig mit seinen politischen Gegner aufgeräumt, indem er den Kampf gegen die "schwarze" Gesellschaft führte und die Mafia bekämpfte.

Was dabei oft nur am Rande erwähnt wird: Er rief die Bevölkerung zu mehr Solidarität und Zusammenhalt auf und meinte, dies dadurch befördern zu können, dass er an bestimmte Erinnerungen aus der Kulturrevolution anknüpfte. So ließ er nicht nur, wie auch außerhalb Chinas kolportiert, die revolutionären Lieder aus der Zeit der Kulturrevolution wieder in der Öffentlichkeit singen; er schickte auch seine Kader in die ländliche Umgebung seiner Millionenstadt, damit sie sich vor Ort mit den Lebensverhältnissen vertraut machen und ihre Fähigkeit, Probleme zu lösen, unter Beweis stellen. Die Landverschickung der Kader war seit Maos Tod abgeschafft worden.

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Dokument erstellt am 2016-08-12 17:17:16
Letzte ─nderung am 2016-08-24 14:38:08




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