• vom 09.09.2016, 17:48 Uhr

Weltpolitik


Nordkorea

Ein bedrohliches Ausrufezeichen




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  • Nordkorea hat den nächsten Atomtest durchgeführt, die Sprengkraft war dabei gewaltig wie nie zuvor. Die internationale Gemeinschaft ist entsetzt, was Pjöngjang aber offenbar wenig kümmert.

Nordkoreanische Soldaten schauen bei einer Parade zu Kim Jong-un auf. - © ap

Nordkoreanische Soldaten schauen bei einer Parade zu Kim Jong-un auf. © ap



Pjöngjang/Wien. (klh) Der Feiertag wurde auf nordkoreanische Art begangen: Am Freitag, zum 68. Jahrestag der Staatsgründung des kommunistischen Staates, hat Nordkorea offenbar einen fünften Atomtest durchgeführt. Genauso wie sein verstorbener Vater Kim Jong-il liebt es auch der nunmehrige Diktator Kim jong-un, bei derartigen Anlässen Ausrufezeichen zu setzen und somit die Stärke seines Regimes unter Beweis zu stellen.

Es ist freilich auch eine Botschaft an die internationale Gemeinschaft - und diese Botschaft ist bedrohlich wie noch nie: Die Sprengkraft war beim fünften Test laut Experten gewaltiger als bei allen anderen Atomtest davor. Jeffrey Lewis vom Middlebury Institut Internationaler Studien in Kalifornien schätzte sie gar auf 20 bis 30 Kilotonnen. Das wäre mehr als bei der US-Bombe auf die japanische Stadt Hiroshima, damals waren es 15 Kilotonnen. Südkoreas Militär ging der Nachrichtenagentur Yonhap zufolge vorerst von zehn Kilotonnen aus. Und noch eine Entwicklung lässt die Alarmglocken schrillen: Nordkorea verkündete, dass es nun auch Raketen mit Kernwaffen bestücken und über große Strecken hinweg einsetzen kann. Das Land habe unter Beweis gestellt, dass es ballistische Mittelstreckenraketen mit nuklearen Sprengköpfen versehen könne, erklärte die Führung in Pjöngjang.

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Von unabhängiger Seite konnte dies noch nicht bestätigt werden. Aber: Südkorea äußerte sich besorgt, dass der Norden nach Geheimdiensterkenntnissen Fortschritte bei der Verkleinerung von Sprengköpfen mache, sodass diese für ballistische Waffen eingesetzt werden könnten.

Pekings Dilemma
Und auch sonst war man in Südkorea entsetzt über die jüngste nordkoreanische Machtdemonstration. Präsidentin Park Geun-hye erklärte, der Test belege die "wahnsinnige Rücksichtslosigkeit" von Machthaber Kim. Ähnlich waren auch die übrigen Wortmeldungen der internationalen Gemeinschaft: Die EU, die USA und Russland verurteilten den Test scharf und drohten ernste Konsequenzen an. Selbst China kündigte eine Protestnote an - machte aber auch den Westen mitverantwortlich. Washington und Seoul hätten "Öl ins Feuer gegossen", indem sie das moderne US-Raketenabwehrsystem Thaad stationieren wollten, was auch China als Bedrohung empfindet.

Das Verhalten Nordkoreas bringt China laut Beobachtern in ein Dilemma: Einerseits schätzt Peking Nordkorea als Pufferstaat zu Südkorea, wo US-Truppen stationiert sind. Andererseits ist die Volksrepublik sehr unglücklich über die Aufrüstung Nordkoreas.

Zumal das Regime in Pjöngjang, das auf seine Souveränität gegenüber dem mächtigen Nachbarstaat besteht, China auch noch provoziert. Ausgerechnet während des Gipfels der 20 wichtigsten Industrienationen (G20) im chinesischen Hangzhou Anfang der Woche feuerte Nordkorea drei ballistische Raketen ab, die bis in den japanischen Luftverteidigungsraum geflogen sind.

Aufrüstung als Schutzschild
Der UN-Sicherheitsrat kündigte jedenfalls bereits am Freitag eine Sondersitzung zu Nordkorea an. Es ist möglich, dass auch China in Zukunft verschärfte Sanktionen gegen Nordkorea mitträgt. Aber nur bis zu einem gewissen Grad: Denn gleichzeitig will die KP in Peking einen Kollaps des atomar aufgerüsteten, aber wirtschaftlich enorm schwachen Staates an seiner Grenze vermeiden.

Wie sehr die internationale Gemeinschaft schließlich den Druck auf Nordkorea auch erhöhen wird, sie wird Kim Jong-un wohl wenig beeindrucken. Sämtliche Drohungen und Sanktionen haben Nordkorea bisher nicht von seinem Kurs abbringen können. Denn das Regime in Pjöngjang sieht offenbar in der atomaren Aufrüstung seinen besten Schutzschild, dass es nicht durch eine militärische Intervention von außen gestürzt werden kann. Es geht Kim und seiner Entourage immer und zuallererst um den eigenen Machterhalt - und dafür ist man sichtlich auch bereit, Sanktionen und wirtschaftlichen Schaden in Kauf zu nehmen.




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Dokument erstellt am 2016-09-09 17:53:07




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