• vom 15.09.2016, 06:26 Uhr

Weltpolitik

Update: 15.09.2016, 12:10 Uhr

Russland

Der russische Trump




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Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • Rechtspopulist Wladimir Schirinowski will am Sonntag zweitstärkste Kraft im russischen Parlament werden.

Fühlt sich Trump so verbunden, dass er einen Verwandtschaftstest möchte: Schirinowski. - © ap/Metzel

Fühlt sich Trump so verbunden, dass er einen Verwandtschaftstest möchte: Schirinowski. © ap/Metzel

Moskau. Kotelett, Kascha und Kompott. "Das nenne ich mal ein richtiges Essen!", frohlockt Wladimir Schirinowski. Die Studenten, die neben ihm am Tisch sitzen, sind unter dem Licht der Fernsehkameras zur Regungslosigkeit erstarrt. "Wisst ihr, im Westen bekommt man ja nichts mehr auf den Teller, das zuvor im Boden gewachsen ist", sagt der Rechtsnationalist großväterlich und hebt, wie er dies so gerne tut, drohend den Finger: "Alles künstlich!" Dann wendet sich Schirinowski zu den Journalisten: "Wir werden von Bauern aus dem Moskauer Umland beliefert", doziert er. "Das ist das leckerste und billigste Mensa-Essen von ganz Russland!"

Heute hat der 70-Jährige einen weißen Kittel über seinen glänzend-grauen Anzug geworfen. Es ist ein Heimspiel: Schirinowski ist gekommen, um im Moskauer Zentrum die Mensa des "Instituts für Zivilisationen", das er selbst gegründet hat, zu inspizieren. Patriotisch-bizarr gegen den Westen wettern und es dabei mit der Wahrheit nicht so genau nehmen: ein typischer Schirinowski-Auftritt. Am Eingang zählt eine Digitalanzeige den Countdown bis zum "Sieg" - den Parlamentswahlen am Sonntag - herunter. Nach dem Essen werden die Studenten für Selfies mit dem Politiker Schlange stehen. Zu Ehren des Gründers ist im Innenhof eine Statue aufgestellt. Ein Bronze-Bildnis aus jüngeren und auch schlankeren Jahren.

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Der 70-Jährige will am Sonntag mit seiner "Liberal-Demokratischen Partei Russlands" (LDPR) zum ersten Mal seit 1995 die zweitstärkste Partei in der Duma werden. Umfragen des unabhängigen - jüngst ins Visier des Kreml geratenen - Lewada-Instituts sehen die Partei mit 14 Prozent nur knapp hinter den Kommunisten (15 Prozent), aber deutlich hinter der Putin-Partei "Einiges Russland" (50 Prozent). Keine andere Partei hat so viel wie LDPR für ihre Wahlkampagne ausgegeben, so die Daten der Zentrale Wahlkommission.

Stacheldraht-Phantasien
Den Namen der "Liberal-Demokratischen Partei Russlands" darf man dabei nicht allzu wörtlich nehmen. Denn Schirinowski vertritt einen populistischen, ultra-nationalistischen bis rassistischen Kurs. Rumänien? Von italienischen Zigeunern besetzt. Die Weltwirtschaft? Von Juden beherrscht. Noch lange vor Donald Trumps Idee, eine Mauer an der US-mexikanischen Grenze zu bauen, schlug Schirinowski vor, einen Stacheldrahtzaun durch den Nordkaukasus zu ziehen, um Russland vor Muslimen zu schützen. Je nach außenpolitischer Konjunktur soll einmal Washington, Istanbul oder Berlin im atomaren Staub verpuffen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-09-14 15:32:09
Letzte Änderung am 2016-09-15 12:10:16




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