• vom 18.09.2016, 08:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 18.09.2016, 12:19 Uhr

Flüchtllinge

Die neue Route Richtung Europa




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Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

  • Eine Reise an die Mittelmeerküste Ägyptens, von wo aus nun immer mehr Menschen versuchen, nach Italien zu gelangen.



Schlepper Naggy brachte es zu beachtlichem Wohlstand.

Schlepper Naggy brachte es zu beachtlichem Wohlstand. Schlepper Naggy brachte es zu beachtlichem Wohlstand.

Alexandria. Ibrahim trägt eine braune Galabija, das traditionelle, knöchellange Gewand ägyptischer Männer, und schaut versonnen auf das Mittelmeer. Wie eine Perlenkette reihen sich die Fischerboote aneinander und fahren hinaus aufs offene Meer. Wir sind auf halbem Weg zwischen Alexandria und Damietta, dort, wo der Sand am feinsten, das Meer am ruhigsten ist und sich nur wenige Badegäste verirren.

Fischen am helllichten Tag? "Nein", antwortet Ibrahim, "das sind Flüchtlinge." Früher hätten hier alle vom Fischfang gelebt, auch er. Doch seitdem immer mehr Menschen nach Europa wollen, habe das Geschäft mit den Flüchtlingen die Fischerei abgelöst. Auch er habe sein Boot an die Schlepperbande verkauft und gutes Geld dafür kassiert. Ob er denn zurückfände zum Fischfang, wenn die Flüchtlingswelle abebbe? Er zuckt mit den Schultern. Im Moment sähe es nicht danach aus, sagt der 54-Jährige, im Gegenteil. Die Fahrten übers Mittelmeer hätten in den letzten Wochen drastisch zugenommen, seit in Libyen die Küsten stärker bewacht werden. Östlich von Alexandria sei man ungestörter. Er habe noch keine Küstenwache gesehen und die Polizei vor Ort drücke beide Augen zu. Ibrahim macht eine unverkennbare Handbewegung: "Bakschisch", flüstert der Ägypter - Schmiergeld. Und dann: "Es sind ja längst nicht mehr nur Syrer und Schwarze aus Somalia und Eritrea, die nach Europa wollen, sondern immer mehr Ägypter."



Dem Hinweis des Fischers folgend, fahren wir nach Burg el Burullus, ein Fischerdorf, das zum Umschlagplatz für Flüchtlingsboote geworden sein soll. Idyllisch gelegen, hat der Ort sowohl Zugang zum Meer als auch zum Nil, der weit verzweigt sein Delta bildet und einen kleinen See vor dem Dorf geschaffen hat. Hadi sitzt in einem Kaffeehaus an der Hauptstraße, die schnurgerade durch den Ort führt, genießt seinen Feierabend und trinkt eiskalten Karkade, den dunkelroten Hibiskustee.

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Er sei Schiffbauer, erzählt der 30-Jährige, wie alle hier. Stolz zeigt er Fotos von Jachten, die er für reiche Golfscheichs gebaut und ausgestattet hat. Momentan lebten sie aber zunehmend vom Umrüsten gebrauchter Fischkutter zu Flüchtlingsbooten. Diese würden dann außerhalb der Zwölf-Meilen-Zone in internationale Gewässer gebracht, wo sie vor dem Zugriff der Küstenwache sicher seien. Wenn das Boot dann voll ist, gehe es Richtung Italien.

"Mit diesem Lohn kann ich nicht einmal heiraten"



Am nächsten Morgen nimmt uns Hadi mit zum Hafen. Dort liegen hunderte von Fischkuttern aller Größen, Jahrgänge und in unterschiedlichem Zustand. Es wird geschweißt, gehämmert, gestrichen. Hadi rüstet gerade einen mittelgroßen Kutter um, entfernt die Seile für die Netze, setzt die Flaschenzüge fest und rollt die Taue zusammen.

Etwa 400 Leute fänden Platz, wenn die Umrüstung beendet sei, meint der Schiffbauer. Zwischen einer und 1,5 Millionen ägyptischer Pfund müsste ein Schlepper dem Schiffseigner dafür bezahlen. Ein Euro sind derzeit offiziell zehn ägyptische Pfund. Auf dem Schwarzmarkt in Alexandria bekommt man zwölf Pfund für einen Euro. Da die Überfahrt in Devisen an die Schlepper bezahlt werden muss, steigt der Kurs ständig. Zwischen 30.000 und 50.000 Pfund pro Person kostet der gefährliche Trip nach Italien.

Hadi verdient 1500 Pfund im Monat. "Mit diesem Lohn kann ich noch nicht einmal heiraten, geschweige denn nach Lampedusa fahren", kommentiert er die Relation. Beim Gang über den Kutter zeigt er auf die freie Fläche am vorderen Deck. Es ist ihm sichtlich unwohl, als er berichtet, dass dort zuweilen ein Loch in den Schiffsboden gebohrt werde, wenn die italienische Küste in Sicht sei. Wenn das Schiff dann sinke, würden die Insassen von der italienischen Küstenwache gerettet, einschließlich der Mannschaft, so das Kalkül einiger Schlepper.

Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. "Es gibt schlimme Geschichten, wie sie die Flüchtlinge behandeln", sagt Hadi. Das Geschäft läge aber fest in der Hand einer Mafia in Rashid. Die würde auch die Boote in Burg el Burullus kaufen, niemand anders.

Bereits vor drei Jahren wurden erste Berichte über Flüchtlingsbewegungen von der Küste Ägyptens veröffentlicht. Die Boote starteten damals von Damietta aus entweder nach Griechenland oder Zypern. Jetzt fahren sie nach Lampedusa oder Sizilien. Was langsam begann, hat sich mittlerweile zu einem Riesengeschäft ausgewachsen, das von Tag zu Tag größer wird.

Infolge des EU-Flüchtlingspaktes mit der Türkei wagen mehr Menschen denn je die lebensgefährliche Überfahrt über das zentrale Mittelmeer. Mittlerweile kämen aus Libyen 13- bis 14-mal mehr Flüchtlinge nach Italien als Migranten aus der Türkei nach Griechenland, sagt der Chef der EU-Grenzschutzagentur Frontex, Fabrice Leggeri.

"Früher haben wir Zigaretten und Drogen geschmuggelt"
"Die zentrale Mittelmeerroute ist so stark frequentiert wie noch nie." Leggeri rechnet mit bis zu 300.000 Menschen, die in diesem Jahr in Italien anlanden werden. Weil Frontex mit ihrer Mission "Sophia" seit kurzem die internationalen Gewässer vor Libyen kontrolliert, weichen die Flüchtlinge vermehrt nach Ägypten aus. Das hat Leggeri inzwischen erkannt. Ägypten entwickle sich zu einem "neuen Hotspot, die Route wächst". Die Überfahrt sei hochgefährlich, die Fahrt dauere oft länger als zehn Tage. "In diesem Jahr liegt die Zahl bei etwa 1000 Überfahrten per Schlepperboot aus Ägypten nach Italien." Die Tendenz sei steigend.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-09-16 17:26:17
Letzte Änderung am 2016-09-18 12:19:35




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