• vom 23.10.2016, 09:30 Uhr

Weltpolitik

Update: 23.10.2016, 14:47 Uhr

USA

Maschinelle Wahlhelfer




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Von Adrian Lobe

  • An der politischen Meinungsfront im Internet kämpfen Bots um die Deutungshoheit. Gewinnt am Ende der bessere Algorithmus?

Ein Schlachtfeld der Roboter: Twitter.

Ein Schlachtfeld der Roboter: Twitter.© afp/Dunand Ein Schlachtfeld der Roboter: Twitter.© afp/Dunand

Washington. Der US-Präsidentschaftswahlkampf geht in seine heiße Phase. Nach den schmutzigen TV-Duellen wetzen beide Lager die rhetorischen Klingen und fechten mit harten Bandagen. Doch die vielleicht entscheidenden Faktoren in der Schlammschlacht sind nicht die unermüdlichen Wahlhelfer oder Spin-Doktoren, sondern Bots - kurz für Robots in der Cyberwelt: In dem Fall sind die Roboter intelligente Computerprogramme, die automatisiert Meinungen generieren. Bots bombardieren den Kurznachrichtendienst systematisch mit propagandistischen Beiträgen.

Samuel Woolley, Forschungsdirektor des Computational Propaganda Project, schätzt, dass 80 Prozent von Donald Trumps Twitter-Traffic - Followers, Likes und Retweets - automatisiert sind. Es gibt mittlerweile sogar Bots, die vorspiegeln, für die - Trump alles andere als wohlgesinnte - Minderheit der Latinos zu sprechen. Dass sich Trumps offizieller Account "realDonaldTrump" nennt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, als müsse sich Trump von den automatisierten Claqueuren abheben.

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Roboter als Twitter-Follower
Bots manipulieren zunehmend die politische Willensbildung. Maschinen können zwar keine differenzierte Meinung vortragen, doch sie haben gegenüber menschlichen Wahlhelfern einen entscheidenden Vorteil: Sie sind billiger, murren nicht und werden nicht müde. Stündlich feuern sie aus allen Rohren, und in dem Dunstkreis aus Fakes und Halbwahrheiten, die die Faktenlage im Netz zunehmend vernebeln, könnten sie die Deutungshoheit erlangen. Das US-Magazin "Atlantic" fragte: "Haben Bots die Wahl 2016 infiltriert?" Das Phänomen lässt sich schwerlich quantifizieren. Eine Analyse des Software-Tools BotOrNot hat ergeben, dass knapp ein Viertel der Twitter-Follower von Donald Trump und Hillary Clinton von einem Computerprogramm betrieben wird. Insofern herrscht hier einigermaßen Waffengleichheit. Doch es ist schon kurios: Man muss erst ein System der Künstlichen Intelligenz (KI) befragen, um zu erfahren, ob sich hinter einem Twitter-Account ein Roboter verbirgt.

Tweets als Lauffeuer
Der Mensch kann die Maschine schon gar nicht mehr mit bloßem Auge erkennen, so unübersichtlich ist es an der Meinungsfront geworden. Die empirisch viel schwieriger zu klärende Frage ist, wie Bots echte Wähler beeinflussen. Wie viele Nutzer klicken auf einen Link, den Bots gepostet haben? Das ist wissenschaftlich noch nicht untersucht. Umso bedeutsamer ist die Frage, welche Rolle Computer in diesem Wahlkampf eigentlich spielen. Nach einer Studie der Oxford University wurde nach der ersten TV-Debatte am 26. September mehr als jeder dritte Tweet (37,2 Prozent) in Unterstützung von Trump von einem Software-Roboter abgesetzt. Auch Clinton profitierte von Bots. Bei ihr lag der Bot-Anteil allerdings nur bei 22,3 Prozent.

Wie problematisch das ist, zeigt, dass während des ersten TV-Duells zwischen Trump und Clinton ein von Trump 2012 abgesetzter, kruder Verschwörungstweet, wonach das "Konzept" der Erderwärmung eine Erfindung der Chinesen sei, um die Wettbewerbsfähigkeit der US-Automobilindustrie zu schwächen, zum meistgeteilten Tweet wurde. Computerprogramme haben damit in die Debatte um das TV-Duell eingegriffen und womöglich sogar Stimmungen gelenkt. Nach der Debatte bombardierten Trump-Anhänger, darunter auch Bots, die Online-Foren 4chan und Reddit, um Nutzer zu Stimmabgabe in Online-Umfragen zu mobilisieren. Mit Erfolg: Bei der CNBC-Umfrage war Trump mit 61 Prozent klarer Sieger, die NBC Nightly-News-Umfrage sah den Republikaner mit 51 Prozent vorn. Auf Twitter wurde "TrumpWon" - "Trump hat gewonnen" - zum Trending Topic. Damit steuern Fake-Accounts das Narrativ der Kampagne.

Facebook ließ in einer internen Umfrage darüber abstimmen, welche Verantwortung das Unternehmen habe, Donald Trump als Präsidenten zu verhindern. Technisch wäre dies kein Problem. Facebook könnte mit einer Modifikation seines Newsfeed-Algorithmus Pro-Trump-Beiträge filtern, Pro-Clinton-Artikel priorisieren. Die Suchmaschine Google sah sich mit dem Vorwurf konfrontiert, es hätte durch einen Eingriff in den Vervollständigungsmechanismus Autocomplete die Vorwahlkampagne von Hillary Clinton unterstützt.

Google im Clinton-Lager
So würde Google bei der Eingabe von "Hillary Clinton la" keinen "lawsuit", also eine Klage, sondern ein banales "laughing" (lachend) vorschlagen. Robert Epstein, Psychologe am American Institute for Behavioral Research and Technology, behauptet, dass Google die Präferenzen unentschlossener Wähler um 20 Prozent verändern könne. In mehreren Experimenten (im Labor und im "Realbetrieb" bei der indischen Parlamentswahl 2014) konnte er nachweisen, dass verzerrte Suchmaschinentreffer die Wahlpräferenzen signifikant hebeln können. Epstein und sein Koautor Ronald E. Robertson warnen in ihrer Untersuchung, dass "unregulierte wahlbezogene Suchrankings eine signifikante Gefahr für das demokratische System einer Regierung darstellen können".

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-10-21 17:41:09
Letzte ─nderung am 2016-10-23 14:47:59




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