• vom 03.11.2016, 07:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 03.11.2016, 07:36 Uhr

US-Wahl 2016

"Ein Wahlkampf voller Zorn und Leidenschaft"




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Von Bettina Figl aus New York

  • Carolyn Ryan, Politik-Chefin der New York Times, hat Donald Trump als nächsten US-Präsidenten noch nicht ganz abgeschrieben.

Carolyn Ryan , geb. 1964, ist Politik-Chefin der New York Times. Für die NYT arbeitet sie seit 2007, zuvor war sie beim Boston Globe. Über die Präsidentschaftswahlen berichtet sie seit den 1990er-Jahren. - © John Smock

Carolyn Ryan, geb. 1964, ist Politik-Chefin der New York Times. Für die NYT arbeitet sie seit 2007, zuvor war sie beim Boston Globe. Über die Präsidentschaftswahlen berichtet sie seit den 1990er-Jahren. © John Smock

"Wiener Zeitung": Was hat Sie dieser US-Wahlkampf gelehrt?

"Carolyn Ryan": Der enthusiastische Zuspruch, den Donald Trump in den Primaries bekommen hat, hat uns sehr überrascht. Wir haben gelernt, dass wir besser verstehen müssen, was in diesem Land vor sich geht. Wir waren zu weit weg von den ökonomischen Schmerzen und dem Zorn der Menschen. In Zukunft müssen wir sicherstellen, dass wir mit den Menschen im Land in Verbindung bleiben.

Ihr Chefredakteur sagt, man müsse die Grundprinzipien des Journalismus neu überdenken.

Ich würde sagen, wir müssen uns auf die journalistischen Grundprinzipien - Wahrheit, Investigation, Verantwortung - besinnen. Dieser Wahlkampf hat den Wert journalistischer Berichterstattung aufgezeigt. Auf unsere Artikel über Trumps Steuern hatten wir unglaubliche Reaktionen, viele E-Mails, in denen sich die Leser bedankt haben. Das ist extrem rar und bestärkt uns in unserer Art, Journalismus zu machen.

Seit Donald Trump nennt die "New York Times" Lügen beim Namen.

Das war ein sehr ungewöhnlicher Schritt. Wir haben uns lange damit auseinandergesetzt, wie wir mit Trumps elastischer Beziehung zur Wahrheit umgehen sollen. Die Pressekonferenz, die er zur "Birther-Issue" gab, war wirklich außergewöhnlich (Trump streute das Gerücht, US-Präsident Barack Obama sei nicht in den USA geboren, Anm.). Wir wollten unseren Lesern signalisieren, dass Trump weitergegangen war als die typische politische Übertreibung, das war mehr als ein Spin. Dass es sich dabei um eine Lüge handelt, haben wir sehr kraftvoll auf dem Titelblatt zum Ausdruck gebracht.

Inwiefern ist Ihre Berichterstattung aggressiver geworden?

Unsere Leser erwarten von uns, dass wir das Geplapper durchbrechen und zum Wesentlichen vordringen – zu echten, wahren Daten und Fakten. Diese Kampagne hat erfordert, dass wir besonders unnachgiebig sind. Unser Ton und unsere Herangehensweise sind aggressiver geworden.

Wie hat Trump die politische Landschaft verändert?

Er hat sich von Anfang an nicht auf Berater verlassen, sondern hatte – via sozialer Medien und TV-Auftritte – eine sehr direkte Beziehung zu seinen Unterstützern. Politiker fragen sich jetzt, wie sie so erfolgreich sein können wie Trump. Der Unterschied ist, dass Trump mit einem ungewöhnlichen Prominenten-Status ins Rennen ging. Er kann mit Twitter und Fernsehen, mit den neuen und alten Medien, sehr gut umgehen. Ob andere Politiker mit denselben Methoden Erfolg haben werden, werden die kommenden Kampagnen zeigen.

Welche Parallelen sehen Sie zwischen Trump und den rechten Populisten in Europa?

Trump hat ja den Brexit und das, was er als "Trump-Bewegung" bezeichnet, direkt verglichen. Tatsächlich gibt es Parallelen im sozio-ökonomischen Status der Befürworter. Trump hat zwar Alleinstellungsmerkmale, ist aber auch Teil einer größeren Bewegung, die sich nicht nur innerhalb von Ländergrenzen abspielt.

Wie sollen Medien mit Populisten umgehen? Die "Wiener Zeitung" hat sich kürzlich dagegen entschieden, über die Rede des FPÖ-Chef H.C. Strache zu berichten. Führen Sie solche Debatten?

Das US-amerikanische System ist da anders, sehr offen und flach. Wir schließen nichts aus der Berichterstattung aus, aber was berichtenswert ist, diskutieren wir natürlich ständig. Vor allem die TV-Nachrcihten wurden für ihre ungefilterte Berichterstattung kritisiert – es hieß, sie würden für Trump Wahlkampf machen – aber man muss auch sehen, dass die Zuseher sehr stark reagierten.

Hat das Fernsehen Trump zu viel Platz gegeben?

Trump war zu Beginn ununterbrochen im Fernsehen zu sehen, doch das hat sich inzwischen geändert. Die "New York Times" hat berichtet, dass die Berichterstattung über Trump dem Äquivalent von zwei Milliarden Dollar Werbung entsprach. Die TV-Sender haben ihren ursprünglichen Ansatz adaptiert und TV-Reporter sind viel härter im Umgang mit Trump geworden, und inzwischen ist er im Fernsehen viel seltener zu sehen.

Woran liegt das? Scheut Trump die Konfrontation mit besser vorbereiteten Journalisten?

Vielleicht. Seine Kampagne läuft jetzt eher über konservativere und rechts-populistische Kanäle als über die Maistream-Sender.

Heuer haben auch Medien wie "USA Today", die sich noch nie offen hinter einen Präsidentschaftskandidaten gestellt haben, Hillary Clinton die Unterstützung zugesprochen. Manche Medien haben durch diese Unterstützungserklärungen etliche Abonnenten verloren.

Unterstützungserklärungen haben in US-amerikanischen Medien Tradition und ja, es gab diesmal Zeitungen, die dadurch viele Abonnenten verloren haben, vor allem kleine, lokale Zeitungen, die sehr nahe an ihren Lesern sind. Diese Wahl hat so viel Leidenschaft und Zorn in den Menschen ausgelöst wie keine andere, die ich erlebt habe. Manche Zeitungen haben nach Unterstützungserklärungen Todesdrohungen erhalten.

Wie sieht die Zukunft der republikanischen Partei aus?

Die Republikaner müssen sich intensiv damit auseinandersetzen, wofür sie stehen und wie sie breitere Unterstützung bekommen können. Diese Diskussion hat bereits begonnen. Der Wahlkampf hat der Partei schmerzvoll bewiesen, dass sich die Weltansichten ihrer Wähler von jenen ihrer Führer sehr stark unterscheiden. Sie müssen beginnen, die Partei neu zusammenzuflicken.

Gibt es ein Szenario, in dem Sie Donald Trump noch Chancen zurechnen?

Diese Wahl hat mir gezeigt, dass viel Unerwartetes passieren kann. Deshalb will ich die Möglichkeit, dass Donald Trump Präsident werden könnte, nicht ausschließen.

Was würde dann passieren? Würde das US-amerikanische Volk Trump als Präsidenten akzeptieren?

Wir haben Trump-Unterstützern die umgekehrte Frage gestellt: Was würde passieren, wenn Hillary Clinton Präsidentin wird? Die Antwort war oft, es gäbe Proteste. Das Land ist tief gespalten. Clinton-Unterstützer kennen oft niemanden, der Trump wählt, und umgekehrt. Deshalb können sie sich ein Land, das von dem "anderen" Kandidaten geführt wird, nicht vorstellen. Ich habe viel Vertrauen an das US-amerikanische Volk und das System, dass der gewählte Kandidat auch akzeptiert wird.





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Dokument erstellt am 2016-11-02 13:41:51
Letzte Änderung am 2016-11-03 07:36:29




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