• vom 29.11.2016, 17:28 Uhr

Weltpolitik

Update: 30.11.2016, 12:29 Uhr

Russland

Lena lebt




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Von WZ-Korrespondentin Simone Brunner

  • Russland ist eines der wenigen Länder, in denen sich das Aids-Virus wieder ausbreitet. Doch nicht alle Infizierten kennen ihre Diagnose und lassen sich richtig behandeln.

Mascha und Lena trotzen erfolgreich der Krankheit.

Mascha und Lena trotzen erfolgreich der Krankheit.© Frank Schultze Mascha und Lena trotzen erfolgreich der Krankheit.© Frank Schultze

Jekaterinburg. Als sie die Diagnose erfuhr, war sie gerade schwanger. Noch lange klangen die Worte nach, selbst dann, als Lena das Besprechungszimmer längst verlassen hatte. "Sie haben HIV", hatte die Ärztin zu ihr gesagt. "In fünf Jahren werden Sie sterben. Und Ihre Tochter auch." Heute noch sagt sie die Sätze auf, ungläubig, als hätten sie eigentlich nichts mit ihr zu tun. Lena ist ein lebensfroher Mensch, der sich kaum Kummer oder Gram anmerken lässt. Es war eines der ganz seltenen Momente, in denen sie in Tränen ausbrach.

Das war 2002. Doch heute ist 2016, und die 43-Jährige Lena lebt. Pinker Lippenstift, das blonde Haar zu einem Zopf gebunden, und ein Lachen, das ansteckt. "Und seht euch meine Tochter an", sagt sie, und weist auf Mascha, eine junge Frau. Langes, walnussbraunes Haar, schüchternes Lächeln. Vor wenigen Tagen ist sie 14 Jahre alt geworden, aber schon jetzt ist sie fast größer als ihre Mutter. Lena hebt den Zeigefinger, wie zur Mahnung. "Wir habe nicht vor, so bald zu sterben!"

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Lena lebt in Kirowgrad. In der 30.000-Einwohner-Stadt, eine Autostunde von Jekaterinburg, ist jeder 25. Bewohner mit dem Virus infiziert. Lena hat sich damals wohl bei ihrem Mann angesteckt. Woher er das hatte? Das kann Lena bis heute nicht genau sagen. Jedenfalls hat sie sich noch in der Schwangerschaft von ihm getrennt. Heute ist sie alleinerziehende Mutter von fünf Kindern. Drei leibliche Kinder - und die zwei Töchter ihrer Schwester. Sie ist drogensüchtig und kann sich nicht um die Kinder kümmern. Auch sie auch HIV.

Zahl der HIV-Infizierten hat sich seit 2011 verdoppelt

Anschelka ist 20 und drogensüchtig. Eine Aids-Therapie lehnt sie ab.

Anschelka ist 20 und drogensüchtig. Eine Aids-Therapie lehnt sie ab. Anschelka ist 20 und drogensüchtig. Eine Aids-Therapie lehnt sie ab.

Insgesamt mehr als eine Million Bürger ist in Russland mit HIV infiziert, eine Zahl, die sich seit 2011 verdoppelt hat. Russland gilt als eines der wenigen Länder der Welt, in dem sich HIV ausbreitet. Und das rasant: Im Jahr 2015 haben sich 95.000 Russen neu infiziert - so viele wie noch nie seit dem Beginn der Krankheit. Das Gesundheitsministerium warnt, dass sich diese Zahl bis 2020 mehr als verdoppeln könnte - auf 2,5 Millionen HIV-Infizierte in ganz Russland.

Doch das sind nur die offiziellen Zahlen. Jekaterinburg, die Millionenstadt am Ural, hat schon als HIV-Hauptstadt Russlands traurige Berühmtheit erlangt. In einem unscheinbaren Hinterhof, hinter einer vereisten Zufahrt, sitzt Marina Chalidowa in ihrem Büro. Nur ein kleines Schild weist darauf hin: der Sitz der NGO "Nowoje Wremja" (zu Deutsch: "Neue Zeit"). Chalidowa, eine studierte Ärztin und Psychotherapeutin, hat das Zentrum 1998 gemeinsam mit anderen Ärzten gegründet. Frauen und Kinder mit HIV werden hier psychologisch betreut und mit ihrer Diagnose versöhnt. Hier können sie darüber sprechen, worüber sie sonst schweigen. HIV ist in Russland stark tabuisiert: Erst im letzten Jahr ging mit dem TV-Moderator Pawel Lobkow der erste russische Prominente mit seiner Diagnose an die Öffentlichkeit.

"Direkt vor meinen Augen hat sich diese Epidemie ausgebreitet", sagt Chalidowa. Vom Beginn, als sich fast nur Drogensüchtige über den gemeinsamen Gebrauch von Spritzen angesteckt haben, bis zum "generalisierenden Stadium", das schon alle sozialen Schichten betrifft, auch Schwangere und Kinder. Fast zwei Jahrzehnte, in denen das HI-Virus aus dem Drogenmilieu in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Sie schätzt, dass die "verborgene Epidemie" - also die nicht-registrierten Fälle - noch dreimal höher sind als die offiziellen Zahlen.

Mangelnde medizinische Versorgung
Zwar können mit Medikamenten, der sogenannten "antiretroviralen Therapie", die HIV-Infizierten ein relativ gutes Leben führen, so wie Lena und Mascha. Doch längst nicht alle mit einer HIV-Diagnose sind in Therapie - russlandweit sind es mit knapp 200.000 nur ein Bruchteil der Erkrankten. Gegenüber dem Vorjahr hat der russische Staat die Versorgung um weitere 50.000 Personen gekürzt. Experten befürchten, dass sich die Versorgung infolge der Wirtschaftskrise in Russland noch verschlechtern könnte. Doch das ist längst nicht das einzige Problem.

Natalja sitzt auf ihrem Hocker, tippt in ihr Tablet und schüttelt immer wieder den Kopf. Ihre Tochter Anschelka, eine schlanke Frau Anfang 20, dreht sich gerade vor dem Spiegel die Locken, ihr Blick ist trübe. Mutter und Tochter teilen sich ein Zimmer in einem Wohnheim, am Gang schrubbt eine Putzfrau den Boden. Anschelka ist HIV-positiv. Alle Drogen hat sie durchprobiert und sich auch gespritzt, erzählt sie freimütig. Vor zwei Jahren brachte sie eine HIV-positive Tochter auf die Welt. Seit einigen Monaten nehmen weder sie selbst noch ihre Tochter die Medikamente ein. Das zeigen zumindest die Laborwerte. Geschlagene eineinhalb Stunden redet Chalidowa auf die beiden ein, doch sie erntet nur bohrende Fragen und verständnislose Blicke. Natalja hat im Internet von einem großen Medizin-Experiment gelesen, das derzeit in Russland im Gange sei. Sie hat ihrer Tochter geraten, die Therapie abzubrechen.

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Dokument erstellt am 2016-11-29 17:32:08
Letzte ńnderung am 2016-11-30 12:29:08




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