• vom 01.12.2016, 06:42 Uhr

Weltpolitik

Update: 01.12.2016, 10:43 Uhr

Kolumbien

Frieden mit der Brechstange




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ Online, Georg Ismar (dpa)

  • In Kolumbien geht einer der blutigsten Guerilla-Kriege Lateinamerikas zu Ende.

Weiße Luftballons, ein Zeichen für den Friedensvertrag. Es gab auch Proteste dagegen. Viele Kolumbianer wollten härtere Strafen für die Kämpfer der FARC. - © APAweb / AFP Photo, Guillermo Legaria

Weiße Luftballons, ein Zeichen für den Friedensvertrag. Es gab auch Proteste dagegen. Viele Kolumbianer wollten härtere Strafen für die Kämpfer der FARC. © APAweb / AFP Photo, Guillermo Legaria

Bogota/Oslo. Das hätte beinahe schlecht ausgesehen. Ein Friedensnobelpreis für einen Frieden, den es gar nicht gibt. Über diese Wochen im Jahr 2016 könnte Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos ein spannendes Buch schreiben - er, der zuletzt immer mit der weißen Friedenstaube am Revers auftrat, muss kommende Woche doch nicht mit leeren Händen nach Oslo fahren.

Die Handlung im Schnelldurchlauf: Friedensvertrag mit der linken FARC-Guerilla am 26. September unterzeichnet. Vom Volk am 2. Oktober im Referendum abgelehnt. Am 7. Oktober Anruf aus Oslo: Santos bekommt den Friedensnobelpreis 2016. Danach neue Verhandlungen mit der FARC. Neuer Vertrag. Am 24. November noch einmal unterzeichnet. Dieses Mal lieber kein Referendum, der Kongress soll entscheiden. Dort wird dann am 30. November doch noch Geschichte geschrieben: Kolumbien beendet den ältesten und letzten großen Konflikt der westlichen Hemisphäre.

Kein Plan B

Zumindest teilweise. Denn es ist ein wenig ein Frieden auf Biegen und Brechen. Santos hatte schlicht keinen Plan B, wenn das Volk "No" sagt, ähnlich wie beim Votum für einen Brexit in Großbritannien und der Wahlsieg von Donald Trump in den USA hatten alle Umfragen das Gegenteil vorhergesagt. Sein früherer Förderer, Amtsvorgänger Alvaro Uribe, ein konservativer Hardliner, der die FARC für den Mord an seinem Vater verantwortlich macht, mobilisierte einfach besser.

Ihm war vor allem ein Dorn im Auge, dass die meisten geständigen Guerilleros ihre Strafen entspannt im Arrest auf ländlichen Farmen verbringen dürfen. Immer wieder griff er Santos an, der unter ihm noch Verteidigungsminister war und die FARC bombardieren ließ. Er erkannte aber, dass dieser asymmetrische Krieg gegen eine Guerilla, die sich im Dschungel verschanzt und mit dem Kokaingeschäft viel Geld verdient, militärisch nicht zu gewinnen war. Er nutzte das Momentum, denn die Guerilla war auch des Kämpfens überdrüssig. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass sie nun wenige Tage nach dem Tod ihres großen Vorbilds, Fidel Castro, dem Guerillakampf endgültig abschwören wird.

Entschädigung der Opfer

Zwar kam Santos Uribe entgegen, vor allem will er das Vermögen der FARC für die Entschädigung der Opfer heranziehen und der Arrest für Ex-Kämpfer soll strenger kontrolliert werden. Aber dass Uribes Partei, Centro Democratico, den Abstimmungen im Senat (Ergebnis: 75:0) und im Parlament (130:0) fernblieb, zeigt nach 220.000 Toten die Zerrissenheit, die Spaltung des Landes. Santos muss nun zeigen, dass der Frieden auch wirklich hält. Aber seitdem verhandelt wird, gab es bereits kaum noch Tote und Anschläge.

Mit dem "D-Day", dem Inkrafttreten des Vertrags soll in Kürze auch unter Beteiligung von UNO-Blauhelmen die Abgabe der Waffen der noch 5.800 Kämpfer beginnen, diese sollen dann eingeschmolzen werden, daraus sollen Friedensmahnmale entstehen. Santos will, dass sich die FARC-Kämpfer in den "Übergabezonen" in ländlichen Gebieten noch vor Jahresende sammeln. Bis Mai 2017 "wird diese Guerilla aufhören zu existieren", verspricht er. Aber es gibt bisher keinen Frieden mit der kleineren ELN-Guerilla. Und es erstarken "Bacrims", kriminelle Banden, die frühere Paramilitärs und Guerilleros rekrutieren und über 30.000 Mitglieder haben sollen - so bleibt es noch ein steiniger Weg.

Aussicht auf Wirtschaftswachstum

Ökonomen rechnen mit einem satten Wirtschaftswachstum, wenn viele Landstriche befriedet werden und nicht mehr Milliarden in den Konflikt investiert werden müssen. Kolumbien, dieses reich gesegnete Land, könnte zum Tigerstaat Südamerikas werden - und Millionen Touristen anlocken.

Seit 1964 bekämpfte die FARC die Staatsmacht, damals entstanden im Zuge des Ost-West-Konflikts überall linke Guerillagruppen. Nun will die FARC die Waffen abgeben und in die Politik einsteigen. "In der Zukunft soll das Wort die einzige Waffe der Kolumbianer sein", sagte ihr Boss "Timochenko". Aber nach der Pleite beim Referendum musste man erkennen, dass es nach all den Verbrechen ein weiter Weg bis zur Rehabilitierung sein wird.

Werbung



Schlagwörter

Kolumbien, Guerilla, FARC

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-12-01 06:44:47
Letzte ─nderung am 2016-12-01 10:43:37




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Schöne neue Trump-Welt
  2. Hoffnung auf Waffenruhe für Aleppo enttäuscht
  3. US-Raumfahrtpionier John Glenn gestorben
  4. Laut Experten bereits Pandemie unter Wildvögeln
  5. Syrischer Vormarsch in Aleppo verlangsamt sich
  6. Die russische Gretchenfrage
  7. Mindestlohngegner Puzder soll Trumps Arbeitsminister werden


Werbung