• vom 01.12.2016, 16:10 Uhr

Weltpolitik

Update: 01.12.2016, 16:31 Uhr

Kolumbien

Das geschundene Dorf




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Von WZ-Korrespondent Philipp Lichterbeck

  • Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC-Guerilla abgesegnet. Besuch in einem Dorf, das enorm unter dem Bürgerkrieg gelitten hat.

In Toribío sind die Spuren des Konflikts noch immer sichtbar. - © apa/afp/Luis Robayo

In Toribío sind die Spuren des Konflikts noch immer sichtbar. © apa/afp/Luis Robayo



Toribío. Gabriel Pavi hat wieder eine Morddrohung erhalten. "Dreifacher Hurensohn" wird er in dem Schreiben genannt. "Dein Leben ist in unseren Händen!" Unterzeichnet ist die Drohung von den Aguilas Negras - Schwarze Adler. So nennt sich eine rechtsgerichtete paramilitärische Organisation, die in Kolumbien für ihre Brutalität berüchtigt ist. Rund 70 Menschen haben Gruppen wie sie in diesem Jahr in Kolumbien ermordet. Die Opfer: Menschenrechtler, Umweltaktivisten, Bauernführer. Menschen wie Gabriel Pavi.

Pavi heftet das Schreiben zu den anderen Morddrohungen, die dieses Jahr im Sitz der indigenen Selbstverwaltung im kolumbianischen Bergdorf Toribío eingetroffen sind. Zwei stammen von den Aguilas Negras. Eine andere, per Hand verfasste Drohung kommt von Anhängern der linken Farc-Guerilla. Sie warnen, dass am Dorfplatz Explosivstoffe in die Luft fliegen könnten. Ein weiteres Schreiben stammt von der "Sechsten Front" der Farc-Guerilla selbst. Eine Kollegin von Pavi wird darin zum "militärischen Ziel" erklärt, weil sie mit dem Staat kooperiere. "Wir standen schon immer zwischen allen Fronten", sagt Pavi. "Sogar jetzt noch, wo der Frieden an die Tür klopft."

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"Wir wollten Krieg hier nicht"
Pavi, ein kompakter Mann von 48 Jahren, trägt einen dürren Schnauzer und ein weißes Leinenhemd mit buntem Kragen. Er ist Koordinator der Guardia Indigena, der Indio-Wache von Toribío, einer Art Lokalpolizei - mit einer Besonderheit: Sie wurde von Indios des Nasa-Volks gegründet und ist einzig mit Holzstöcken ausgerüstet. Die traditionellen Stöcke sind weniger Waffen als vielmehr Symbole für den Anspruch der Nasa, Herren über ihr Land zu sein. "Wir wehrten uns gegen die Farc und das Militär gleichermaßen", sagt Pavi. "Wir wollten den Krieg hier nicht!"

"Dank der Stöcke hat Toribío den Krieg überlebt", sagt Pavi. "Aber jetzt beginnt die Zeit danach. Die Zeit des Post-Konflikts." Es scheint, als ob sie schwieriger werden könnte als der Krieg selbst.

Kolumbien erlebte am Mittwochabend einen historischen Moment: Der Friedensvertrag zwischen Regierung und Farc-Guerilla wurde vom Parlament abgesegnet und kann in Kraft treten. Nachdem das Volk eine erste Version des Friedensvertrages im Oktober abgelehnt hatte, wurde er nun überarbeitet. Sondertribunale können nun geständige Täter zu bis zu acht Jahren Haft verurteilen - in vielen Fällen soll aber auch Hausarrest möglich sein. Die Farc soll ihre Waffen abgeben, darf dafür aber nun am politischen Leben teilnehmen und erhält zunächst fünf Mandate im Parlament.

In Toribío hatten 80 Prozent der Wähler bereits für die Annahme des ersten Vertrags gestimmt. "Für uns war der Sieg des ‚Nein‘ ein Schock", sagt Gabriel Pavi. "Viele weinten. Wir konnten uns nicht vorstellen, dass Menschen gegen den Frieden stimmen." Nun gibt es endlich den ersehnten Friedensvertrag.

Besonders die kolumbianischen Ureinwohner litten unter dem Konflikt, weil sie von allen Seiten als potenzielle Feinde angesehen wurden. Der Staat und die Paramilitärs betrachteten sie wegen ihrer kollektiven Strukturen und ihrer Armut als potenzielle Rekruten der marxistischen Farc. Der Guerilla aber widersetzten sich die Indios, weil sie deren strenge Hierarchie und marxistische Doktrin ablehnten. Viele Dörfer wurden zwischen beiden Seiten regelrecht aufgerieben. Ihre Bewohner flüchteten in die Städte und leben dort bis heute in Armenvierteln.

Im Grunde war auch Toribío ein typischer Kandidat, um zu sterben. "Dies ist das meistgeschundene Dorf Kolumbiens", sagt Alcebíades Escué. "Um keinen Ort wurde mehr gekämpft." Escué, ein kleiner Mann mit rundlichem Gesicht, ist der Bürgermeister von Toribío. Der Ort, erklärt er, liege an einer strategisch wichtigen Position zwischen den Anden und der Pazifikregion. Das Dorf auf knapp 2000 Metern Höhe sei ein Transitpunkt. Auch für den Drogenschmuggel.

Umgeben ist Toribío von mächtigen Bergen, die mit fruchtbaren Böden gesegnet sind: Bananen wachsen hier, Mangos, Maracujas, Kartoffeln und Tomaten. Das meiste wird von Kleinbauern angebaut, die sich selbst versorgen und denen nur wenig Geld übrig bleibt. Beim Durchwandern der Anden stößt man auch auf Coca-Felder und Cannabisplantagen, deren süßlicher Duft die Luft schwängert. Sogar Schlafmohn, der Grundstoff für Heroin, gedeiht in diesem Teil des Gebirges.

In weiten Teilen der Anden war die Farc jahrzehntelang die einzige Ordnungsmacht. "Es war Ehrensache, einen Sohn oder eine Tochter bei den Farc zu haben", sagt Escué. Man fürchtete nicht die Guerilla, sondern den Staat, der die Interessen der Großgrundbesitzer durchsetzte.

Lange Zeit stritten die Farc für die Kleinbauern und für eine gerechte Verteilung des Bodens. Aber irgendwann griffen sie zu Mitteln, die die Zwecke nicht mehr rechtfertigten: Entführungen Unschuldiger, Zwangsrekrutierung, Drogenhandel. Die Nasa-Indios wollten sich der Gewaltherrschaft nicht unterwerfen. "Die Farc sind autoritär. Sie haben keine Beziehung zur Mutter Natur", sagt Escué. "Bei den Marxisten kommt alles vom Kopf, bei uns von Herzen." Der Klassenkampf der Guerilla prallte auf die jahrtausendealte Kosmologie der Ureinwohner.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2016
Dokument erstellt am 2016-12-01 16:14:07
Letzte Änderung am 2016-12-01 16:31:43




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