• vom 08.12.2016, 16:53 Uhr

Weltpolitik

Update: 08.12.2016, 17:08 Uhr

USA

Schöne neue Trump-Welt




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (20)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Klaus Stimeder

  • Für viele US-Bürger zeitigt Donald Trumps Wahl bereits jetzt Auswirkungen, die tief in das Privatleben hineinreichen.

Donald Trump als US-Präsident - für zahllose Menschen in den USA eine Horrorvorstellung, die Realität geworden ist. - © afp/Kitamura

Donald Trump als US-Präsident - für zahllose Menschen in den USA eine Horrorvorstellung, die Realität geworden ist. © afp/Kitamura

Los Angeles/Washington D.C. So unwirklich es heute scheint: Es ist tatsächlich erst paar Wochen her, als die Welt aus den Angeln gehoben wurde. Am Tag danach war die neunjährige Stieftochter weinend von der Schule nach Hause gekommen. Auf die Frage, was passiert sei, hatte sie mit einer Kombination aus einem nicht altersgerechten Schimpfwort und dem Namen des neuen Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika geantwortet.

Nachdem ihre Erklärung beim ersten Anlauf keinen Sinn ergeben hatte, erstmal einen Tee und am Küchentisch Platz nehmen und in Ruhe erzählen. Unter leisem Schluchzen und nach mehrmaligem Nachfragen schält sich langsam ein Bild heraus. Der Vater einer ihrer besten Schulfreundinnen: plötzlich weg, verschwunden, von heute auf morgen. Er habe seine Tochter und ihre Schwester mitten in der Nacht aufgeweckt, sie umarmt und geküsst und sich verabschiedet; er müsse zurück, nach Mexiko, habe er gesagt und nein, er wüsste noch nicht, wann sie sich wiedersehen würden.

Weinen ohne Ende

Am Morgen des Mittwoch, des 9. November 2016, habe die Mutter wie jeden Tag das Frühstück gemacht und sie zur Schule gebracht. Auf ihre Frage, wann der Vater zurückkommen werde, habe sie zu weinen begonnen und nicht mehr aufgehört, bis sie am Schultor angekommen waren. Obwohl ihr ihre Mutter offenbar eingetrichtert hatte, still zu halten, hatte sie während des Unterrichts zu weinen begonnen. Von der Lehrerin nach dem Grund gefragt, warum das sonst so aufgeweckte Mädchen plötzlich so traurig sei, berichtete sie von dem, was letzte Nacht geschehen war. Am Ende ihrer Erzählung hatte die ganze Klasse geweint. "Donald Trump ist ein böser, böser Mann", sagt meine Stieftochter. Nachdem ich ihr unumwunden beigepflichtet hatte, hatte sie plötzlich ein ernstes Gesicht aufgesetzt und gefragt: "Musst du jetzt auch weg? Du bist doch auch ein Immigrant." Ich lache und schüttle den Kopf. "Nein, Sweetie. Ich habe eine Green Card. Das heißt, dass ich legal hier bin, mit der Erlaubnis der Regierung. Selbst ein Donald Trump kann mich nicht rausschmeißen. Naja, noch nicht. Aber es gibt nichts, wovor wir uns fürchten müssen. Weißt du, Leute wie er wollen vor allem anderen, dass man sich vor ihnen fürchtet. Aber er gewinnt nur, wenn man das tut."

Was prinzipiell stimmt. Aber nicht ganz. Die Wahl des offen rassistischen, sexistischen und xenophoben Kandidaten Trump - für den unter anderem die American Nazi Party und der Ku-Klux-Klan offizielle Wahlempfehlungen aussprachen - setzt die Regentschaft von Barack Obama in einen historischen Kontext, den viele Bürgerinnen und Bürger angesichts des in den vergangenen acht Jahren gepflegten Stils und des allgemeinen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritts nicht sahen, sehen wollten; entlarvt sie offenbar als historische Anomalie, möglich gemacht nur durch die extremsten aller Rahmenbedingungen, namentlich die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 und ihre bis heute andauernden Folgen.

Mit Stand heute erhielt Hillary Clinton landesweit rund 2,5 Millionen mehr Stimmen als Trump - was der diese Woche zum Anlass nahm, ihr und ihrer Partei "millionenfachen Wahlbetrug" zu unterstellen. Wie gewohnt ohne jegliche faktische Grundlage. Wie schwer sich die Mehrheit der Repräsentanten der amerikanischen Medien seit dem Wahlgang des 8. November mit der neuen Realität tut, lässt sich jeden Tag an ihren Gesichtern und ihrer Rhetorik ablesen. Ob in Print oder in den elektronischen Medien: Da wird bis auf ganz wenige Ausnahmen aus unerfindlichen Gründen alles Menschenmögliche getan, um um jeden Preis das Wort "Lüge" zu vermeiden, und kommen nämliche noch so dreist wie zahllos daher. Zu dem Preis, dass der politische Diskurs mittlerweile auf ein Niveau gesunken ist, das nach allen Maßstäben des auch nur halbwegs gesunden Hausverstands jeglicher Beschreibung spottet. In welchem Ausmaß die Herren der veröffentlichten Meinung im "Post-Truth"-Zeitalter mittlerweile die Kontrolle verloren haben - beziehungsweise glauben, sie verloren zu haben, was die Sache nur noch schlimmer macht -, manifestiert sich tagtäglich aber vor allem in den sozialen Medien. Der nicht allein, aber maßgeblich von Facebook möglich gemachte Paradigmenwechsel, einer Politik der Ignoranz, die allen Varianten von de facto neofaschistischer Online-Propaganda Tür und Tor öffnet, hat längst in jeden einzelnen amerikanischen Haushalt Einzug gefunden.

Algorithmus macht´s möglich

Absurde Märchen - Facebook macht es möglich.

Absurde Märchen - Facebook macht es möglich.© reuters Absurde Märchen - Facebook macht es möglich.© reuters

Meine ältere Stieftochter, 19 Jahre alt und damit ein Kind des Internetzeitalters, kann ein Lied davon singen. Welche Geschichten ihr Facebook zwei Wochen nach der Wahl zur Lektüre vorschlägt, belegt das ganze Ausmaß des Irrsinns. Story eins: Barack und Michelle Obama stehen angeblich kurz vor der Scheidung, weil sie ihm gestanden habe, dass sie Trump ihre Stimme gegeben habe. Story zwei: Hillary Clinton hat jahrelang persönlich dafür gesorgt, dass die Terrororganisation Islamischer Staat mit Waffen aus den USA versorgt werde. Story drei: Der Cornflakes-Hersteller Kellogg’s sei ein "linksradikales, anti-weißes Unternehmen", das "Rassenhass" verbreite und deshalb boykottiert werden müsse. (Das Unternehmen hatte sich geweigert, auf der rassistischen Website Breitbart Anzeigen zu schalten. Steve Bannon, der neue Chefstratege Trumps im Weißen Haus, war bis zu seinem Engagement als Wahlkampfmanagers des New Yorker Ex-Reality-TV-Stars der CEO von Breitbart.)


weiterlesen auf Seite 2 von 2




4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2016-12-08 16:56:07
Letzte nderung am 2016-12-08 17:08:58




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Die Schande der Täter
  2. Frauen erneuern Belästigungsvorwürfe gegen Donald Trump
  3. Ein Treffen der Willigen
  4. "Jetzt habe ich wohl verloren, Herr Doktor"
  5. Explosion war versuchter Terroranschlag
  6. Erdogan nennt Israel "terroristisch"
  7. Auf den Hund gekommen


Werbung


Werbung