• vom 16.03.2017, 15:45 Uhr

Weltpolitik

Update: 16.03.2017, 18:02 Uhr

Philipp Blom

"Wir geraten in eine Stromschnelle der Geschichte"




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Von Siobhán Geets

  • Unsere Gesellschaft muss sich der radikalen Veränderung stellen, bevor es zu spät ist, sagt Philipp Blom.

"Weil Maschinen die Arbeit übernehmen, wird ein Drittel oder die Hälfte der Menschen keine Erwerbsarbeit mehr finden." - © Kati Bruder

"Weil Maschinen die Arbeit übernehmen, wird ein Drittel oder die Hälfte der Menschen keine Erwerbsarbeit mehr finden." © Kati Bruder



Rhetorsche Entgleisungen wie jene des US-Präsidenten Trump schaffen eine neue Normalität, sagt Blom.

Rhetorsche Entgleisungen wie jene des US-Präsidenten Trump schaffen eine neue Normalität, sagt Blom. Rhetorsche Entgleisungen wie jene des US-Präsidenten Trump schaffen eine neue Normalität, sagt Blom.

"Wiener Zeitung": Ihr neues Buch "Die Welt aus den Angeln" handelt davon, wie die Kleine Eiszeit im 16. und 17. Jahrhundert die Gesellschaftsstruktur in Europa auf den Kopf stellte. Leben wir auch heute in revolutionären Zeiten?

Philipp Blom: Das ist schwer zu sagen. Wir leben in Zeiten, in denen Dinge möglich geworden sind, die wir vor ein paar Jahren noch für unmöglich hielten. Man kann von da, wo wir jetzt sind, direkte Wege zeichnen in revolutionäre oder diktatorische Gesellschaften. Das heißt aber nicht, dass das auch passieren wird. Aber es sind Dinge aufgebrochen. Die Nachkriegszeit ist vorbei - und mit ihr auch das Geschäftsmodell der westlichen Gesellschaften.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir leben in Gesellschaften, die auf Wirtschaftswachstum ausgerichtet sind. Aber es wird immer schwerer zu generieren. Sicher geht es nicht mehr so wie bisher: Ausbeutung fossiler Brennstoffe und ärmerer Menschen, die jetzt besser informiert sind und sich denken: Warum sollen wir uns damit zufriedengeben, wir können auch in die reiche Welt gehen, wo auch wir ein besseres Leben haben können.

Und, historisch gesehen, auf der politischen Ebene?

Da kommt ein historischer Zusammenbruch der Linken hinzu - eine Konsequenz der Deindustrialisierung. Die Linke beruhte auf einer Gewerkschaftsbewegung, die aus der Arbeiterklasse herauskam. In der Fabrik zu arbeiten war nicht nur ein Job, das war eine Lebensweise. Da war ein Stolz, eine Identität, eine Sicherheit. Mit dem Verschwinden der Industrie ist auch das weg. Übrig geblieben ist ein Prekariat, das keinerlei Sicherheit mehr hat, keinerlei Planbarkeit des eigenen Lebens, keinen Stolz auf das, was es tut. Das ist keine organisierte Gruppe von Menschen mehr. Diese Gruppe geht auch weniger wählen. Deshalb haben sich die linken Parteien gut marktwirtschaftlich gedacht: Wir müssen dahin gehen, wo wir auch tatsächlich gewählt werden, und das sind die gebildeteren Schichten in den Städten.

War das der Fehler?

Die Linke hat ihre alte Klientel, die demografisch verschwunden ist, aufgegeben. Dass diese Leute verbittert und frustriert sind, da sie keine politische Repräsentation mehr haben, ist richtig. Dass sie dann leider zum Ziel von Demagogen werden, die ihnen eine Lösung vorgaukeln, die keine sein kann, das ist leider auch der Fall. Ein Rückzug in den Nationalstaat kann und wird in einer globalisierten Welt nicht funktionieren.

Der Rückzug wird aber als Kampf gegen Arbeitsplatzverlust verkauft.

Die Arbeitslosigkeit steigt. Mit Migration hat das aber nichts zu tun, sondern vorrangig damit, dass Maschinen diese Arbeit machen und das in Zukunft noch häufiger tun werden. Wenn Politiker über Vollbeschäftigung reden - das ist Politik aus dem 20. Jahrhundert! Diese Strukturen sind zusammengebrochen. Menschen merken, hier funktioniert etwas nicht mehr, Politiker handeln nicht in unserem Interesse. Oder vielleicht haben sie schlicht nicht mehr die Macht dazu. In so einer Situation können populistische Bewegungen aufkommen. Etwas sehr Wichtiges kommt hinzu: Wir haben beschlossen, dass die Zukunft nichts Gutes bringt: der Niedergang unserer Sozialsysteme, Klimawandel, Umweltverschmutzung, Migration. Deswegen wollen wir lieber gar keine Zukunft und nur zusehen, dass die Gegenwart nicht aufhört. Eine Statusverwaltung. Doch eine Gesellschaft ohne Zukunft, ohne Hoffnung, ohne gemeinsames Projekt, kann nicht bestehen. Die Rechten, die Populisten, bieten ein Projekt an, wenn auch ein zerstörerisches.

Sind es nicht gerade die konservativen Trittbrettfahrer, die den Rechtspopulisten Aufwind geben, indem sie deren Ideen aufnehmen?

Sicher. Man braucht immer diese Möglichmacher. Da hat (der republikanische US-Politiker, Anm.) John McCain recht - und ich hätte nie gedacht, dass ich je mit ihm übereinstimmen würde. Als Donald Trump sagte, die Medien seien der Feind des amerikanischen Volkes, sagte McCain: Genauso fangen Diktaturen an. Das heißt nicht, dass man den ganzen Weg geht. Mit ziemlicher Sicherheit wird Trump das nicht tun. Er scheint so erratisch und inkompetent, dass er wahrscheinlich bald verschwindet. Vielleicht ist er aber auch in acht Jahren noch da.

Was ist das wirklich Gefährliche an der gegenwärtigen Entwicklung?

Das Schlüsselwort ist Normalisierung. Auf der ersten Seite der britischen "Daily Mail" wurden Höchstrichter mit Foto und vollem Namen als Volksfeinde bezeichnet, nachdem sie entschieden hatten, dass das Parlament beim Brexit mitreden darf. Wenn so etwas normal wird, wenn man immer einen Schritt weiter geht, darf man sich nicht wundern, dass - nachdem Trump sagt, was er sagt - ein jüdischer Friedhof verwüstet und Moscheen angegriffen werden. Das ist die Mob-Reaktion auf diese Rhetorik. Die Taten von ein paar betrunkenen Hooligans gelangen in andere Bevölkerungsschichten. Wir erleben jetzt alle Übergangsstadien, in Ungarn und Russland und der Türkei, zu totalitären Regimes, die vielleicht noch nominell demokratisch sind.

Liberale Demokratien sind das nicht mehr . . .

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-16 15:51:08
Letzte Änderung am 2017-03-16 18:02:07




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