• vom 18.03.2017, 11:00 Uhr

Weltpolitik


Gary S. Schaal

"Niemand kann sich so konsistent dumm stellen"




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Von Michael Schmölzer

  • Der Politologe Gary S. Schaal über Fakten und Gefühle in der Politik und die Kapitulation der Linken vor Donald Trump.



Kritische Intellektuelle geben sich Trumps Logik hin, behauptet der Politologe Gary S. Schaal.

Kritische Intellektuelle geben sich Trumps Logik hin, behauptet der Politologe Gary S. Schaal.© reuters/Barria Kritische Intellektuelle geben sich Trumps Logik hin, behauptet der Politologe Gary S. Schaal.© reuters/Barria

Für US-Präsident Donald Trump sind Tatsachen eine vernachlässigbare Größe. Wenn, dann setzt er auf "alternative Fakten". Der renommierte deutsche Politologe Gary S. Schaal hat sich mit der Rolle, die Gefühle im politischen Prozess spielen, auseinandergesetzt. Für ihn sind Emotionen für die Stabilität einer Demokratie enorm wichtig, zugleich haben sie ein großes destruktives Potenzial. Im Rahmen des Symposions Dürnstein hat er vor interessiertem Publikum zum Thema "Demokratische Politik zwischen Emotionen und Fakten" gesprochen und im Anschluss mit der "Wiener Zeitung" folgendes Interview geführt.

"Wiener Zeitung":Sie verwenden mit Blick auf die USA den Begriff der "postfaktischen Politik". Manche gehen weiter und meinen, wir befänden uns schon mitten in einer "postfaktischen Ära".

Gary S. Schaal: Postfaktizität hat Konjunktur, in Deutschland ist sie ein ideologischer Kampfbegriff. Der Begriff wurde von eher linken Journalisten und Politikern erfunden, um bestimmte Themen von der Agenda zu bekommen. Der linke Standpunkt lautet: Wir kritisieren eine Politik dafür, dass sie nicht hinreichend begründet ist. Wenn sie nicht begründet wird, wird sie von der politischen Agenda entfernt, weil sie nicht satisfaktionsfähig ist. Politik kann aber Emotionen, die es gibt, nicht schlichtweg ignorieren.

Emotionen anzusprechen ist sicher kein Fehler. Die Populisten verstärken sie und leiten sie in ihre Kanäle.

Die Rechten machen eine Politik, die nicht nur auf Fakten beruht, sondern auch auf Emotion. Postfaktizität aber ist ein Kampfbegriff.

Und die "postfaktische Ära" wäre dann ein Kapitulationsbegriff? Im Sinn von: Wir haben verloren, die Gegebenheiten sind jetzt so, dass Tatsachen einfach nicht mehr zählen?

Es ist viel zu früh, von einer derartigen Ära zu sprechen. Auch was die USA betrifft. Wir müssen erst einmal schauen, wie lange Trump sich überhaupt hält. Ob die Checks and Balances greifen oder nicht. Der Begriff ist eine Eskalationsstufe.

Aber es ist doch so, dass das, was wir immer unter Tatsachen verstanden haben, jetzt einfach vom Tisch gewischt wird. Da werden Terroranschläge erfunden, es wird abgestritten, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht ist. Da geht es doch einfach nur darum, mit Brachialgewalt einen radikalen Systemwechsel herbeizuführen.

Selbst Leute wie Jürgen Habermas würden sagen, dass Wahrheit das ist, auf was wir uns diskursiv verständigt haben. Wenn es hundert Studien gibt, die beweisen, dass der Klimawandel menschgemacht ist, und eine, dass dem nicht so ist, dann dürfen wir das nicht Wahrheit nennen. Das ist im diskursiven Fluss. Fake News ist der Begriff der Konservativen, um Medien zu diskreditieren. Aber wir übernehmen ihn in gewisser Weise, und das dürfen wir nicht. Es gibt im Deutschen einen ganz tollen Begriff, der lautet "Demagogie". Wir sollten den anderen Demagogie vorwerfen - und sie können von "Fake News" reden. Was derzeit passiert, ist, dass wir uns als kritische Intellektuelle der Logik der Gegenseite hingeben. Obwohl wir ganz andere Begriffe haben.

Sie behaupten, dass die Gründerväter der USA Emotionen immer aus der Politik verbannen wollten. Die hatten richtiggehend Angst vor Emotion, weil sie unkontrollierbar ist und im Extremfall zur Revolution führt. Aber wenn man US-Politik beobachtet: Die trieft doch vor Emotion im Sinn von Pathos. Man denke nur an Obamas Schlachtruf "Yes, we can". Wurden da nicht schon die Grundlagen für das Phänomen Trump geschaffen?

Es gibt da drei Perspektiven: Zunächst, wie emotional sind Politiker selbst. Wie geht Politik mit Emotion bei den Bürgern um und drittens, die Emotionen der Bürger selber. Die amerikanischen Gründerväter hatten Angst vor den Emotionen der Bürger. Es war immerhin die Zeit der Französischen Revolution. Die hatten Angst, dass ihnen der Laden um die Ohren fliegt. Man hatte Angst vor der Masse, die politisch nicht hinreichend aufgeklärt ist . . .

...und hat versucht, die Emotion in patriotische Kanäle zu lenken. Im Sinn der allgegenwärtigen Lobpreisung der Armee?

Es gibt da zwei Theorien. Die eine besagt, dass wir es mit einer Ökonomisierung des Emotionalen zu tun hätten. Menschen, die nutzenmaximierend sind, sind berechenbar. Damit sind sie aber auch durch die Politik steuerbar. Die andere Deutung sagt, hinter der ganzen amerikanischen politischen Kultur stecke Zivilreligion. Von der Verehrung der Verfassung bis zur Verherrlichung der Armee. Das dient alles nur der Tatsache, dass es keinen gemeinsamen religiösen Hintergrund gibt. Die USA sind ein Einwanderungsland.

Der Common Ground muss künstlich und mit viel Mühe erzeugt werden.

Richtig. Das nennt man dann Zivilreligion, und die arbeitet wie jede Religion mit Emotionen. Und diese beiden Ansichten über die amerikanische Gesellschaft prallen aufeinander.

Warum verwendet Trump, wenn er zum Volk redet, so eine komische Kindersprache? Was bezweckt er damit?Haben Sie da eine Theorie?

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-17 14:36:08
Letzte Änderung am 2017-03-17 20:16:36




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