• vom 20.03.2017, 18:01 Uhr

Weltpolitik

Update: 20.03.2017, 19:11 Uhr

Irak

Im Krieg nach dem Terror




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Von Petra Ramsauer

  • Hunderttausende Menschen versuchen derzeit, den Kampf um Mossul irgendwie zu überleben.

Wer kann, der flieht. Noch immer sind aber 650.000 Menschen im Westen Mossuls eingeschlossen. - © ramsauer

Wer kann, der flieht. Noch immer sind aber 650.000 Menschen im Westen Mossuls eingeschlossen. © ramsauer



Mossul. Eine Packung Windeln und die Handtasche seiner Frau trägt der junge Mann. Auf seinem einzigen verblieben Kleidungsstück, einem blauen Sweatshirt, steht in Großbuchstaben "I love Paris". "Das ist von unserem Leben geblieben. Alles, was wir besessen haben, liegt in Trümmern." Eilig zieht er mit seiner Familie weiter, zu hektisch, um noch seinen Namen zu nennen. Aus der zerbombten Häuserzeile taucht sofort die nächste Gruppe auf, reiht sich in den Strom der Verzweifelten ein, die aus den umkämpften Vierteln Mossuls Richtung Sicherheit strömen. 50.000 sind es derzeit pro Tag.

"Wir sind am Rande des Möglichen angelangt. Für so viele waren wir nicht vorbereitet", warnt Lise Grande, die für die Vereinten Nationen die humanitäre Hilfe koordiniert: "Die Kapazitäten sind am Zusammenbrechen." Besonders in Sorge sei sie aber auch um jene, die es nicht schaffen zu fliehen. "Noch sind 650.000 Menschen im heftig umkämpften Gebieten Mossuls eingeschlossen." Seit Mitte November, sagt sie, seien weder Lebensmittel noch sonstige Güter in das Gebiet gelangt. Wer dort ist, kämpft unter Feuer, ohne jegliche Unterstützung und Reserven, ums Überleben.

Deshalb versuchen alle zu fliehen, die es irgendwie schaffen. Quer durch die lebensgefährliche Front. Bei eisigen Windböen, die dichte Staubwolken vor sich hertreiben, wird die Flucht zu einer qualvollen Härteprobe. Kleine Kinder trotten stumm und monoton neben den Erwachsenen her. Die Frauen wagen es noch nicht, ihre langen schwarzen Mäntel abzulegen. Als es zu regnen beginnt, schleifen sie mit dem Saum im Schlamm. Verheddern sich im Morast.

Seit einem Monat läuft die Offensive irakischer Sicherheitskräfte gegen die Milizen des Islamischen Staates am westlichen Tigris-Ufer der irakischen Millionenstadt. Hier, nahe der Altstadt, hat sich der härteste Kern der Terrorkämpfer verbarrikadiert. Da befindet sich auch die an-Nur Moschee mit ihrem legendären schiefen Minarett. Sie ist das Epizentrum im Versuch, den "Islamischen Staat" zu zerstören. Ihr Symbolwert ist enorm: In dieser Moschee hat Abu Bakr al-Baghdadi im Juni 2014 den "Islamischen Staat" ausgerufen, sich zum Kalifen ernannt. Nach einem Blitzkrieg konnte damals die Terrormiliz, flankiert von Kämpfern aus 120 Staaten, ein Drittel des Iraks und die Hälfte Syriens erobern und acht Millionen Menschen mit brachialer Gewalt beherrschen.

Eine absurde Welt

Von einem Albtraum taumeln die Menschen von Mossul nun in den nächsten. "Geben Sie mir Wasser. Bitte Wasser", sagt Haidar, ein 52-Jähriger, der seine Habseligkeiten in einen alten Reissack gepackt und auf den Rücken geschnallt hat. "Wir sind um Mitternacht los." Nun ist es fast Mittag. Seine Lippen sind aufgesprungen. Er rührt das Wasser aber nicht an, sondern gibt es den Kindern, die mit ihm unterwegs sind. "Die IS-Terroristen schießen wie wild um sich. Drei Jahre haben wir diese Irrsinnigen aushalten müssen. Wir haben gehofft, dass irgendwann alles gut wird. Sie besiegt werden. Doch diesen Krieg haben schlussendlich nur wir verloren. Die Terroristen des IS sprengen sich in die Luft oder tauchen unter. Die wird es weiter geben. Aber unsere Heimat ist eine Ruine geworden."

Haidars fünfjährige Enkelin sinkt während dieser kleinen Pause müde auf einen Abschnitt mit brüchigem Asphalt. Der Großteil der Fahrbahn ist ein einziger unwegsamer Bombenkrater. Mit einem kurzen Nicken greift sie zaghaft nach der Tafel Schokolade, die wir ihr reichen. Ratlos mustert sie in ihrem viel zu leichten Sommerkleid die Reporterin der "Wiener Zeitung", die ihr in Stahlhelm und kugelsicherer Weste gegenübersteht. "100 Prozent bio und fair gehandelt. Verpackung kompostierbar", steht auf der Verpackung der Süßigkeiten, die sie jetzt umklammert: Ein Moment, der die Absurdität der ungleichen Welten des 21. Jahrhunderts in einem präzisen Bild widerspiegelt.



Die Mutter der Kleinen trägt einen Säugling, eingewickelt in eine Decke mit dem Muster von kleinen Elefanten. "Das Kind fiebert", sagt sie panisch. "Tun sie etwas. Sie sind doch sicher Ärztin." Gleich darauf zuckt sie zusammen, hüllt das Kind wieder ein. Das Zischen einer Rakete versetzte sie in Panik. Wenige Minuten später vibriert der Boden. Der Detonation folgen weitere, dumpfe Explosionen von Granaten. Eines der Kinder läuft barfuß weiter. Die billigen Sandalen bleiben in einer sumpfigen Pfütze stecken.

Für einen Moment geht der Überblick in einem Knäuel aus Sandsturm, Kampfgetöse und Motorengeräuschen verloren. Ein pechschwarzes gepanzertes Fahrzeug der Eliteeinheit der irakischen Armee rast vorbei. Die Scheinwerfer leuchten grell durch die trübe Luft. Sirenen plärren in den Gefechtslärm. Ein Soldat wird in das nahe Feldlazarett gebracht. Wie sich später herausstellt, war der Rettungsversuch sinnlos. Ihn hat der gezielte Schuss in den Nacken sofort getötet. Da half keine Kampfmontur. "Diese Teufel", schreit jener Offizier, der ihn zu den Ärzten bringt. Dann bricht er weinend zusammen.

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Schlagwörter

Irak, Mossul, IS

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-03-20 18:06:07
Letzte ─nderung am 2017-03-20 19:11:40




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