• vom 21.04.2017, 17:19 Uhr

Weltpolitik

Update: 21.04.2017, 19:11 Uhr

Venezuela

"Werft keine Bomben mehr"




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Von Georg Ismar und Nestor Rojas

  • Eskalation der Gewalt: Elf Tote bei nächtlichen Protesten. Kann es noch einen friedlichen Ausweg geben?



Caracas. (dpa) Bei nächtlichen Unruhen in Venezuelas Hauptstadt Caracas sind mindestens elf Menschen getötet worden. Einige von ihnen seien erschossen worden, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Damit ist die Zahl der Todesopfer seit Beginn der Protestwelle gegen Präsident Nicolas Maduro vor drei Wochen auf insgesamt 20 gestiegen. Angesichts solcher dramatischer Szenen in Venezuela fordert die internationale Gemeinschaft von Präsident Nicolas Maduro ein Zurückziehen der brutal agierenden Milizen.

Der Generalsekretär der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS), Luis Almagro, sagte, die Demokratie in Venezuela sei "tödlich verletzt". Auch am Donnerstag demonstrierten laut Schätzungen Hunderttausende für Neuwahlen und gegen ein Abdriften in die Diktatur. "Wir verurteilen vor allem, dass das Regime die Colectivos bewaffnet hat, damit sie unkontrolliert Repression ausüben", sagte der frühere uruguayanische Außenminister Almagro. Als Colectivos werden mit den seit 1999 regierenden Sozialisten sympathisierende Milizen bezeichnet, die mit Waffen und Schlagketten Gegner attackieren.

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Maduro bot zugleich einen Dialog an. "Es wird nie einen Bürgerkrieg in unserem Vaterland geben", teilte er per Internetbotschaft mit. Seit Tagen setzt die Polizei massiv Tränengas ein, gerade in Caracas.

Maduro wittert ein Komplott
Bilder von einer Frau, die sich einem gepanzerten Fahrzeug inmitten von Tränengas entgegenstellt, oder von einem nackten Mann, der einen Panzerwagen besteigt und ein Ende der Gewalt fordert, wurden in sozialen Medien tausendfach verbreitet. Der Mann hatte sich mit ausgestreckten Armen und einer Bibel in der Hand zwischen schwer bewaffnete Polizisten gestellt, die sich mit Gasmasken auf ihren Motorrädern gegen das versprühte Tränengas schützten. "Werft keine Bomben mehr", rief er mit Blick auf den massiven Tränengaseinsatz.

Maduro wittert ein Komplott und forderte die Verteidigung der von Hugo Chavez begonnenen sozialistischen "Revolution" - dank der Öleinnahmen wurde lange massiv in Sozialprogramme und Wohnungsbau investiert. Aber Misswirtschaft ließ das Land zuletzt abstürzen. Fast tausend Menschen wurden zuletzt festgenommen. Das Land steht vor dem Ruin. Wegen der Bedienung milliardenschwerer Auslandsschulden und der höchsten Inflation der Welt können kaum noch Lebensmittel und Medikamente importiert werden, die in Euro oder Dollar zu bezahlen sind.

Präsident Maduro macht den niedrigen Ölpreis und Sanktionen für die Misere verantwortlich - 2016 brach die Wirtschaftsleistung um rund 18 Prozent ein. Antibiotika, Diabetes- oder Epilepsie-Medikamente sind kaum noch zu bekommen. Die Kindersterblichkeit stieg deutlich an. Auf Müllbergen suchen Menschen, gestört von Geiern, nach Essensresten.

OAS-Chef Almagro will den internationalen Druck auf Maduro erhöhen, der ihn zu einer Art Staatsfeind erklärt hat. Zu Ostern brannten in dem Land Judas-Figuren mit dem Konterfei Almagros. Er wirft Maduro vor, die Gewaltenteilung und die Demokratie ausgehebelt zu haben. Die OAS ist aber in ihrer Haltung zu Venezuela gespalten. Ihr gehören die 35 Staaten Nord-, Mittel- und Südamerikas sowie der Karibik an. Boliviens sozialistischer Präsident Evo Morales warf zum Beispiel den USA vor, Maduro stürzen zu wollen. "Der Plan des Imperiums ist es, den verfassungsgemäß gewählten Präsidenten zu stürzen, als Warnung an alle antiimperialistischen Regierungen."

Autobauer GM stoppt Geschäfte
Maduro regiert mit Dekreten weitgehend am von der Opposition dominierten Parlament vorbei. Zuletzt kündigte er an, 500.000 Männer mit Gewehren auszurüsten. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres zeigte sich äußerst besorgt über den blutigen Machtkampf: "Wir rufen dazu auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, um die Spannungen zu verringern und weitere Zusammenstöße zu verhindern." Die deutsche Regierung forderte die Freilassung von politischen Gefangenen.

Der größte US-Autobauer General Motors (GM) stoppte am Donnerstag seine Geschäfte in Venezuela, nachdem die Regierung eine Fabrik des Konzerns beschlagnahmt hatte. Die Aktion habe zu irreparablem Schaden für GM, seine 2678 Mitarbeiter und die Zulieferer geführt, teilte GM mit.




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Dokument erstellt am 2017-04-21 17:24:08
Letzte ─nderung am 2017-04-21 19:11:02




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