• vom 03.07.2017, 08:55 Uhr

Weltpolitik

Update: 03.07.2017, 14:55 Uhr

Soziologie

"Wofür war der Neoliberalismus gut?"




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Von Klaus Huhold

  • Soziologe Heinz Bude über das Bedürfnis nach mehr Anstand und die Gründe des Aufstiegs von Trump und Macron.



Politik, die kann man nicht gegen Stimmungen machen, sagt der deutsche Soziologe und Essayist Heinz Bude. Denn Stimmungen entscheiden über Wahlen, Willkommenskulturen und politische Schicksale. Bude war auf Einladung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zu Gast. Bei seinem Besuch sprach er mit der "Wiener Zeitung" darüber, wie kollektive Stimmungen entstehen, warum vor allem rechte Politiker von der derzeitigen Stimmung in westlichen Gesellschaften profitieren, warum Ereignisse wie die Silvesternacht von Köln für einen Stimmungsumschwung sorgen können und welchen Einfluss Medien auf Stimmungen haben.

"Wiener Zeitung": Sie forschen zu kollektiven Stimmungen. Wie schlagen sich diese in der Politik und der Gesellschaft nieder?


Heinz Bude: Bei kollektiven Stimmungen geht es um die Frage, wie sich gefühlsmäßige Auffassungen über die Welt in der Gesellschaft verbreiten. Dafür können Medien das Netzwerk sein, aber auch das Gespräch am Gartenzaun kann eine Rolle spielen. Es muss eine gewisse Gleichgeformtheit der Themen geben. Dadurch kann man Stimmungslinien erkennen, die sich durch eine Gesellschaft ziehen. Bestimmte Fragen tauchen auf und man bleibt an ihnen mit einem wechselseitigen Interesse hängen. Zum Beispiel an der Frage: Schafft das Angela Merkel noch? Wenn sich Leute darüber unterhalten - dann redet man im Grunde nicht über Angela Merkel, sondern über die Verfassung des Kollektiven innerhalb einer Gesellschaft.



Sieht man gerade bei Merkel, wie schwankend diese Stimmungen sind? Zunächst schien es, als würde sie SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz bei der Wahl stürzen, heute schaut es umgekehrt aus.

Stimmungen sind beweglich, aber man muss versuchen, das Bewegliche vom Konstanten zumindest analytisch zu unterscheiden. Merkel arbeitet momentan ein Grundgefühl in Deutschland zu: Wenn alle um uns herum die Tendenz haben, verrückt zu spielen, dann dürfen wir das nicht auch noch machen. Deshalb ist auch die Alternative für Deutschland (AfD) im freien Fall. Da hat die Wahl von Donald Trump Merkel ungemein zugespielt.



Ganz anders ist der Fall gelagert bei Emmanuel Macron, der in Frankreich die Präsidentenwahl gewonnen und dessen Partei auch bei der Parlamentswahl triumphiert hat. Hier wurde die Veränderung gewählt. Wenn man versucht, das mit dem Instrument der Stimmungen zu analysieren, was hat Macron getragen?

Der große Erfolg von Macron beruht darauf, dass er ein großes Unbehagen der französischen Gesellschaft mit sich selber aufgegriffen hat. Es gibt neue Gruppen in Frankreich, eine neue technokratische Elite, die weiß, dass es mit der Planification (der zentralistischen französischen Wirtschaftsplanung, Anm.) nicht mehr so weitergeht, es Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt geben muss. Macron hat diesen Ton angeschlagen, dass es im Grundsätzlichen einen Änderungsbedarf gibt. Allerdings wissen wir nicht, wie das ausgehen wird. Es sieht danach aus, dass es eine revisionsbereite Administration und den dementsprechenden politischen Willen geben wird. Gleichzeitig konstituiert sich aber die Straße. Und diese ist nicht ganz ungefährlich.



Aber wie weit kommt denn auch von Macron von der Straße? Sie schreiben in Ihrem Buch "Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen" von einem Aufstand der Piazza gegen den Palazzo, wie sie sich etwa auch in Italien in der Fünf-Sterne-Bewegung von Beppe Grillo zeigt. Oder auch den Aufstieg von Donald Trump kann man dazu zählen. Macron ist zwar ein ganz anderer Politiker, kein Populist, sondern ein glühender Pro-Europäer, aber auch er hat ja kaum Berufspolitiker in seinem Team, sondern holt sozusagen Leute von der Straße ins Parlament.



Ursprünglich war auch Macron Teil dieser Bewegung. Er profitierte von der Polarisierung der französischen Republik, indem er sich als Kandidat inszenieren konnte, der diese Polarisierung wahrnimmt und einen Schritt darüber hinaus gehen will. Damit ist eine totale Revision des Parteienwesens verbunden. Die Sozialistische Partei existiert quasi nicht mehr, und mittelfristig sieht man auch nicht, wie die Konservativen wieder zusammenfinden sollen. Insofern hat tatsächlich etwas Trumpistisches stattgefunden. Allerdings: Macron ist auch ein starker Vertreter der Administration. Frankreichs Republikanismus ist immer auch einer der Exzellenz. Macron hat keinen Zweifel daran gelassen, dass er diese Exzellenz der Administration stärken will - durch Leute, die nicht aus dem Zentrum kommen. Insofern ist er total französisch.



Sie unterscheiden ja auch zwischen epochalen und augenblicklichen Stimmungen. Bei all den Verwerfungen, die wir derzeit erleben - ist ein Überdruss mit dem Bestehenden derzeit die epochale Stimmung?

Es gibt eine allgemeine Stimmung, dass in den letzten 30 Jahren vielleicht etwas falsch gelaufen ist. Die Grundbotschaft des Neoliberalismus lautet ja: Eine gute Gesellschaft ist eine Gesellschaft starker Einzelner. Politik muss daher den Einzelnen stärken und nicht in Kollektiven denken. Ausdruck fand das in dem Satz von Margaret Thatcher: "There is no such thing as society." Diese Grundidee, die Einzelnen in ihren Kompetenzen und Verhandlungsmöglichkeiten zu stärken, ging bis Tony Blair und Gerhard Schröder. Jetzt stellen die Bürger dieses Modell in Frage und kommen zu dem Ergebnis: Das ist eine Illusion. Auch starke Einzelne werden sich in der heutigen Welt nicht mehr halten. Und das Ergebnis, das wir nun sehen, ist eine wachsende Ungleichheit. Immer mehr Leute haben das Gefühl, dass sie der Schutzlosigkeit preisgegeben sind. Wofür war das gut? Die Geldmenge hat sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Aber wollen wir das? Dieses Gefühl, diese Bilanzierung, dass wir an einem Ende ohne Anfang stehen, hat zunächst rechts abgegriffen und nicht links, das muss man realistisch so sehen.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-07-03 09:00:30
Letzte nderung am 2017-07-03 14:55:23




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