• vom 16.07.2017, 10:20 Uhr

Weltpolitik

Update: 16.07.2017, 10:32 Uhr

Kenia

"Am liebsten würden wir 3 Mal am Tag essen"




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Von WZ Online, APA, Viola Bauer

  • Die Dürre in Kenia raubt den Menschen ihre Lebensgrundlage. Nothilfepakete sind schnell aufgebraucht.

Schülerinnen der Kalacha Nomadic Girls Primary School im Norden Kenias. - © APA, Helmut Fohringer

Schülerinnen der Kalacha Nomadic Girls Primary School im Norden Kenias. © APA, Helmut Fohringer

Dürre seit zweieinhalb Monaten: Zwei Bauern stehen vor einem toten Kamel.

Dürre seit zweieinhalb Monaten: Zwei Bauern stehen vor einem toten Kamel.© APA, Helmut Fohringer Dürre seit zweieinhalb Monaten: Zwei Bauern stehen vor einem toten Kamel.© APA, Helmut Fohringer

Nairobi/Wien. Sie haben Glück. Sie können in die Schule gehen und bekommen dort auch eine Mahlzeit. "Am liebsten würden wir drei Mal am Tag essen", erzählen die Kinder des nordkenianischen Dorfes Qorqa der APA. Milch und Fleisch, das traditionelle Essen der Nomaden, wünschen sie sich. Aber, erzählen die Jüngsten weiter, sie sind für alle Nahrungsmittel dankbar, die sie bekommen. "Manchmal ist es schon hart."

Die Schule liegt eineinhalb Gehstunden vom Dorf entfernt, die bei rund 40 Grad Hitze bewältigt werden müssen. Die Kinder verlassen um 05:00 Uhr in der Früh das Dorf und kehren am Nachmittag zurück. Die Mädchen helfen dann ihren Müttern bei der täglichen Arbeit wie Wasserholen, Kindererziehung, Zeltbau; die Buben schauen auf das Weidetier, vorausgesetzt es ist noch nicht an der Dürre verendet.

Fünf Dorfbewohner verhungert

Drei Kilo Maismehl, ein Liter Kochöl, fünf Kilo Bohnen, ein Kilo Milchpulver - zehn Kilo, die eine Wochen Leben bedeuten. Das Nothilfepaket im Wert von 25 Euro, das NGOs verteilen, kann eine sechsköpfige Familie sieben Tage ernähren. Wenn die Hilfe ausbleibt, wird der Lebensfaden dünn. In Qorqa haben der ausbleibende Regen und die Dürre den Menschen alles genommen, fünf Dorfbewohner sind bereits den Hungertod gestorben.

Frauen stehen mit Kanistern um Wasser an.

Frauen stehen mit Kanistern um Wasser an.© APA, Helmut Fohringer Frauen stehen mit Kanistern um Wasser an.© APA, Helmut Fohringer

Früher konnten sich die Bewohner der 300 Dorffamilien gegenseitig helfen. Doch wo nichts ist, kann auch nichts geteilt werden. Die Viehherden sind durch die anhaltende Trockenheit von Hunderten Tieren bis auf einige wenige verendet. Die mit Hand zusammengestellten trockenen Zweige, die früher einmal Ställe waren, stehen nun leer. "Von 600 Tieren auf fünf", schildert ein Dorfbewohner das Sterben seiner Herde im Gespräch mit der APA. Für die traditionellen Nomaden bedeutet das das Ende ihrer einzigen Einnahmequelle, zum Anbau ist das Land seit jeher zu karg. Früher konnten die Hirten sich durch den Verkauf der Tiere am Markt Grundnahrungsmittel wie Bohnen oder Mais kaufen. Über Generationen hat das funktioniert. Die Dürreperioden kamen und gingen, in den Regenzeiten konnten sich die Menschen und Tiere erholen und wieder zu Kräften kommen. Es war ein einfaches, aber würdevolles Leben - bis der Regen ausgeblieben ist.

Schlimmste Dürre der Geschichte

"Wir sind im Herz der größten Wüste des Landes, wir erleben die schlimmste Dürre in der Geschichte", erklärt Wario Guyo Adhe, Gründer der lokalen Nichtregierungsorganisation PACIDA (Pastoralist Community Initiative and Development Assistance). Seit 2008 hilft die NGO in Zusammenarbeit mit der Caritas Österreich den lokalen Viehhirten in der nordkenianischen Region Marsabit, die mit ihren 300.000 Einwohnern in etwa so groß wie Österreich ist. "Die Menschen hier sind hungrig. Die Dürre dauert nun schon zweieinhalb Jahre an.

Seit dem Jahr 2000 ist auch Krebs als neue Krankheit vermehrt aufgetaucht. Aufgrund der fehlenden Aufmerksamkeit ist bis jetzt nur wenig Hilfe angekommen. Die Situation verschlechtert sich, Unterernährung und Schulabbrüche nehmen zu. Die schwer zugängliche Region war nie mit anderen verbunden. Auch historisch ist das Gebiet von der britischen Kolonialmacht aufgrund fehlender Rohstoffe stets untangiert geblieben. Bis heute fehlt es an grundlegender Infrastruktur wie Straßen oder Strom. Erst jüngst ist das letzte Teilstück der afrikanischen Verbindungsstraße von Johannesburg in Südafrika bis nach Kairo in Ägypten in Marsabit fertiggestellt worden. Damit sind auch erste Strommasten aufgetaucht, zumindest einmal die Masten, die Kabel fehlen noch. Wobei der Strom zunächst direkt von Äthiopien in die kenianische Hauptstadt Nairobi, also nur durch und nicht in die Region gehen soll.

Geteilt, wo Hilfe am notwendigsten ist

"Es ist so frustrierend. Wir legen die Hände in den Schoß, sitzen zu Hause und warten", sagt Roba Duba im Gespräch mit der APA in Quorqa. Ohne Vieh kann ein Nomade nicht weiterziehen, ohne Regen nicht nach Wasserstellen suchen. Der 35-Jährige ist Familienvater von fünf Kindern, seine 22-jährige Frau Wato Yattani ist gerade mit dem sechsten Kind hochschwanger. Ihr Zuhause ist ein Rundzelt aus Holz und Stoffen, die von Seilen zusammengehalten werden. Darin ist es dunkel und leer, Hausrat gibt es keinen. Dubas Eltern sind bereits verstorben, älter als 50 oder 60 Jahre wird kaum ein Dorfbewohner, erzählt er. Das zehn Kilo Nothilfepaket sei immer bereits nach einigen Tagen aufgebraucht, im Dorf wird geteilt, wo die Hilfe am nötigsten ist.

Wasser ist am wichtigsten: Oft wird tagelang überhaupt nur Tee getrunken; der Hunger und das Warten auf die nächste Hilfslieferung sind zu ständigen Begleitern geworden. Dubas großer Wunsch wären Kamele und Rinder, aber auch für Ziegen oder Schafe wäre er dankbar, um sich wieder eine Existenz aufbauen zu können. Nur wie soll er das Vieh ohne Wasser am Leben erhalten? Die nächste Regenzeit kommt erst im Oktober und November - vorausgesetzt es regnet wirklich. Zu oft schon sind die Menschen Nordkenias enttäuscht worden. "Wir beten zu Gott, dass es besser wird."

Hilfe kommt nur zögerlich

Ihre jahrzehntelange nomadische Lebensart als Hirten ändern? "Ja, aber in was?", fragen auch einheimische Beobachter aus der Region. "Wir denken, Viehherden waren immer schon da und sie werden bleiben." Bleibend wirkt sich aber auch der Klimawandel aus, von dem viele einfache Nomaden in der Region noch nie etwas gehört haben. Die Mehrheit der Dorfbewohner Qorqas sind Analphabeten, die ihren eigene regionale Sprache sprechen. Ihre Kinder wollen sie nun in die Schule schicken, damit diese ein besseres Leben haben und einmal mit dem Einkommen ihrer Berufe aus der nächstgelegenen Stadt North Horr das Dorf versorgen können. Auch die Kinder nennen das ihren Wunsch. "Ich möchte lernen und damit meiner Familie helfen", erzählt die kleine, zierliche neunjährige Muzuri Talaso. "Wenn ich groß bin, möchte ich Soldatin werden und meine Gemeinschaft beschützen." Lehrer, Arzt oder Soldaten wollen die Kinder jeweils nach ihren Worten werden.

310 Kenianische Schilling (2,6 Euro) beträgt das Schulgeld für drei Monate. Den Kindern, die in die Schule gehen, gefällt der Unterricht, besonders das Erlernen der gängigsten Sprache Ostafrikas Swahili (Suaheli; Eigenbezeichnung Kiswahili), berichten sie gegenüber der APA stolz. Nur wie zahlen ihre Eltern das Schulgeld ohne Einkommen?

"Früher ist die Dürre einmal in einer Generation gekommen, jetzt tritt sie alle drei bis vier Jahre auf. Der normale Fluss des Lebens ist durchbrochen", erklärt Caritas-Generalsekretär Christoph Schweifer beim Besuch in Marsabit. Die Dürre in Kenia habe die Hälfte des Landes im Griff, 2,6 Millionen Menschen seien derzeit von Hilfe abhängig. Doch die internationale Hilfe kommt zögerlich: Ende Mai waren erst 27 Prozent der von der UNO für die Nothilfe in Kenia geforderten 166 Millionen US-Dollar von der internationalen Gemeinschaft zugesagt. "In Marsabit leidet jedes dritte Kind unter Unterernährung. 80 Prozent der Tiere sind verendet. Durch den Klimawandel und die Wüstenbildung verringert sich die Anbau- und Weidefläche. Damit fällt die Lebensgrundlage der Menschen weg. Wir dürfen uns nicht damit abfinden." Es ist ein Teufelskreis, der nur durch Hilfe von außen durchbrochen werden kann.

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Dokument erstellt am 2017-07-16 10:20:52
Letzte nderung am 2017-07-16 10:32:33




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