• vom 17.07.2017, 19:58 Uhr

Weltpolitik


Nordkores

Flucht nach vorn




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  • Vor dem Hintergrund wachsender militärischer Spannungen auf der koreanischen Halbinsel lädt Seoul den Norden zum Dialog ein - Pjöngjang reagierte zunächst mit Schweigen.

Gibt sich bisher unbeugsam: Kim Jong-un.

Gibt sich bisher unbeugsam: Kim Jong-un.© ap/Wong Maye-E Gibt sich bisher unbeugsam: Kim Jong-un.© ap/Wong Maye-E

Seoul/Pjöngjang. Militärische Machtdemonstrationen wie jüngst die Entsendung einer riesigen US-Kriegsflotte vor die nordkoreanische Küste haben Pjöngjang ebenso wenig beeindruckt wie die vom Westen immer wieder verschärften Wirtschaftssanktionen. Kim Jong-un, der Anführer des stalinistischen, international völlig isolierten Regimes, scheint gegen jeden Druck von außen immun zu sein. Der 37-Jährige reagiert im Gegenteil, indem er seinerseits die Aufrüstung der Atommacht Nordkorea immer aggressiver vorantreibt und provokante Raketentests durchführt, die vor allem für die regionalen US-Bündnispartner Japan und Südkorea eine wachsende Bedrohung darstellen. Anfang Juli hatte Pjöngjang trotz internationaler Sanktionen und Warnungen erstmals eine Interkontinentalrakete getestet, die mit Atomsprengköpfen bestückt die Küste Alaskas erreichen kann. Auch wurden seit Anfang des vergangenen Jahres bereits zwei neue Atomtest durchgeführt.

Hoffen auf eine langsame Wiederannäherung
Vor dem Hintergrund der sich gefährlich zuspitzenden Lage tritt Südkorea nun die Flucht nach vorn an. So bot die Regierung in Seoul dem verfeindeten Nachbarn am Montag die Wiederaufnahme von Militärgesprächen an. Die Verhandlungen könnten am kommenden Freitag auf nordkoreanischer Seite des Grenzortes Panmunjom stattfinden, teilte das Verteidigungsministerium mit.

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Die Gespräche sollten dem Abbau der Spannungen dienen. Ziel sei es zunächst, sämtliche "feindseligen Handlungen" entlang der militärischen Demarkationslinie einzustellen; dazu gehört auch die gegenseitige Beschallung mit Propaganda über Lautsprecheranlagen. Auch über humanitäre Projekte will der Süden wieder reden: Dazu schlug der Rot-Kreuz-Verband der nordkoreanischen Seite Gespräche am 1. August über neue Begegnungen zwischen Familien in der vier Kilometer breiten Pufferzone vor, die durch den Korea-Krieg (1950-53) auseinandergerissen wurden. Ein Friedensabkommen fehlt bis heute.

Hofft auf eine Annäherung: Präsident Moon Jae-in.

Hofft auf eine Annäherung: Präsident Moon Jae-in.© ap/Lee Jin-man Hofft auf eine Annäherung: Präsident Moon Jae-in.© ap/Lee Jin-man

Eine Antwort aus Nordkorea zu den Vorschlägen blieb zunächst aus. Sollte Pjöngjang zustimmen, wären es die ersten Militärgespräche beider Länder seit etwa drei Jahren. Südkoreas neuer Präsident Moon Jae-in hatte sich schon kurz nach seinem Wahlsieg im April für die Wiederbelebung des Dialoges mit dem Norden starkgemacht. Er sei unter gewissen Bedingungen auch zu einem persönlichen Treffen mit seinen nordkoreanischen Amtskollegen Kim Jong-un bereit, hatte er betont. Das letzte bilaterale Gipfeltreffen liegt neun Jahre zurück. Davor hatten sich im Jahr 2000 Kim Jong-il, der Vater von Kim Jong-un, und Kim Dae-jung zum ersten Gipfeltreffen seit dem Ende des Korea-Krieges zusammengefunden.

Doch von der "Sonnenscheinpolitik" der 2000er Jahre ist nicht viel übrig geblieben. Nordkorea ist inzwischen zu einer gefährlichen Atomwaffenmacht geworden, fünf Atomtests wurden insgesamt durchgeführt. Ein sechster Atomtest könnte nach Einschätzung von Experten jederzeit vorgenommen werden. Die 2012 vereinbarte Zerstörung der Atomanlage Yongbyon hatte Pjöngjang schon 2011 widerrufen.

Erst Ende der vorigen Woche ließ das Forschungsinstitut 38 North mit der Meldung aufhorchen, dass das Land in den vergangenen Jahren mehr Plutonium für Atomwaffen hergestellt hat als bisher bekannt. Darauf deuteten Wärmebild-Aufnahmen hin, die Satelliten von September 2016 bis Juni 2017 vom nuklearchemischen Labor der Atomanlage Yongbyon aufgenommen hätten, teilte das auf Nordkorea-Beobachtung spezialisierte Institut in Washington mit.

Demnach gab es mindestens zwei bisher nicht bekannte Wiederaufarbeitungszyklen zur Vergrößerung des Plutonium-Arsenals. Zudem deuteten Aufnahmen von der Uran-Anreicherungsanlage in Yongbyon darauf hin, dass Zentrifugen in Betrieb gewesen seien. Allerdings sei unklar, ob die festgestellte Wärmeentwicklung in der Anlage auf einen Produktionsbetrieb oder die Wartung der Zentrifugen zurückzuführen sei. Anlass zur Sorge könnte auch eine kurzzeitige Aktivität im Leichtwasser-Forschungsreaktor sein.

Die Forscher von 38 North hatten im April das Atomwaffenarsenal auf bis zu 20 Bomben geschätzt und erklärt, das Land sei in der Lage, eine weitere Atombombe im Monat herzustellen.




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Dokument erstellt am 2017-07-17 20:03:08




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