• vom 21.07.2017, 17:31 Uhr

Weltpolitik


Hunger

"Weltweite Katastrophe in noch nie dagewesenem Ausmaß"




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  • Die Zahl der Menschen, die auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist, stieg seit 2016 um 35 Prozent. Neben Klimakatastrophen sind bei 10 von 13 Ländern bewaffnete Konflikte die Wurzel des Übels.



Rom. (ast/wak) "Es ist die schlimmste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg", schlägt das Welternährungsprogramm (World Food Programme - WFP) Alarm. Gemeint ist die Ausbreitung von weltweiten Hungerkrisen. Dabei nennt die UN-Organisation vor allem die Länder Südsudan, den Nordosten Nigerias, Somalia und den Jemen als absolute Hotspots. Es könnte sich zu einer Katastrophe in "noch nie dagewesenem Ausmaß" auswachsen, wenn nicht sofort die Weltgemeinschaft ihre Unterstützung aufstockt, um die Hungerkrisen zu bekämpfen und ihre Ausbreitung zu verhindern.

Dazu bräuchte das WFP aber auch Zugang zu den Hungernden. Das ist vor allem im Südsudan schwierig: Das afrikanische Land wird seit 2013 von einem blutigen Bürgerkrieg heimgesucht. Die Infrastruktur gilt als inzwischen nicht existent. Im Nordosten Nigerias wütet die islamistische Terrormiliz Boko Haram.

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Bereits 20 Millionen Menschen sind alleine in diesen vier Ländern am Rande des Verhungerns, davon 5,7 Millionen Kinder. "Und da reden wir noch gar nicht über Länder wie Syrien oder den Iran und die anderen Konfliktregionen dieser Welt", erklärte WFP-Exekutivdirektor David Beasley nun im Gespräch mit CNN. "80 Prozent unserer Hilfsleistungen fließen inzwischen in Konfliktregionen, also dorthin, wo der Hunger aus einem von Menschen gemachten Konflikt heraus entsteht." Das bedeutet, dass in 10 von 13 Ländern, in denen das WFP Hungerhilfe leisten muss, die Krise erst durch Menschen verursacht wurde.

Das größte Problem des weltweiten Hungers sind denn auch laut Beasley die bewaffneten Konflikte. Würden diese befriedet, gäbe es auch genug Geld, um die Menschen zu versorgen. "2016 haben wir im Rahmen der Hungerhilfe rund 80 Millionen Menschen versorgt. Heuer sind es schon 108 Millionen. Das ist eine Steigerung um 35 Prozent", erklärt Beasley.

In Gesprächen mit den Geberländern fordere er, wenn sie schon nicht die Konflikte beenden könnten, sollten sie doch wenigstens ihre Fördermittel erhöhen und dem WFP den Zugang zu den betroffenen Regionen ermöglichen, damit keine Kinder verhungern. 600.000 Kinder in den vier Brennpunkt-Ländern werden in den nächsten vier Monaten sterben, wenn keine Hilfe kommt, warnt Beasley. Das WFP hat kaum noch Hoffnung, bis 2030 den weltweiten Hunger zu beseitigen.

Hunger als Waffe von Extremisten
Der größte Geldgeber des WFP sind - bedingt durch die schiere Größe - die USA. Beasley weist aber auch darauf hin, dass die Bekämpfung des Welthungers auch im Interesse der USA sein müsse. US-Präsident Donald Trump kündigte jüngst auf dem G20-Gipfel in Hamburg an, gegen akute Hungerkrisen in Afrika umgerechnet 570 Millionen Euro für das WFP und andere Organisationen bereitzustellen. Allein 300 Millionen Euro davon fließen an die UN-Organisation. Mit dieser Ansage habe Trump die Welt wissen lassen, dass er der Anführer der Hilfsbewegung sei, folgert Beasley. Diese sei schließlich auch "Angriff und Verteidigung gegen Extremismus".

Wie mangelhafte Versorgung eine ganze Gesellschaft unter Druck setzen kann, zeigt sich etwa am Beispiel Syrien. Vor dem Bürgerkrieg gab es dort bereits über Jahre hinweg Dürren. Neben Unterdrückung, Konflikten zwischen religiösen und ethnischen Gruppen sehen US-Wissenschafter auch den Klimawandel für den Austand im Land verantwortlich.

Zwischen 2006 und 2010 suchte eine extreme Dürre Teile des sogenannten fruchtbaren Halbmondes heim. Neben Syrien waren auch die Türkei und der Irak betroffen. Im Nordosten Syriens, der Kornkammer des Landes, "brach das landwirtschaftliche System zusammen", schrieben Colin Kelley von der University of California in Santa Barbara und seine Kollegen im Jahr 2014.

Beasley zufolge nutzen vielerorts die kämpfenden Parteien den Hunger als Waffe. "Wenn Menschen über lange Zeit keine Nahrung erhalten, schürt das Konflikte, und extremistische Gruppen erhalten Zulauf. Wenn wir einen Zugang für unsere Hilfe erhalten, lindert das den Konflikt und verringert die Migration, aber auch den Extremismus", ist der WFP-Exekutivdirektor überzeugt.

Das Fews Net (Famine Early Warning Systems Network), ein Frühwarnsystem der US-Regierung zu bevorstehenden Hungersnöten, führt neben den bereits eingangs erwähnten Brennpunkten auch noch Länder wie Afghanistan und die Region am Horn von Afrika an: Der mangelnde Regen wird die Ernten heuer magerer ausfallen lassen.




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Dokument erstellt am 2017-07-21 17:36:05




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