• vom 25.08.2017, 20:30 Uhr

Weltpolitik


Klimawandel

"Die Ablösung von Obama zu Trump ist wie ein Peitschenhieb"




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Von Anja Stegmaier und Konstanze Walther

  • Die Geophysikerin Marcia McNutt über die Bedeutung der Wissenschaft für den US-Präsidenten und den Klimawandel.

Die Erderwärmung ist nicht nur spürbar, sondern auch aus dem All sichtbar. - © afp/Nasa

Die Erderwärmung ist nicht nur spürbar, sondern auch aus dem All sichtbar. © afp/Nasa



"Wiener Zeitung":Mit dem Zeitalter der Aufklärung galt die hehre Wissenschaft spätestens ab dem 18. Jahrhundert als unantastbar. Jetzt ist Donald Trump US-Präsident, der den Klimawandel als Erfindung aus China abtut. Seit 2016 sind Sie Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Hätten Sie gedacht, dass Ihr Job einmal so politisch sein würde?

Marcia McNutt: Donald Trump ist in der Tat anders als alle Präsidenten, die wir zuvor hatten. Aber wir müssen ihn auch in Relation setzen. Aus wissenschaftlicher Sicht betrachtet, war Präsident Barack Obama auch ein ungewöhnlicher Präsident. Von John Holdren, Obamas Wissenschaftsberater, weiß ich, dass wenn das Kabinett einen Vorschlag auf den Tisch legte, die erste Frage, die Obama stellte, war: "Wie denken die Wissenschafter darüber?" Das war erstmalig in der US-amerikanischen Geschichte der Politik, dass ein Präsident zuerst wissenschaftlichen Input wollte, bevor er eine Entscheidung traf. Obama hat Positionen mit Wissenschaftern besetzt, die zuvor immer nur Leute mit einer langen Erfahrung in der Verwaltung innehatten, mit Hintergründen aus Politik und Wirtschaft. Vergleichsweise gab es nur einen oder zwei Präsidenten mit einem potenziell ähnlichen Interesse an Wissenschaft, möglicherweise Abraham Lincoln oder Thomas Jefferson.

Jetzt haben wir mit Trump einen Präsidenten, dessen Hauptinteresse darin besteht, zu fragen: "Wie denkt die Business-Community darüber?" Das ist sein natürlicher Instinkt. Er meint, wenn er an die Business-Community denkt, denkt der an die Wirtschaft. Die Ablösung von Obama zu Trump ist für Wissenschafter wie ein Peitschenhieb. Wenn Trump nach George W. Bush gekommen wäre, dann hätte das den Bereich nicht so erschüttert. Ich versuche mir vorzustellen, ob es von Bush zu Trump auch so viel Aufruhr gegeben hätte.

Mit Scott Pruitt hat Trump einen Juristen, Generalstaatsanwalt aus Oklahoma, zum Leiter der Umweltschutzbehörde EPA gemacht, der die Auswirkungen des CO2-Ausstoßes auf den Klimawandel bezweifelt und sich dafür starkgemacht hat, dass die USA das Pariser Klimaschutzabkommen verlassen - was sie ja dann erklärt haben.

Es gab Sorge von Wissenschaftern über einige von Trumps Ernennungen, insbesondere jene von Pruitt, vor allem bezüglich seiner Position zum Klimawandel. Aber da müssen wir abwarten, was tatsächlich passiert. Das Positive ist, dass der US-Kongress selbst seine unterstützende Haltung gegenüber der Wissenschaft beibehalten hat. Das heißt, dass die Budgets dafür stabil sind. Ich hoffe, das bleibt auch weiterhin so.

Sie haben vor kurzem ein Dokument mitveröffentlicht, das für die Erstarkung der Debattenkultur in der Wissenschaft plädiert. Ich hatte den Eindruck, dass es Ihnen bei der sogenannten Red-Team-Blue-Team Übung - ein Team versucht, die Argumente des anderen zu widerlegen - auch darum ging, die Wissenschaft auf Angriffe von außen vorzubereiten.

Nun, es macht einen großen Unterschied, ob die Bevölkerung glaubt, dass eine wissenschaftliche Erkenntnis sozusagen legitimiert oder nur eine Art Show ist. Das Argument gegen eine solche interne Debatte ist, aus Perspektive der Wissenschafter, dass man sozusagen für sie alte Erkenntnisse neu in der Debatte verteidigen muss. Denn das ist doch schon passiert. Das Argument für eine Debattenkultur ist, dass es nützlich für die Gesellschaft ist, sich das eine oder andere in Erinnerung zu rufen. Denn die Öffentlichkeit hat vielleicht seit 1970 nicht mehr zugehört, als der Klimawandel als natürliche Schwankung ausgelegt worden ist. Es könnte durchaus eine hilfreiche Übung sein, die Debatte darüber wieder zu beschleunigen.

Hat es etwas mit dem Bildungsniveau zu tun, ob der Klimawandel als menschengemacht anerkannt wird?

Nein. Es gibt Studien, die zeigen, dass extrem Gebildete sowohl unter den Befürwortern als auch Gegnern sind. Auch Menschen mit niedrigem Bildungsniveau sind auf beiden Seiten zu finden. Welche Position jemand bezieht, hat vor allem damit zu tun, ob die Akzeptanz des menschengemachten Klimawandels mit den anderen Überzeugungen der Person vereinbar ist. Wenn du ein leidenschaftlicher Umweltschützer bist, vielleicht nicht gut gebildet, mit einem niedrigen Einkommen, und du lebst im Nordwesten der USA am Pazifik und hast im Laufe deines Lebens bereits Auswirkungen des Klimawandels selbst beobachten können - dann bist du offen für das Argument des Klimawandels. Du siehst es, akzeptierst es und willst etwas dagegen tun.

McNutt bei ihrem Vortrag in Alpbach.

McNutt bei ihrem Vortrag in Alpbach.© Andrei Pungovschi McNutt bei ihrem Vortrag in Alpbach.© Andrei Pungovschi

Wenn du aber um dich herum keinen Klimawandel wahrnimmst, dich nicht damit auseinandersetzen musst und dich vielmehr um die Sicherheit deines Arbeitsplatzes sorgst, der verschwinden könnte aufgrund von Verboten und Regulierungen, die zum Kampf gegen den Klimawandel erlassen werden, dann sieht das anders aus. Das bedeutet, dass deine Stadt ausstirbt und es keine Jobs für deine Kinder und Enkel an diesem Ort geben wird - das ist dir viel wichtiger als Klimawandel. Du lehnst also die Tatsache ab und du ignorierst die Zeichen um dich, die vielleicht darauf hinweisen. Denn wen kümmert Klimawandel, wenn die eigene Stadt ausstirbt.


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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-08-25 15:12:08
Letzte nderung am 2017-08-25 18:18:04




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