• vom 08.09.2017, 17:06 Uhr

Weltpolitik

Update: 09.09.2017, 11:30 Uhr

Myanmar

Die Flucht der Rohingya




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  • Die UNO warnt, dass sich in Myanmar "eine der schlimmsten Katastrophen" abzeichnet.



Naypyidaw/Wien. (klh) Zuerst kamen die Soldaten. Sie schossen um sich, ohne einen Unterschied zu machen. Dann brannten die Häuser. Schließlich plünderten buddhistische Zivilisten die Kleinstadt Kha Maung Seik in Myanmar (Burma), während die moslemischen Rohingya zu fliehen versuchten.

So berichten es Flüchtlinge, die aus dem Bundesstaat Rakhine nach Bangladesch geflohen sind. Ein Militär aus Myanmar bezeichnet die Schilderungen als unwahr, und diese sind auch nicht unabhängig zu überprüfen, da Myanmar keine unabhängigen Beobachter nach Rakhine lässt. Doch hat die Nachrichtenagentur Reuters 20 Zeugen befragt, und ihre Erzählungen wiesen eine verblüffende Ähnlichkeit auf.


Offensichtlich ist, dass die Rohingya in Myanmar derzeit ihres Lebens nicht sicher sind. Sonst würden nicht so viele von ihnen gefährliche Bootsfahrten wagen oder tagelang ausgehungert durch unwegsame Dschungelgebiete durchschlagen, um nach Bangladesch zu gelangen. 270.000 Flüchtlinge sind in den vergangenen zwei Wochen dorthin geflohen, teilte das UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) am Freitag mit. Die Menschen seien erschöpft, hungrig und suchten verzweifelt eine Unterkunft. Die Helfer vor Ort brauchen nun dringend mehr Mittel, um die Neuankömmlinge zu versorgen.

In Myanmar selbst scheinen die Kämpfe zwischen der Armee und einer Rohingya-Rebellengruppe heftiger als bisher angenommen. Basierend auf Berichten von Augenzeugen sprach die UN-Sonderberichterstatterin Yanghee Lee von "1000 Toten oder mehr", die meisten von ihnen Rohingya. Die Behörden in Myanmar hatten die Zahl bisher halb so hoch angegeben. Lee sagte, sie fürchte, dass es "eine der schlimmsten Katastrophen werden könne, die die Welt und Myanmar in den vergangenen Jahren gesehen haben".

Ihren Ausgang nahm die jüngste Gewaltwelle, als am 25. August Militante von der Arakan Rohingya Salvation Army (Arsa) mehrere Polizei- und Armeeposten angriffen. Seitdem unternimmt das Militär eine Gegenoffensive gegen die Aufständischen. Dabei scheint es auch zu zahlreichen Übergriffen gegen Zivilisten zu kommen.

Im Bundesstaat Rakhine leben Buddhisten, Hindus und moslemische Rohingya. Die Rohingya sind enormen Diskriminierungen ausgesetzt. Obwohl viele von ihnen bereits über Generationen in Myanmar leben, werden sie nicht als Staatsbürger anerkannt - aber auch das benachbarte Bangladesch will sie nicht haben. Sie sind damit staaten- und rechtlos. Zudem predigen eine Reihe von nationalistischen buddhistischen Mönchen Hass gegen Muslime, was sich wiederum in gewaltsamen Übergriffen gegen Rohingya niederschlägt.

Kritik an Aung San Suu Kyi
Vor rund einem Jahr hat sich die Arsa gebildet. Laut einem Bericht der Denkfabrik "International Crisis Group" (ICC) wird sie von Rohingyas aus Saudi-Arabien unterstützt und besitzt in Myanmar gut ausgebildete Kommandeure. Die Arsa agiert immer professioneller. Die Regierung in Myanmar kennt auf den Aufstand nur eine militärische Antwort und setzt gleichzeitig die politische Diskriminierung der Minderheit fort. Das treibt wieder der Arsa neue Kämpfer zu. So dreht sich der Kreislauf der Gewalt immer weiter.

Dass sich daran etwas ändert, ist unwahrscheinlich. Selbst Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi sprach jüngst von "Fehlinformationen" und erwähnte bisher die Flüchtlingstragödie mit keinem Wort. Sie negierte somit das Leid der Rohingya.

Das brachte Suu Kyi, deren Partei NLD die letzten Wahlen gewonnen hat, international heftige Kritik ein. "Ich bin sehr enttäuscht von ihrer Haltung", sagte etwa Geir Lundestad, der frühere Direktor des norwegischen Nobel-Instituts der Deutschen Presse-Agentur.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-08 17:12:06
Letzte ńnderung am 2017-09-09 11:30:13




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