• vom 15.09.2017, 20:02 Uhr

Weltpolitik

Update: 16.09.2017, 08:43 Uhr

Kurdenstaat

Kurdistan über alles




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Von Michael Schmölzer

  • Am 25. September soll im Nordirak über einen eigenen kurdischen Staat abgestimmt werden.



Erbil/Washington/Wien. Alarmstimmung im Irak und den umliegenden Ländern, allen voran in der Türkei: Am 25. September soll ein unabhängiges Kurdistan Wirklichkeit werden, an diesem Tag stimmt die Bevölkerung im Nordirak über einen eigenen Staat ab. Dass die Stimmberechtigten "Ja" sagen, gilt als sicher. International ist man darüber nicht begeistert. Die Türkei, die in einen endlosen Kampf mit der kurdischen PKK verstrickt ist, droht unverhohlen mit Vergeltung, in Ankara spricht man von einem "historischen Fehler".

Zuletzt hatte die türkische Armee im April 2017 die autonomen Kurdengebiete im Nordirak im Visier. Es ging um die Beseitigung von "Terrornestern" kurdischer Rebellen, weite Gebiete wurden bombardiert. Damit sollte laut Türkei verhindert werden, dass Waffen, Munition und Sprengsätze ins Land gelangen und der PKK in die Hände fallen.


Proteste kommen selbstredend aus Bagdad, auch hier droht man ganz offen mit Gewalt. Eine derartige Sezession wäre verfassungswidrig, im Ernstfall werde man vor einem militärischen Eingreifen nicht zurückschrecken. In Damaskus ist man nicht minder beunruhigt, in Syrien kontrollieren die Kurden ebenfalls weite Gebiete. Ein offener Krieg birgt enorme Gefahren, denn die kurdischen Peschmerga, das weiß man in Bagdad wie in Ankara, sind erfahrene Kämpfer, durch zahllose Schlachten mit dem IS geeicht.

Kurdenpräsident Masoud Barzani rührt die Werbetrommel für das Unabhängigkeitsreferendum am

Kurdenpräsident Masoud Barzani rührt die Werbetrommel für das Unabhängigkeitsreferendum am Kurdenpräsident Masoud Barzani rührt die Werbetrommel für das Unabhängigkeitsreferendum am

Auch Europa bremst den kurdischen Eifer. Deutschland kritisiert das Referendum, Österreich mahnt vor unbedachten Schritten. Die "Einheit, Souveränität und territoriale Unversehrtheit des Irak" sei "zu unterstützen", heißt es im Außenamt auf Anfrage der "Wiener Zeitung". Das sei auch die europäische Position. Gleichzeitig wäre es wichtig, dass es im Irak zu einem "Prozess der Aussöhnung" komme.

Die US-Regierung drängte die kurdischen Entscheidungsträger am Freitag, das "enorm riskante" Referendum vorerst (wie schon 2014) abzusagen, um den Frieden in der ölreichen Region nicht zu gefährden. In Washington befürchtet man, dass sich die Kooperation der irakischen Regierung mit den Kurden im Kampf gegen den Terror zerschlagen könnte. Brett McGurk, seines Zeichens US-Koordinator im Kampf gegen den IS, warnte die Kurden, dass es zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine internationale Unterstützung für ein unabhängiges Kurdistan gebe. Im Klartext heißt das, dass weder die Vereinigten Staaten noch die EU eine Abspaltung anerkennen würden.

Kurden unbeeindruckt
Iraks Kurden geben sich von der Kritik unbeeindruckt. Am Freitag wollten die kurdischen Abgeordneten einen rechtlichen Rahmen für den kommenden Volksentscheid schaffen. Das Referendum soll in drei Provinzen mit mehrheitlich kurdischer Bevölkerung sowie in einigen weiteren Gegenden - inklusive der geopolitisch sehr wichtigen Stadt Kirkuk - abgehalten werden.

Kirkuk wird seit 2014 von Peschmerga-Einheiten gegen den IS verteidigt. Die Stadt ist von enormer Bedeutung, weil es dort ausgedehnte Erdölvorkommen gibt. Die Region ist eine Goldgrube für jeden, der sie kontrolliert.

Mit einem freien Kurdistan wäre der Traum von 30 Millionen Kurden erfüllt. Die kurdische Bevölkerung ist auf den Irak, den Iran, Syrien und die Türkei verteilt, die Kurden werden häufig als weltgrößte ethnische Gruppe ohne Heimat bezeichnet. Im Irak machen sie 15 bis 20 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Unter Saddam Hussein fielen 1988 tausende von ihnen Giftgasangriffen zum Opfer oder wurden deportiert. 1991 gelang ein Aufstand gegen das irakische Regime, was zur Autonomie der Region im Norden führte, nicht aber zu eigenen Staatsgrenzen.




Schlagwörter

Kurdenstaat, IS, Kurden, Abstimmung, McGurk

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-15 18:06:11
Letzte nderung am 2017-09-16 08:43:30




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