• vom 18.09.2017, 18:01 Uhr

Weltpolitik

Update: 19.09.2017, 08:28 Uhr

Venezuela

Die Venezolaner kommen




  • Artikel
  • Kommentare (2)
  • Lesenswert (7)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondent Tobias Käufer

  • In der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta kommen tägliche hunderte Flüchtlinge an. Ein Lokalaugenschein.



Vollgepackt über die Grenze: Betriebsamkeit an der Grenzbrücke Simon Bolivar in Cúcuta.

Vollgepackt über die Grenze: Betriebsamkeit an der Grenzbrücke Simon Bolivar in Cúcuta.© Tobias Käufer Vollgepackt über die Grenze: Betriebsamkeit an der Grenzbrücke Simon Bolivar in Cúcuta.© Tobias Käufer

Cúcuta. Familie Farias hat sich wieder auf den Weg gemacht. Vater Javier, Mutter Maria und der kleine Sohn Victor, der noch nicht selbst laufen kann. Es geht von San Antonio, der letzten Gemeinde auf venezolanischem Gebiet vor der Grenze nach Kolumbien, genauer: nach Cúcuta. Jeden Tag laufen die Farias die Straße zu Fuß über die Grenzbrücke "Simon Bolivar". Ihre erste Anlaufstelle: das Pfarrheim von "La Parada", der "Haltestelle". Dort arbeiten seit Wochen dutzende Freiwillige, um den Geflüchteten von der anderen Seite der Grenze eine warme Mahlzeit und auch ein Stückchen Geborgenheit zu bieten. Erst waren es Dutzende, dann ein paar Hundert, nun kochen die Helfer in "La Parada" mehr als 1000 kostenlose Mahlzeiten - und das jeden Tag, von Montag bis Sonntag. Es kommen jeden Tag mehr Venezolaner.

"Wir kommen nach Kolumbien, um zu überleben", sagt Javier Farias. Die Familie stammt aus Caracas. Doch in der inzwischen gefährlichsten Hauptstadt Südamerikas hat sie nichts mehr gehalten. "Es gibt in unserer Stadt nichts mehr zu kaufen. Jedenfalls nicht für die venezolanische Währung", erzählt Farias. Durch die hohe Inflation ist der Bolívar einfach nichts mehr wert. "Es gibt keine Arbeit, kein Essen. Wir mussten einfach weg. Wir haben es nicht mehr ausgehalten", sagt der Familienvater.

Werbung

Wie seiner Familie geht es derzeit zehntausenden Venezolanern. Im Minutentakt kommen neue Familien in Cúcuta an, schwer bepackt mit Koffern. Im Gegensatz zu den Farias, die nur als Tagelöhner über die Grenze kommen, um in Cúcuta auf der Straße Schuhe zu verkaufen, verlassen sie das Land für immer. Mehr als 62.000 Aufenthaltsgenehmigungen hat Kolumbien allein in den vergangenen vier Wochen ausgestellt. Damit können die Venezolaner offiziell eine Arbeit suchen und erhalten auch einen Zugang zum Gesundheitssystem.

Doch weil so viele Venezolaner kommen, birgt das sozialen Sprengstoff. Mit den Flüchtlingen kommt auch die Konkurrenz im Niedriglohnsektor. Viele Venezolaner bieten ihre Arbeitskraft für einen Dumping-Preis an und unterbieten die ohnehin niedrigen kolumbianischen Löhne. Zudem stieg auch die Kriminalitätsrate an. Der Ruf nach Grenzschließungen wird lauter. Auch die Solidarität zwischen den Brüdervölkern hat ihre Grenzen.

Kolumbianische Pesos für
ein Leben in Venezuela

In der Pfarrgemeinde "La Parada" wissen sie um die Probleme der Venezolaner. Jeder Flüchtling wird deshalb freundlich begrüßt und nach Verlassen der Armenspeisung mit einer Umarmung verabschiedet. Gesten, die berühren und hängen bleiben. "Es ist beeindruckend, wie sich die Leute von der Kirche für uns einsetzen. Die Solidarität tut gut. Wir wüssten sonst nicht wohin wir gehen könnten", sagt Farias. Dann geht er los und verkauft Schuhe. Läuft es gut, kann er mit den kolumbianischen Pesos in Venezuela ein, zwei Tage überleben. Im Gegensatz zu eigenen Währung Bolívar, die wegen der grassierenden Hyperinflation nahezu jeden Wert verliert, sind kolumbianische Pesos in San Antonio noch etwas wert. Inzwischen gibt es Gerüchte, dass die Grenze geschlossen wird. Kolumbien will angesichts des Massenansturms die Zahlen besser regulieren, stoppen kann sie die Fluchtbewegung ohnehin nicht, dafür ist die Grenze zu lang und übersichtlich.

Farias will in Venezuela so lange bleiben, wie es geht. "Wir lieben unser Land. Man geht ja nicht so einfach aus seiner Heimat weg", sagt er. Nur wenn die Grenze dauerhaft geschlossen werden sollte, würde er sein Land verlassen. "Ich hoffe, dass sich doch etwas ändert, etwas verbessert."

Das wird auch vom Ausgang der zaghaften Krisengespräche zwischen sozialistischer Regierung und bürgerlich-konservativer Opposition abhängen, die derzeit in der dominikanischen Hauptstadt Santo Domingo auf neutralem Gebiet stattfinden. Ein Hoffnungsschimmer für das tief zerstrittene Venezuela.




2 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-18 18:06:08
Letzte ─nderung am 2017-09-19 08:28:58




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Nächstes Nordkorea vor der Tür"
  2. "Bis jetzt haben wir Glück gehabt"
  3. Iran steht nach wie vor zum Atom-Deal
  4. Die entzweiten Kurden
  5. Die großen Visionen von Präsident Xi
  6. Santiago Maldonado bleibt verschwunden
  7. Täglich sterben 15.000 Kleinkinder


Werbung


Werbung