• vom 20.09.2017, 07:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 20.09.2017, 10:07 Uhr

Cyberprotektionismus

Chinas und Russlands virtuelle Mauern




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Von Matthias Punz

  • Der Cyberprotektionismus der beiden Länder hat digitale Parallelwelten hervorgebracht.

WZ/ Material: fotolia/Stockshoppe

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Wien. Diese App wird millionenfach genutzt und ist bei uns weitgehend unbekannt: Sie nennt sich WeChat und kommt aus China. Digitale Dienstleister wie WhatsApp,Facebook, Amazon, Twitter, Instagram, Snapchat, Uber oder Foodora müssten fusionieren und in eine einzige neue Anwendung gegossen werden, damit man sich den Umfang von WeChat vorstellen könnte. Und nicht einmal dann wäre die volle Leistungsfähigkeit der China-App erreicht - ein digitales Schweizer Taschenmesser sozusagen.

Mit WeChat wird in China nahezu der gesamte Alltag geregelt. Nachrichten werden versendet, Fotos geteilt, Taxis bestellt, Reisen gebucht, Arzttermine vereinbart, Heimwerker gerufen oder Lokale durch die Empfehlungen anderer Nutzer aufgesucht und im Supermarkt kann bezahlt werden. Im Grunde könnte man die App in der Früh öffnen und vor dem Schlafen wieder schließen. Es wird von einem Apps-in-der-App-Modell gesprochen, weil viele Funktionen vorhanden sind, für die man im Westen voneinander unabhängig existierende Spezial-Apps benutzen müsste.


In China hat fast jeder die Anwendung installiert. Die Reichweite ist groß: Rund 940 Millionen Menschen nutzen WeChat zumindest einmal im Monat. Das integrierte Online-Bezahlsystem WeChat Wallet verzeichnet ebenfalls hunderte Millionen Nutzer. Die Datenmengen, die dabei gesammelt werden, lassen selbst eifrige Datensammler wie Facebook staunend zurück - kennen wir im Westen doch keine Apps derartiger Größendimension.

Chinas Internetgigantismus
Der chinesische Tech-Riese Tencent, Betreiber von WeChat, wird aktuell schon als Nummer elf der wertvollsten Unternehmen der Welt gelistet und setzt gerade zum Sprung in die Top zehn an, verlautbarte die Beratungsgesellschaft Price Waterhouse Coopers (PwC) heuer.

Digitalfirmen wie Tencent agieren im abgeschotteten Raum des chinesischen Internets, das sich eher um ein Intranet als ein Internet handelt. Firmen weltweit benutzen zum Beispiel oft ein eigenes Intranet für ihre Mitarbeiter und interne Abläufe, es handelt sich dabei um abgeschlossene oder abgeschirmte Netzwerke. Das lässt sich auf China als Ganzes umlegen. Umgeben ist dieses "chinesische Intranet" von der "Großen Firewall", wie der aufgespannte Zensurschirm in Anlehnung an die Chinesische Mauer oft genannt wird. Unternehmen wie Facebook, Google und Twitter sind dadurch weitgehend ausgesperrt, das Vakuum füllen chinesische Unternehmen aus. Längst kopieren chinesische Digitalfirmen aber nicht mehr von westlichen Unternehmen, es ist umgekehrt: Apps wie WeChat sind heute ein Vorbild für die US-Internetgiganten.

Ob sich Unternehmen wie Tencent so entwickeln konnten, weil ausländische Unternehmen ausgesperrt werden, sei laut Christian Göbel, Politikwissenschafter mit China-Schwerpunkt, schwer zu beantworten. Aber: "Es wird definitiv dabei geholfen haben, in dieser Geschwindigkeit eine solche Nutzerbasis aufzubauen." In China würde jedenfalls eine politische Strategie verfolgt werden, die zwei Aspekte umfasse: Zum einen gehe es um wirtschaftliches Wachstum, zum anderen um die Stabilität des Regimes. "Das Internet ist für beide Aspekte wichtig: Für das wirtschaftliche Wachstum, weil man sich zunehmend auf Industrie 4.0 und Big Data konzertiert, und als Kontrollbereich, um soziale Stabilität zu garantieren", erklärt Goebel.

Souveränitätsanspruch
Ab nächstem Jahr solle zum Beispiel eine Verordnung in Kraft treten, die dazu führen würde, dass ausländische Unternehmen sogenannte Tunnelverbindungen (virtuelles privates Netzwerk: VPN) bei chinesischen Telekommunikationsfirmen kaufen müssten, so Goebel. Über diese Verbindungen konnte man bisher theoretisch noch die "Große Firewall" umgehen. Man schränkt dadurch also den Informationsfluss, der ins Land kommt ein, und verdient gleichzeitig Geld damit. "Die Kommunistische Partei ist der Meinung, dass das chinesische Internet zum chinesischen Staatsgebiet gehört. Das Internet wird von ihr nicht idealistisch als freier Raum des Ideen- und Gedankenaustausches gesehen", fasst Goebel zusammen.

In Chinas Nachbarland Russland gibt es zwar aktuell weniger spektakuläre Digitalfirmen à la Tencent, aber eine ebenso interessante digitale Infrastruktur. "Russland ist eine souveräne Macht im Cyberspace", schreibt Kevin Limonier, Dozent am Institut für Geopolitik in Paris und Leiter eines Forschungsprojektes zur Beobachtung des russischsprachigen Internets, in "Le Monde diplomatique". Die EU-Staaten würden vergleichsweise über viel weniger Handlungsspielraum gegenüber Kaliforniens Internetriesen in Silicon Valley verfügen.

Der russische Teil des Internets hat ob seiner Eigenständigkeit und Komplexität auch einen eigenen Namen: Es handelt sich um das Runet, dessen Anfänge bis in Sowjetzeiten zurückreichen. Nicht nur das russische Staatsgebiet, sondern auch viele ehemalige Sowjetrepubliken sind daher Teil davon. Ebenso wie in China wurde in diesem Runet ein System eigener Plattformen und digitaler Dienstleistungen geschaffen, welche dem landeseigenen Recht unterliegen. Das Pendant zu Facebook nennt sich VKontakte, das Google-Äquivalent heißt Yandex. Beide Plattformen werden viel häufiger benutzt als ihre amerikanischen Konkurrenten, die in Russland - anders als in China - zugelassen werden. Facebook kommt auf rund 19 Millionen monatliche Nutzer in Russland, VKontakte auf 43 Millionen. Hinter VKontakte steht die Mail.Ru Group, die zusätzlich mit Odno-klassniki und Moi Mir auch noch die anderen zwei wichtigsten Sozialen Netzwerke Russlands und Osteuropas betreibt.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-19 17:33:07
Letzte ─nderung am 2017-09-20 10:07:47




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