• vom 20.09.2017, 07:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 20.09.2017, 10:07 Uhr

Cyberprotektionismus

Chinas und Russlands virtuelle Mauern




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Unternehmen wie Facebook oder Twitter müssen außerdem seit 2015 russische Daten auf russischem Boden speichern, das zwingt diese dazu, Server in Russland zu unterhalten. Ähnliches sei für das nächste Jahr auch in China vorgesehen, so Goebel.

Europas Vakuum
Was China und Russland trotz aller Differenzen im Aufbau ihrer Internetstruktur eint, ist eine relative Unabhängigkeit von US-Digitalunternehmen. Die russischen und chinesischen Beweggründe mögen zwar fragwürdig sein und mit Unterdrückung, Überwachung und Zensur einhergehen, insgesamt verschaffen sich die beiden Länder aber größere außenpolitische und digitale Souveränität. In diese Kerbe schlägt auch der Wiener Macht- und Netzwerkforscher Harald Katzmair, wenn er sagt: "Digitale Infrastruktur ist ein zentrales Thema, nicht nur geopolitisch und strategisch, sondern auch was den weltweiten Technikwettlauf betrifft. Das ganze digitale Geschehen findet mittlerweile außerhalb Europas statt. Russland und China sind da nicht so naiv." Auch die USA seien viel restriktiver als Europa: Sensible Wirtschaftsbereiche und Technologien würden staatlich geschützt und ausländische Investitionen bei manchen Unternehmen erschwert werden. "Aber in Europa freut man sich über jede Firma oder jedes Start-up, das nach Silicon Valley verkauft wird", so Katzmair. "Im Endeffekt stecken wir Geld in die Förderung von Unternehmen, die dann an ausländische Firmen verkauft werden." Würde man die bestehenden Digitalunternehmen stammbaumartig abbilden, würden sich europäische Firmen an den Ästen und nicht auf dem Stamm wiederfinden. Europa müsse anfangen, eigene Strukturen und Alternativen aufzubauen, wolle man sich nicht in eine Abhängigkeit begeben. "Wir müssen ebenfalls unser Internet neu aufsetzen. Wo ist zum Beispiel eine europäische Suchmaschine?", kritisiert der Forscher, der auch die Notwendigkeit für mehr Geld für die universitäre Forschung im Digitalbereich sieht. Katzmair führt auch Beispiele für Europas Bedeutungsverlust an. Bei der 3G-Mobilfunkgeneration etwa wären noch 80 Prozent der dahinterliegenden Technologie aus Europa gekommen, bei der darauffolgenden 4G-Technologie hätte Europa in der Entwicklung fast keine Rolle mehr gespielt. Das Potenzial und das Know-how wären jedenfalls da, glaubt Katzmair. "Es ist eine Frage des politischen Willens und der Strategie - beides ist aber nicht vorhanden. Wenn sich niemand hinstellt und sagt, dass wir autonome Strukturen wollen, wird es auch keinen entsprechenden Ertrag geben." Der Google-Algorithmus wäre beispielsweise auch nur möglich gewesen, weil in den USA schon größere Serverkapazitäten vorhanden gewesen wären, nicht weil es einen Vorsprung des Know-hows gegeben hätte. "Alles eine Frage der Infrastruktur also."

Wissen: Digitale Infrastruktur

Waren früher nur das Stromnetz, die Eisenbahnlinien oder etwa gut ausgebaute Straßen für die Infrastruktur wichtig, wird heute zusätzlich an der digitalen Infrastruktur eines Landes gefeilt.

Es geht vor allem um immer schnellere Netze, den Standort von Rechenzentren und die Hoheit über weltweite Datenströme. Der Ausbau der digitalen Infrastruktur hat sich nach der Einführung des Internets zu einem der wichtigsten Wettbewerbsfaktoren entwickelt.

Der weltweit bedeutendste Standort der Digitalindustrie ist Silicon Valley in den USA. Firmen wie Facebook, Amazon oder Apple sind dort angesiedelt.

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Dokument erstellt am 2017-09-19 17:33:07
Letzte ─nderung am 2017-09-20 10:07:47




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