• vom 23.09.2017, 07:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 25.09.2017, 09:47 Uhr

Grauer Star

Wiedersehen in Farbe




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Von Michael Ortner aus Beira

  • Antonio Ernesto lebt in Mosambik, einem der ärmsten Länder der Welt. Wie er erblinden Tausende aufgrund von Armut und schwerer Mangelernährung an Grauem Star. Nun wurde ihm geholfen.

Dr. Abel Polaze nimmt Antonio Ernesto die Augenbinde ab. Sein Leben sieht er jetzt wieder in Farbe. - © Gregor Kuntscher

Dr. Abel Polaze nimmt Antonio Ernesto die Augenbinde ab. Sein Leben sieht er jetzt wieder in Farbe. © Gregor Kuntscher



Beira. Der schwarze Rauch kam am frühen Morgen. Antonio Ernesto erinnert sich noch gut. Er stand auf, ging vor seine Lehmhütte und wusch sich, so wie an jedem anderen Tag. Doch diesmal war etwas anders. Er blickte zu seiner Frau, aber ihr Gesicht sah er auf dem rechten Auge nur noch verschwommen. Die Bäume und Kokospalmen vor seiner Hütte konnte er ebenfalls nicht mehr erkennen. Was er wahrnahm, war wie schwarzer Rauch. Verzweifelt bat er seine Frau, ihm zu helfen. Sie tröpfelte ihm Muttermilch auf die Augen. Erst das rechte Auge, dann das Linke. Die Menschen in den ländlichen Regionen Mosambiks schreiben der Säuglingsnahrung heilende Kräfte zu. Drei Wochen lang behandelte er das Auge mit der Milch aus ihrer Brust, doch es half nichts. Nach sechs Monaten stieg der schwarze Rauch auch in sein linkes Auge.

Ernesto lebt in einem der ärmsten Länder der Welt. In Mosambik. Auf dem Human Development Index der Vereinten Nationen liegt das Land auf Platz 181 von 188. In den Indikator fließt etwa ein, ob die Menschen ein langes, gesundes und annehmbares Leben haben – im Land liegt die Lebenserwartung bei 55,5 Jahren. Laut World Food Programme ist jeder vierte Mosambikaner unterernährt. In vielen Regionen des südafrikanischen Landes ist sauberes Wasser knapp. Schwere Mangelernährung löst Krankheiten und körperliche Behinderungen aus. In Mosambik herrscht zudem ein eklatanter Mangel an Augenärzten. Lediglich 27 Augenärzte gibt es im ganzen Land, auf einen Arzt kommen eine Million Menschen. Zum Vergleich: Im zehnmal kleineren Österreich gibt es 1000. Das Verhältnis liegt bei 1 zu 8700.

Das Gesundheitszentrum in Mutua.

Das Gesundheitszentrum in Mutua.© Gregor Kuntscher Das Gesundheitszentrum in Mutua.© Gregor Kuntscher

Der schwarze Rauch in Ernestos Augen heißt Grauer Star, auch Katarakt genannt. Bei der Krankheit trübt sich die Augenlinse. Die Sehschärfe nimmt dabei stetig ab. Die Patienten sehen nur noch Nebel. Schlussendlich erblinden sie. Ein simpler Eingriff könnte sie jedoch heilen. Die getrübte Linse wird durch ein künstliches Implantat ersetzt. In Österreich ist der Eingriff seit Langem Routine, in Mosambik wissen die Menschen oft gar nicht, unter welcher Krankheit ihre Augen leiden. "Ich dachte mir, verdammt, was ist jetzt mit mir los? Ich bin verflucht", sagt Ernesto. Die Chancen für ihn, je wieder sehen zu können, sind statistisch gesehen gering. Seit einem Jahr ist er nun schon blind.

Antonio Ernesto am Tag der Operation vor seiner Hütte in Mutua.

Antonio Ernesto am Tag der Operation vor seiner Hütte in Mutua.© Gregor Kuntscher Antonio Ernesto am Tag der Operation vor seiner Hütte in Mutua.© Gregor Kuntscher

In verschlissenen Jeans und einem knallgelben Trikot der brasilianischen Fußballnationalmannschaft sitzt Ernesto auf einem leeren Kanister im Schatten vor seiner Lehmhütte, deren Eingang nur durch eine zerrissene Plane verdeckt wird. Es riecht nach Rauch einer Kochstelle. Die Sonne brennt auf den trockenen Boden, es herrschen weit über 30 Grad. Ernestos Hütte liegt in einem Dorf rund 50 Kilometer von Beira entfernt, der zweitgrößten Stadt Mosambiks. Die Menschen leben hier in einfachsten Verhältnissen, der Anbau von Mais, Weizen oder Reis sichert ihnen das geringe Einkommen. Die, die mehr Glück haben, finden einen Job in der nahe gelegenen Zuckerfabrik oder sind Fischer.

Kurz vor der OP werden Ernesto Tennisbälle auf die Augen geschnallt, um den Augendruck zu senken.

Kurz vor der OP werden Ernesto Tennisbälle auf die Augen geschnallt, um den Augendruck zu senken.© Gregor Kuntscher Kurz vor der OP werden Ernesto Tennisbälle auf die Augen geschnallt, um den Augendruck zu senken.© Gregor Kuntscher



Information

Grauer Star:

In Mosambik ist der Graue Star die häufigste Ursache dafür, dass Menschen erblinden. Doch viele haben keinen Zugang zu Informationen, geschweige denn die Möglichkeit, sich einer Operation zu unterziehen. "Licht für die Welt" ermöglicht eine Operation mit einer Spende von 30 Euro. 2016 konnten insgesamt 1426 Katarakt-OP’s durchgeführt werden, im ersten Halbjahr 2017 waren es bereits 945. In Österreich ist die OP ein Routineeingriff, der von der Krankenkasse gezahlt wird. "In Europa erblindet man an Grauem Star nicht mehr", sagt Dr. Michael Amon, Vorstand der Augenabteilung des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder. Jedes Jahr werden in Österreich 97.000 Katarakt-Operationen durchgeführt, rund 60.000 Menschen sind hierzulande von Grauem Star betroffen. Hauptursache ist der Altersstar: 50 Prozent der Patienten sind über 75 Jahre alt, 40 Prozent zwischen 60 und 74.

Als Ernesto noch als Erntehelfer auf Mais- und Weizenfeldern arbeiten konnte, verdiente er rund 4000 Meticais, umgerechnet 55 Euro im Monat. Es reichte gerade mal von der Hand in den Mund. Doch mit dem Augenlicht verschwand auch das Einkommen. Seit er blind ist, sitzt er hilflos zu Hause. Dabei hätte er vier Kinder zu ernähren, ein Mädchen und drei Jungen. Der Jüngste kam erst im Juni zur Welt – gesehen hat er ihn noch nicht. Er weiß nur, dass es ein Junge ist. "Ich bin so gespannt darauf, das Gesicht von meinem Sohn endlich zu sehen", sagt er. Für das Einkommen sorgt nun seine Frau: Sie geht Feuerholz sammeln, um es zu verkaufen. Ernesto schämt sich, als Mann nicht für seine Familie sorgen zu können. Als wäre seine Situation nicht ohnehin prekär genug, ist auch noch das Dach seiner Hütte kaputt. Er muss es dringend reparieren, denn im November beginnt die Regenzeit. Doch Ernesto ist zum Nichtstun verdammt.

Ernesto am Morgen nach der Operation in seinem Krankenbett.

Ernesto am Morgen nach der Operation in seinem Krankenbett.© Gregor Kuntscher Ernesto am Morgen nach der Operation in seinem Krankenbett.© Gregor Kuntscher



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Dokument erstellt am 2017-09-22 15:09:46
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