• vom 23.09.2017, 08:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 25.09.2017, 12:27 Uhr

Kurden-Referendum

Barzani gegen den Rest der Welt




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Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

  • Das Referendum über die Unabhängigkeit Kurdistans sorgt für einen Proteststurm, doch der Kurdenpräsident hält daran fest.

"Die Politik macht uns kaputt": Beim morgendlichen Teekränzchen im Zentrum von Kirkuk wird heftig über das Referendum diskutiert. Für die Unabhängigkeit stimmen will an diesem Sonntag aber keiner der drei Männer.

"Die Politik macht uns kaputt": Beim morgendlichen Teekränzchen im Zentrum von Kirkuk wird heftig über das Referendum diskutiert. Für die Unabhängigkeit stimmen will an diesem Sonntag aber keiner der drei Männer.© Birgit Svensson "Die Politik macht uns kaputt": Beim morgendlichen Teekränzchen im Zentrum von Kirkuk wird heftig über das Referendum diskutiert. Für die Unabhängigkeit stimmen will an diesem Sonntag aber keiner der drei Männer.© Birgit Svensson

Kirkuk. Mohammed Khorshed vergleicht die jetzige Situation im kurdischen Teil Iraks gern mit der Zeit nach dem Mauerfall in Deutschland: "Massud Barzani ist wie Helmut Kohl." Er nutze die Gunst der Stunde für die Unabhängigkeit Kurdistans. Die Volksbefragung am Montag sei eine logische Konsequenz. Den Einwand, dass der deutsche Ex-Kanzler, anders als Kurdenpräsident Barzani, keinen Alleingang wagte, sondern in Sachen Wiedervereinigung zähe Verhandlungen mit Nachbarstaaten und Alliierten führte, bis schließlich alle zustimmten, will Khorshed nicht gelten lassen.

Der hochgewachsene Kurde und einstige Juradozent hat den Weg in die Politik gefunden. Er ist Vorsitzender des Büros der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) in Kirkuk und ganz auf Barzanis Linie. "Seit dem Ende des Ersten Weltkrieges haben wir ein Recht auf einen eigenen Staat", sagt Khorshed und schiebt seine vollen Lippen trotzig nach vorne. "Wir holen uns jetzt, was uns damals zugesagt wurde."


Tatsächlich war nach dem Untergang des Osmanischen Reichs im Friedensvertrag von Sèvres 1920 ein autonomes Kurdistan vorgesehen. Der Vertrag wurde von der türkischen Nationalbewegung unter Mustafa Kemal Atatürk gänzlich abgelehnt. Drei Jahre später sah der Friedensvertrag von Lausanne keine kurdische Autonomie mehr vor. Dies führte 1930 zum sogenannten Ararat-Aufstand der Kurden, die sich von der neuen türkischen Republik betrogen fühlten. Ein Jahr später schlug die türkische Regierung den Aufstand nieder.

Falsch kalkuliert



Barzani schloss 2012 Freundschaft mit Recep Tayyip Erdogan, reiste nach Ankara und feierte nur wenige Monate später das kurdische Neujahrsfest im türkischen Diyabakir Hand in Hand mit dem türkischen Staatsoberhaupt. Der Präsident der nordirakischen Autonomen Region Kurdistan glaubte damit, Erdogan für sich und seine Idee gewonnen zu haben. Der Deal mit der Türkei zum Bau einer Ölpipeline für den Transport kurdischen Öls zum Mittelmeerhafen Ceyhan bestärkte Barzani in dem Glauben.

Inzwischen führt Erdogan wieder Krieg gegen die Kurden an der Grenze zum Irak, Diyabakir liegt in Trümmern und das Verhältnis zu Barzani ist angespannt. Man werde militärisch eingreifen, sollte Barzani einen unabhängigen Kurdenstaat ausrufen, tönte es dieser Tage aus Ankara herüber nach Erbil, der Kurdenmetropole im Nordosten Iraks. Auch die Nachbarn aus dem Iran lehnen das Referendum ab, Amerikaner und Europäer sind ebenfalls dagegen, die Regierung in Bagdad sowieso. Zuletzt haben auch noch die Vereinten Nationen das Vorhaben kritisiert. UNO-Generalsekretär Antonio Guterres sieht damit den Kampf gegen den Terror gefährdet. Barzani steht alleine da.

Lange blieben die Reaktionen auf das Ansinnen des Kurdenführers, sein Volk zu einem unabhängigen Kurdistan zu befragen, erstaunlich verhalten. "Sollen sie sich doch abkoppeln" oder "denen weinen wir keine Träne nach", hörte man in Bagdad oder Basra häufig.

Die Haltung gegenüber den Kurden hatte sich in den letzten Jahren kontinuierlich verschlechtert, da sich in den vier Kurdenprovinzen bereits staatsähnliche Strukturen entwickelten, sich ein dauerhafter Streit mit Bagdad ohne Aussicht auf Erfolg abzeichnete und die Arroganz der Kurden gegenüber dem Rest Iraks zunahm. Arabische Iraker, die zu Besuch in die kurdische Region wollten, wurden behandelt wie Ausländer und nicht selten an den Kontrollpunkten abgewiesen. Selbst Kurden, die in Bagdad leben, entfernten sich immer weiter von ihren Abstammungsgebieten im Norden. Sprechen sie kein Kurdisch, werden sie nicht reingelassen. Auch sie hatten sich schon weitgehend damit abgefunden, dass sich Kurdistan abschottet und in Zukunft eigene Wege gehen wird. Doch nun ist die Kontroverse eskaliert.

Rotes Tuch: Kirkuk
Schuld daran ist Kirkuk. "Wir wollen ein Referendum, keinen Krieg", beschwört Mohammed Khorshed die hochexplosive Atmosphäre rund um seine Stadt. Der PDK-Funktionär sitzt nervös auf dem Ledersofa seines Büros, sich einmal zurückzulehnen kommt ihm vor lauter Aufregung gar nicht in den Sinn.

Anfang September hat der Provinzrat der knapp eine Million Einwohner zählenden Stadt beschlossen, am Unabhängigkeitsreferendum teilzunehmen. Seitdem ist die Hölle los. Kirkuk ist die Ölmetropole des Nordens, so wie Basra die des Südens ist. Fast zwei Drittel der gesamten Ölförderung nördlich von Bagdad wird von den Feldern Kirkuks gepumpt. Nachdem im Sommer 2014 die Terrororganisation IS weite Teile des Iraks überrannte und es auch zu Gefechten mit der Armee der kurdischen Regionalregierung (KRG), den Peschmerga, kam, ist es den Kurden gelungen, einen Großteil der Provinz Kirkuk nebst der Stadt selbst einzunehmen und seitdem zu halten. Für Bagdad eine unerlaubte Besatzung, für die Kurden der Preis für ihren Sieg gegen den IS.

Im Zentrum der Ölstadt herrscht stets reges Treiben. Rund um die schiitische Moschee "Husseinija", die dem Viertel den Namen gibt, befinden sich Geschäfte, Märkte und allerlei Organisationen, die ihre Büros dort haben. Arkan hat ein kleines Geschäft, in dem er Schlösser und Schlüssel verkauft. Seine Kunden sind multiethnisch, wie das Viertel selbst. Hier trifft man alle Volksgruppen, die in Kirkuk leben: Araber, Kurden, Turkmenen, Assyrer. Ein buntes Gemisch, das die Stadt faszinierend, aber auch gefährlich macht.

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Dokument erstellt am 2017-09-22 17:30:16
Letzte ─nderung am 2017-09-25 12:27:07




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