• vom 27.09.2017, 06:00 Uhr

Weltpolitik

Update: 27.09.2017, 06:37 Uhr

Kurdistan

Es riecht nach Bürgerkrieg in Kirkuk




  • Artikel
  • Kommentare (4)
  • Lesenswert (18)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

  • Das kurdische Unabhängigkeitsreferendum verschärft den Konflikt zwischen den Volksgruppen im Irak.

Werben für ein unabhängiges Kurdistan im Norden des Irak.

Werben für ein unabhängiges Kurdistan im Norden des Irak.© Safin Hamed/afp Werben für ein unabhängiges Kurdistan im Norden des Irak.© Safin Hamed/afp

Kirkuk. Nicht lange nach Schließung der Wahllokale am Montagabend stand auch schon die Wahlbeteiligung fest: Fast 80 Prozent sollen es gewesen sein, die beim Referendum über die Unabhängigkeit Kurdistans abgestimmt haben. "Das ist blanker Hohn", kommentiert die Herrenrunde die von der kurdischen Regionalregierung in Erbil veröffentlichte Zahl. "Da haben die sich nur selbst gezählt und uns ignoriert." Es habe massive Wahlfälschung stattgefunden. Die Männer im Hauptquartier der turkmenischen Partei "Türkmeneli" in Kirkuk sind empört. Turkmenen und Araber haben die Wahl boykottiert. Im Westen und Süden Kirkuks, wo sie mehrheitlich wohnen, blieben die Wahllokale leer. Im Norden und Osten, wo die Kurden wohnen, herrschte dagegen reges Treiben. Als die Ausgangssperre nach Schließung der Wahllokale ausgerufen wurde, trauten sich nur noch die Kurden in ihren Vierteln auf die Straßen. Die anderen blieben bis zum Morgengrauen in ihren vier Wänden. Fast schon konspirativ versammelten sich einige Turkmenen in der Innenstadt, um über die Lage in Kirkuk zu beraten.

Bis zum Schluss hatten die Turkmenen gehofft, Masud Barzani sei einsichtig und würde doch noch das Referendum abblasen, vor allem in Kirkuk. Seine Absicht, über eine Unabhängigkeit vom Restirak abstimmen zu lassen, stieß überall auf Widerstand. Die Nachbarn Iran und Türkei waren dagegen, die USA und Europa ebenso - und vor allem Bagdad. Selbst aus den eigenen, kurdischen Reihen kam Kritik an dem Vorhaben. Buchstäblich in letzter Minute konnte Barzani die Patriotische Union Kurdistans (PUK), die Partei seines Rivalen und ehemaligen irakischen Präsidenten Dschalal Talabani zum Mitmachen überzeugen. Dabei ging es nicht so sehr um die vier kurdischen Provinzen Erbil, Dohuk, Suleimanija und Halabja im Nordosten, die ohnehin bereits eine weitgehende Unabhängigkeit erreicht haben. Es ging vor allem um Kirkuk, wo das meiste Öl gepumpt wird und das bis zum Blitzkrieg des IS im Sommer 2014 unter der Kontrolle Bagdads stand. Seitdem kontrollieren die Peschmerga die Stadt. Für ihren Einsatz gegen die Terrormiliz fordern die Kurden, nun Kirkuk unter ihre Hoheit zu stellen.

Werbung

"Sie tun so, als gäbe es uns nicht", sagt Hassan Turan über das Verhältnis Kurden-Turkmenen und hängt ständig am Telefon. Die Drähte laufen heiß. Der kleine Turkmene mit lichtem Oberhaar und ergrautem Schnauzbart gehört der "Turkmenischen Front" an und sitzt für Kirkuk im irakischen Parlament in Bagdad. Von dort bekommt er unzählige Anrufe, denn seine Abgeordnetenkollegen haben gerade beschlossen, dass Premierminister Haidar al-Abadi Truppen der irakischen Armee nach Kirkuk schicken soll, um den Anspruch Bagdads auf die Stadt zu verdeutlichen und den Kurden zu zeigen, wer der eigentliche Herr im Hause ist. Turan sagt, dass Turkmenen, Araber und Kurden jeweils ein Drittel der eine Million Einwohner Kirkuks ausmachen, ein Prozent seien Christen.

weiterlesen auf Seite 2 von 2




4 Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)



Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-09-26 18:12:06
Letzte nderung am 2017-09-27 06:37:23




Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Angst vor der Lungenpest
  2. Über Kirkuk weht die irakische Flagge
  3. Peking bekommt einen neuen Mega-Flughafen
  4. Ein seltsamer Sieg
  5. Mehr als 230 Tote nach Anschlag in Mogadischu
  6. Verheerender Selbstmordanschlag
  7. Fatale Eintracht


Werbung


Werbung