• vom 29.09.2017, 18:47 Uhr

Weltpolitik

Update: 29.09.2017, 19:15 Uhr

Alain Badiou

"Ein Franzose erklärt den Amerikanern Trumps Sieg"




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Winston Churchill hat über die Demokratie gesagt: "Es ist kein gutes System, aber es ist das beste."

Das "beste" kann sehr schlecht sein. Es ist schon bezeichnend, dass die heutige Propaganda eigentlich nie sagt, der Kapitalismus sei ein sehr gutes System. Es reicht heute, zu sagen, dass es keine Alternative gibt.

Dazu kommt, dass wir in den letzten Jahrzehnten in der ganzen Welt ein Scheitern der traditionellen Linken erlebt haben. Die Sozialdemokraten in Deutschland wurde gerade wieder von Angela Merkel besiegt, die Parti Socialiste in Frankreich ist quasi ein Phantom und in den USA haben wir Trump. In gewisser Weise ähnelt die heutige Zeit der Phase am Ende des 19. Jahrhunderts, als sich die großen, sozialdemokratischen Parteien in Europa gebildet haben und sich in den USA unter Roosevelt eine Idee des Wohlfahrtsstaats herausbildete. All das endet gerade. Es geht also gar nicht so sehr um den Sieg der Rechten, sondern vielmehr um die Niederlage der Linken. Jetzt geht es darum, die Macht des Volkes und der Linken wieder aufzubauen. Ich glaube, dass die Sozialdemokratie den Menschen keine Hoffnung mehr geben kann. Die Schwierigkeit ist jetzt, eine neue Kraft zu finden. Um zu ihrer Frage zurückzukommen: Es ist nicht das Ende der Geschichte, sondern wir erleben den Beginn einer neuen Geschichte. Und das Ende einer gewissen Linken. (Lacht.)

Ist das auch der Grund, warum Sie nicht wählen gehen?

Ja, weil ich schon lange nicht mehr daran glaube, dass die Sozialdemokratie eine Alternative ist. Sicher schon seit Ende der 60er-Jahre. Davor war ich übrigens ein militanter Sozialdemokrat.

In Ihrer philosophischen Theorie haben Sie den Begriff "Ereignis" geprägt, das relativ plötzlich eintritt und die Welt grundlegend verändert. Ist die Flüchtlingskrise ein solches Ereignis?


© Stanislav Jenis © Stanislav Jenis

Ich glaube, dass man die Flüchtlingskrise global betrachten muss. Wir befinden uns in einer Periode, in der Millionen von Menschen nicht mehr in ihrer Heimat leben können, weil dort Krieg, Hunger oder Arbeitslosigkeit herrschen. Ich würde bei der Flüchtlingskrise nicht von einem "Ereignis", sondern eher von einem schrecklichen Symptom der globalen Situation sprechen. Es spaltet die Menschen in jene, die Angst haben, etwas zu verlieren, und jene, die diese Krise als Symptom einer globalen Ungerechtigkeit sehen und denken, dass man etwas unternehmen muss.

Warum spaltet das Thema Migration mehr als das Thema Ungleichheit?

Es gibt in unserem System große Ungleichheit, aber diese Ungleichheit ist kontrolliert. Ein Afrikaner, der seine Heimat verlassen muss, weil dort Krieg herrscht, in ein Boot steigt und sein Leben riskiert, repräsentiert Unglück, das viele Menschen einfach nicht sehen oder auch nur darüber nachdenken wollen. Sie ziehen es vor, in ihrer "kleinen" Ungleichheit zu leben. Einem Menschen, der sich bei uns in einer unglücklichen Situation befindet, geht es immer noch besser als diesem Afrikaner. Die Milliardäre waren dagegen immer schon hier. Die Spaltung der Gesellschaft angesichts der Flüchtlingskrise ist das wichtigste Problem, denn es rührt im Kern die Frage, warum diese Menschen zu uns kommen. Wir müssen die Milliardäre in ihren Löchern aufspüren.

Hat es auch mit Sichtbarkeit zu tun? Flüchtlinge sind durch die mediale Berichterstattung sehr präsent, während die "Reichen" eher im Verborgenen bleiben.

Ja, das ist ein sehr wichtiger Punkt. Die Oligarchie stellt eine sehr kleine Minderheit dar, die ebenso mächtig wie unsichtbar ist. Wir wissen zwar einiges über die enorme Ungleichheit in unserem System, aber sie ist gleichzeitig unserem System verborgen und Teil des Systems. Man muss bedenken, dass der globale Kapitalismus auf Milliarden von Menschen weltweit ruht, denen es sehr schlecht geht. Man muss sich fragen, was die Ursache ihres Unglücks ist. Und die Antwort liegt bei uns. Denn hier leben die Milliardäre.

Was haben Sie gegen Integration?

Integration ist die Idee, dass wir alle akzeptieren, die so werden wie wir (Lacht.) Das ist absurd. Wenn man über eine Gruppe von Menschen sagt, dass man sie nicht integrieren kann, heißt dass eigentlich nur, dass sie vielleicht anders sind und anders bleiben als wir. Diese Menschen kommen mit ihrer eigenen Kultur, Sprache, ihren Kriegstraumata und den schrecklichen Erfahrungen der Flucht. Und dann sagt man ihnen: Werdet wie wir, dann werden wir euch akzeptieren. So kann man nicht argumentieren. Wir stellen Bedingungen auf für die Aufnahme. Oft heißt es, wir nehmen die auf, die integrierbar sind, und den Rest schmeißen wir wieder raus. Man will die Studierten nehmen, die Französischsprachigen, die gut Ausgebildeten. Wenn ich sage, ich bin gegen Integration, dann meine ich, dass ich gegen diese pragmatischen Gründe bin, Menschen abzulehnen.

Was muss passieren?

Information

Alain Badiou wurde 1937 im marokkanischen Rabat geboren. Er ist Philosoph, Mathematiker und Schriftsteller und gilt als einer der einflussreichsten linken Denker Frankreichs. Mit dem slowenischen Star-Philosophen Slavoj Zizek verbindet ihn eine lange Freundschaft. Seine Bücher erscheinen auf Deutsch im kleinen, unabhängigen Wiener Passagen-Verlag, darunter eine "Philosophie des wahren Glücks". Zuletzt erschien dort "Trump - Amerikas Wahl".

In meinen Büchern habe ich mir Gedanken gemacht, was "die Welt" überhaupt ist. Viele haben den Eindruck, dass es "die Welt" überhaupt nicht gibt, sondern mehrere unterschiedliche Welten. Auf der einen Seite gibt es jene, die die Privilegien des Abendlandes erhalten wollen. Auf der anderen Seite jene, die außerhalb stehen und denen der Westen wie eine Art irdisches Paradies erscheint. Es gibt aber nur eine Welt. Wir müssen akzeptieren, dass diese Welt für die einen ein Paradies ist und für die anderen eine Hölle. Wenn wir uns wünschen, dass die Welt gespalten bleibt durch Mauern und Grenzen, dann werden wir selbst wie die Milliardäre, die sich abschotten. Wir werden Mini-Milliardäre.

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Dokument erstellt am 2017-09-29 18:51:10
Letzte nderung am 2017-09-29 19:15:39




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