• vom 04.10.2017, 17:15 Uhr

Weltpolitik

Update: 04.10.2017, 17:48 Uhr

Kurden

Einheit mit Irak ist nicht gefragt




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Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

  • Mit dem Tod von Jalal Talabani verstummt eine der letzten kurdischen Stimmen, die um einen Ausgleich mit Bagdad bemüht waren.

Der verstorbene Jalal Talabani agierte im Sinne eines geeinten Irak. Doch mittlerweile wird in den Kurdengebieten die Flagge für die Unabhängigkeit geschwungen. - © reuters/afp/Ahmed Deeb

Der verstorbene Jalal Talabani agierte im Sinne eines geeinten Irak. Doch mittlerweile wird in den Kurdengebieten die Flagge für die Unabhängigkeit geschwungen. © reuters/afp/Ahmed Deeb



Erbil. Es ist gespenstisch: Der Flughafen der Kurdenmetropole Erbil ist völlig leer. Wo sonst am späten Nachmittag ein Jet nach dem anderen aus aller Welt ankam, herrscht jetzt gähnende Leere. Nur die Maschine aus Bagdad rollt ans Gate, brechend voll mit Reisenden, die in der irakischen Hauptstadt umgestiegen sind, um in den kurdischen Teil des Landes zu gelangen.

Seit fünf Tagen besteht eine Luftraumblockade. Ausländische Fluggesellschaften dürfen auf Anweisung Bagdads die Flughäfen Erbil und Suleimanija nicht mehr anfliegen. Nur innerirakische Flüge sind erlaubt. Grund ist das Referendum über ein von Zentralirak unabhängiges Kurdistan, das von der kurdischen Regionalregierung am 25. September abgehalten wurde und bei dem sich eine Mehrheit der Teilnehmer für einen souveränen Kurdenstaat ausgesprochen hat. Die Regierung in Bagdad akzeptiert dieses Referendum nicht.



In der Ankunftshalle in Erbil erwartet die Fluggäste aus Bagdad ein Meer von kurdischen Fahnen. "Ja zur Unabhängigkeit" steht auf unzähligen Transparenten. Kurdische Unabhängigkeitslieder, die kurdische Hymne und Freiheitsgesänge dröhnen über Lautsprecher durch die Halle. Soll heißen: "Wir trotzen dem Boykott, wir beugen uns nicht."


Auch dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan im Schulterschluss mit Bagdad handelt und die Schließung seiner Grenzen zu Irak-Kurdistan androht, der Iran bereits einen Grenzübergang geschlossen hat, beeindruckt die Kurden im Irak bislang wenig. Dass Erdogan nach Jahren frostiger Beziehungen jetzt nach Teheran reist, um gemeinsame Maßnahmen gegen die Kurden zu verabreden, scheint ebenfalls fast unterzugehen. Denn mitten in die Aufregung um das Referendum platzt die Nachricht vom Tod Jalal Talabanis. Er war 83 Jahre alt und starb in einem Krankenhaus in Berlin.

"Mam Jalal" (Onkel Jalal), wie die Kurden ihren Führer in Suleimanija liebevoll nannten, war lange Jahre der Gegenspieler von Masud Barzani in Erbil. Die beiden Kurdenführer fochten Mitte der 1990er Jahre einen erbitterten Bruderkrieg aus und versöhnten sich schließlich nach dem Sturz Saddam Husseins 2003. Der Aufbau weitgehender Autonomie in den vier Kurdenprovinzen Erbil, Dohuk, Suleimanija und Halabja demonstrierte die Einheit Kurdistans und brachte enormen Einfluss im politischen Geschehen im neuen Irak.

Barzani wurde Präsident der autonomen Region Kurdistan, Talabani ging nach Bagdad und wurde 2005 zum ersten nicht-arabischen Präsidenten Iraks gewählt. Das hat es in der Geschichte des Landes noch nicht gegeben, dass ein Mitglied einer Minderheit - die Kurden bilden etwa 20 Prozent der Einwohner Iraks - ein so hohes Staatsamt bekleidete.

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Dokument erstellt am 2017-10-04 17:21:12
Letzte Änderung am 2017-10-04 17:48:32




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