• vom 05.12.2017, 17:43 Uhr

Weltpolitik

Update: 05.12.2017, 19:08 Uhr

Jemen

"Gewinner sind die radikalen Islamisten"




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Von Michael Schmölzer

  • Im Jemen stehen die Zeichen auf Sturm. Für den Nahost-Experten Günter Meyer sind die Saudis die großen Verlierer.



Nach dem Tod des Ex-Langzeit-Präsidenten Ali Abdullah Saleh kippt das Kräfteverhältnis im Bürgerkriegsland Jemen. Am Montag haben schiitische Huthi-Rebellen, die mit dem Iran verbündet sind, den gestürzten Machthaber erschossen, der kurz zuvor die Seiten gewechselt hatte und mit den Saudis Gespräche aufnehmen wollte. Riad hat an der Spitze einer arabischen Koalition militärisch im Jemen eingegriffen und bombardiert Ziele mit Kampfjets. Die "Wiener Zeitung" hat unmittelbar nach den dramatischen Ereignissen mit dem Nahost-Experten Günter Meyer gesprochen.

"Wiener Zeitung":Im blutigen jemenitischen Bürgerkrieg spielen Mächte wie Saudi-Arabien und Iran eine große Rolle. Wie hat ihrer Ansicht nach der Tod von Ali Abdullah Saleh die Situation verändert?


Günter Meyer: Der Tod von Saleh ist zweifellos ein entscheidender Wendepunkt in der gegenwärtigen Entwicklung des Jemen. Es ist eine Wende, die einer politischen Lösung des Konflikts nicht förderlich ist. Es deutet alles darauf hin, dass der Tod von Saleh zu einer weiteren Eskalation führen wird. Denn wer sind die innenpolitischen Verlierer? Das sind die Huthis, die einen ihrer stärksten Verbündeten verloren und den größten Teil des Nordjemen unter ihre Kontrolle gebracht haben. Verlierer sind aber auch die Gegner der Huthis, der amtierende Präsident Abd Rabbu Mansur Hadi, der dazu aufgerufen hat, dass sich das jemenitische Volk erheben möge, um gegen die Rebellen vorzugehen. Die erste unmittelbare Konsequenz ist, dass sich die Kämpfe verschärfen.

Anhänger der schiitischen Huthi feiern in Sanaa den Tod von Langzeit-Präsident Saleh.

Anhänger der schiitischen Huthi feiern in Sanaa den Tod von Langzeit-Präsident Saleh.© reuters/Abdullah Anhänger der schiitischen Huthi feiern in Sanaa den Tod von Langzeit-Präsident Saleh.© reuters/Abdullah

Und wer profitiert?

Die Gewinner innerhalb des Jemen sind auf alle Fälle die radikalen Kräfte. Die Islamisten, also Al- Kaida auf der Arabischen Halbinsel, die im Südosten des Jemen große Gebiete unter ihre Kontrolle gebracht haben. Wenn jetzt die Position der Huthis geschwächt wird, dann werden die Dschihadisten des IS, die im Südosten des nördlichen Jemen ihre Hauptquartiere haben, ihre Terroraktivitäten weiter verstärken. Sie kontrollieren nur zwei relativ kleine Gebiete, haben in der Vergangenheit aber bereits zahlreiche brutale Terroranschläge gegen die Huthis ausgeführt. Bei einer Schwächung des bisherigen Bündnisses zwischen den Huthis und Saleh werden diese dschihadistischen Kräfte auf alle Fälle künftig einen stärkeren Status haben. Außenpolitisch haben sich Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) noch bis Montag als die großen Gewinner gesehen, nachdem Saleh sich am Samstag auf ihre Seite geschlagen hat. Es sah alles so aus, als würde er sich mit seinen Truppen Seite an Seite mit den Saudis und den VAE gegen die Huthis stellen. Der größte Verlierer ist sicherlich der saudische König Salman. In Riad hatte man darauf gesetzt, dass man mit Unterstützung des wichtigsten Politikers im Jemen - Saleh hat immer die entscheidenden Fäden gezogen - diesen Krieg endlich zu Ende bringen kann. Denn die Kosten des Konflikts steigen für die Saudis exorbitant an. Nach zweieinhalb Jahren immenser Militäreinsätze ist ein Ende dieses Kriegs nicht in Sicht. Das wäre die Chance gewesen, kurzfristig zu einem Erfolg zu kommen. Als Reaktion auf diesen Rückschlag haben saudische Kampfflugzeuge die Hauptstadt Sanaa in der vergangenen Nacht erneut bombardiert. Der Hauptverlierer ist aber die jemenitische Bevölkerung. Hier gibt es bereits mehr als zehntausend Tote zu beklagen, zwanzig Millionen Menschen sind dringend auf humanitäre Hilfe, auf Nahrungsmittel angewiesen . Dazu kommt das Embargo, das Saudi-Arabien vor wenigen Wochen gegen den Jemen verhängt hat. Eine Totalblockade des bevölkerungsreichsten Teils des Jemen zu Boden, am Wasser und in der Luft. Das heißt, dass die Hilfsgüter nicht mehr hineinkommen. Der wichtige Flughafen von Sanaa, über den die meisten Lebensmittellieferungen gekommen sind, ist durch einen Luftschlag völlig zerstört worden. Die Gebiete unter der Kontrolle der Huthis, also die am dichtesten besiedelten Teile des Landes, sind abgeschnitten. Dazu kommt die Cholera. Es ist eine humanitäre Katastrophe gigantischen Ausmaßes. Auch das wird sich verstärken. Eine diplomatische Lösung wäre die einzige Chance, doch die ist jetzt weiter entfernt als je zuvor.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2017
Dokument erstellt am 2017-12-05 17:47:09
Letzte ńnderung am 2017-12-05 19:08:06




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