• vom 09.12.2014, 18:54 Uhr

Weltpolitik

Update: 10.12.2014, 12:26 Uhr

Guantanamo

"Folter ist ein Herrschaftsinstrument"




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Von Alexander U. Mathé

  • Als Instrument zur Informationsbeschaffung fragwürdig, wirken die Folgen der Tortur noch lange nach.


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Wien. Folter ist grausam, brutal und zerstörerisch. Sie ist verboten. Eigentlich sollte es in westlichen Demokratien keinen Platz für sie geben; und doch gibt es sie. Ganz offiziell. Um Bösewichte auszuquetschen und so von der Gesellschaft größeres Übel abzuwenden. Doch dass es darum geht, bezweifelt Rainer Mausfeld, Professor für Allgemeine Psychologie an der Christian-Albrechts-Universität Kiel.

"Die Folter hat eigentlich nie der Informationsbeschaffung gedient", erklärt Mausfeld. "Sie war immer ein Herrschaftsinstrument gegen alle, die die Machtordnung gefährden." Vom Mittelalter über die Kolonialzeit bis heute sei Folter vorrangig dazu genutzt worden, Aufstände zu bekämpfen und zu vermeiden. Ziel ist es, die Bevölkerung in Angst und Gehorsam zu versetzen. Denn treffen kann es jeden – "und zwar völlig rechtsfrei", wie Mausfeld sagt. Die Vorgehensweise habe System. "Guantánamo, Bagram: Man versucht das immer als Entgleisung darzustellen, aber das sind keine Einzelfälle, da gibt es eine lange Kontinuität."

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Dass der Informationsgehalt unter Folter erbrachter Geständnisse mehr als zweifelhaft sei, darauf habe im Fall der USA der Ära George W. Bush bereits das FBI hingewiesen. Die angewandten Techniken brächten verzerrte, unbrauchbare oder sogar fehlleitende Informationen – immerhin gestehen Opfer alles, nur um die Folterung zu beenden.

Doch wer die Frage nach dem Nutzen stellt, befindet sich für Mausfeld ohnedies auf dem falschen Weg. Denn implizit werde dadurch suggeriert, dass sie legitim wäre, wenn sie effektiv ist. "Ebenso könnte man sich die Frage stellen, ob Sklaverei nicht auch nützlich wäre." Folter ist nun einmal von Rechts wegen ausgeschlossen. Um den Rechtsbruch jedoch nicht offensichtlich zu machen, ging man in Demokratien zur sogenannten weißen Folter über. Die ist im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht blutig, aber nicht minder effektiv. Darunter fällt beispielsweise das berüchtigte Waterboarding, das Scheinertränken der Folteropfer. Offensichtliche körperliche Narben bleiben da nicht zurück, doch die psychischen sind ausreichend desaströs.

"Bei der Folter ist es wichtig, den anderen als unterlegen darzustellen, als Untermenschen. Das findet man teilweise wörtlich in den Verhörhandbüchern, zumal jenen von Guantánamo. Der Gefangene muss daran erinnert werden, dass er weniger als ein Mensch ist." Dazu kommt die totalitäre Situation, in der der Einzelne keine Aussicht auf Entkommen hat. Die Folteropfer sind ihren Peinigern ausgeliefert: Diese können ihnen Essen und Schlaf entziehen oder sie sexuell erniedrigen. Die Folterknechte erlangen so eine Position, in der sie eine "gottgleiche Macht" über ihre Opfer haben. Das gibt dem Einzelnen das Gefühl, er habe überhaupt keinen Willen mehr. Die Integrität der Person, des Selbst, wird zerbrochen.

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Dokument erstellt am 2014-12-09 18:59:04
Letzte ─nderung am 2014-12-10 12:26:52




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