• vom 09.03.2012, 22:08 Uhr

Blogs

Update: 14.03.2012, 22:05 Uhr
  • Artikel
  • Lesenswert (13)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Wien-Blog:

Post, modern


Von Gerald Jatzek

Als es noch keine PC gab... - Josef Hess, Collage: WZ Online - Creative Commons

Als es noch keine PC gab... Josef Hess, Collage: WZ Online - Creative Commons

Vergangene Woche wollte ich einem Freund ein paar Unterlagen zurückschicken, die er mir in schön antiquierter Papierform geborgt hatte. Also betrat ich ein Postamt – und hielt erschrocken inne. Wo normalerweise Eltern mitgebrachtes Essen auf Gaskochern zubereiten, um ihre Kinder vor dem Verhungern in der Warteschlange zu bewahren, erstreckte sich ein leerer Raum.  Erstmals bemerkte ich die gelben Streifen auf dem Fußboden, die der lauernden Gefahr des plötzlichen Verschwindens auf dem Postamt entgegenwirken, indem sie die Kunden vorbei am Kopierer und den Regalen mit den Oberkrainer-CDs zu den Schaltern geleiten.

Werbung

Ich folgte der Spur bis zu einer Dame, die erst das Kuvert in meiner Hand und dann mich mit einem melancholischen Blick bedachte.

"Wir können keine Briefe annehmen", erklärte sie in getragenem Ton.

"Nicht?" fragte ich. "Sind Sie kein Postamt mehr?"

"Wir stellen die Computer um, und zur Zeit funktioniert nichts", erläuterte sie und wandte sich ab. Wir war offensichtlich ein junger Mann, der unter einem Tisch irgendetwas mit Kabeln anstellte.

Das Schalterpersonal hat immer recht, lautet ein Grundsatz der klassischen österreichischen Konditionierung, und ich wollte mich auch schon gehorsam trollen, als mir ein winziger Widerspruch in den Ausführungen der Dame bewusst wurde. War denn nicht der eine oder andere Brief schon vor dem digitalen Zeitalter befördert worden?

Ich legte mein Kuvert auf den Schalter und zitierte Heinz Erhardt:
"Herr Heinrich-Franz von Ohnegleichen,
der sammelte gern Postwertzeichen
mit Zähnen und mit glatten Rändern,
aus Übersee und andern Ländern."

"Was meinen Sie?" fragte die Dame und ließ ihre Linke unter das Pult gleiten, vermutlich auf der Suche nach dem Alarmknopf.

"Ich meine, Sie könnten mir eine Briefmarke verkaufen", sagte ich.

Sie starrte mich an und nickte stumm. Es dauerte nur einen Augenblick, bis sie sich wieder gefangen hatte. "Aber", sagte sie. "Für das Kuvert brauchen Sie zwei."

"Gut. Zwei", antwortete ich.

"Wir verkaufen aber nur Viererblocks."

"Dann geben Sie mir halt vier!", sagte ich schon nicht mehr völlig entspannt.

"Gerne", sagte sie, kassierte fünf Euro achtzig und schob mir den Block zu.

Wieder auf der Straße, fasste ich in die Jackentasche, zögerte und ließ die Marken, wo sie waren.

Ich habe die Unterlagen dann persönlich abgegeben. So ein Spaziergang quer durch Wien ist ja ohnehin gesund.

Was ich mit den Briefmarken anfangen werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht sollte ich sie zum Grundstein einer Sammlung machen.




Schlagwörter

Postamt, Heinz Erhardt, Satire, Post, Wien

Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-03-09 22:12:03
Letzte Änderung am 2012-03-14 22:05:34


Beliebte Inhalte



Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Aufräumen: Die Freiwilligen bargen am 5. Mai rund 100 Fässer (l.). Die Via Donau holte bis Freitag 320 "Auftriebskörper" aus dem Wasser, eine Ölsperre wurde errichtet (r.).
  • In der Alten Donau gammeln hunderte alte Fässer vor sich hin - manche von ihnen enthalten Giftstoffe.
  • weiter

Wer liegt denn da, fragen sich einige Wiener bei der Volksanwaltschaft. - apa
  • 114 Missstände konnten im Jahr 2012 festgestellt werden.
  • weiter

Kein Copyright auf seine Gesten hat Charles alias Wolfgang Amadeus Mozart. - Luiza Puiu
  • Der Kodex der Straße ist Geschichte, heute kämpft jeder gegen jeden.
  • weiter

Auf dem Dach des Wiener Konzerthauses leben vier Bienenvölker. - Konzerthaus
  • Weg vom verschrobenen Image: Rekordhoch bei Stadtimkern.
  • weiter

Volksschulwand vorher (links) und nachher (rechts) - Bild: Andreas Praefcke An einer Volksschule in Wien mussten nach dem Protest der Mutter einer Schülerin die Kreuze in allen Klassenzimmern entfernt werden...weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Eine erste Teststrecke beim Westbahnhof wurde grün angemalt. - APAweb / Georg Hochmuth
  • City-Chefin Stenzel: Grüne geben Steuergelder für Parteiwerbeaktion aus.
  • weiter

Neben Rot soll es auch Grün auf den Radwegen geben. - apa
  • Fußgängerbeauftragte plädiert für mehr Rücksichtnahme.
  • weiter

Absperrungen auf dem Heldenplatz soll es heuer erstmals nicht geben. - apa
  • Anstelle des Aufmarschs der Burschenschafter wird der Heldenplatz am 8. Mai zum Konzerttag.
  • weiter




Werbung




Frankreich: Amandine Bourgeois - "L'enfer et moi"

Der Teil einer Installation des pakistanischen Künstlers von Imran Qureshi im Metropolitan Museum in New York. Die letzten Stufen werden noch eingekleidet, und dann kanns los gehen:

18. 5. 2013: Ein lesbisches Paar in Myanmar: Der "Internationale Tag gegen Homophobie" geriet weltweit zu einem bunten und eindringlichen Protest gegen Diskriminierung. Noch herrscht auf der Croisette vor dem Palais des Festivals in Cannes die Ruhe vor dem Sturm.

Werbung