Vergangene Woche wollte ich einem Freund ein paar Unterlagen zurückschicken, die er mir in schön antiquierter Papierform geborgt hatte. Also betrat ich ein Postamt – und hielt erschrocken inne. Wo normalerweise Eltern mitgebrachtes Essen auf Gaskochern zubereiten, um ihre Kinder vor dem Verhungern in der Warteschlange zu bewahren, erstreckte sich ein leerer Raum. Erstmals bemerkte ich die gelben Streifen auf dem Fußboden, die der lauernden Gefahr des plötzlichen Verschwindens auf dem Postamt entgegenwirken, indem sie die Kunden vorbei am Kopierer und den Regalen mit den Oberkrainer-CDs zu den Schaltern geleiten.
Ich folgte der Spur bis zu einer Dame, die erst das Kuvert in meiner Hand und dann mich mit einem melancholischen Blick bedachte.
"Wir können keine Briefe annehmen", erklärte sie in getragenem Ton.
"Nicht?" fragte ich. "Sind Sie kein Postamt mehr?"
"Wir stellen die Computer um, und zur Zeit funktioniert nichts", erläuterte sie und wandte sich ab. Wir war offensichtlich ein junger Mann, der unter einem Tisch irgendetwas mit Kabeln anstellte.
Das Schalterpersonal hat immer recht, lautet ein Grundsatz der klassischen österreichischen Konditionierung, und ich wollte mich auch schon gehorsam trollen, als mir ein winziger Widerspruch in den Ausführungen der Dame bewusst wurde. War denn nicht der eine oder andere Brief schon vor dem digitalen Zeitalter befördert worden?
Ich legte mein Kuvert auf den Schalter und zitierte Heinz Erhardt:
"Herr Heinrich-Franz von Ohnegleichen,
der sammelte gern Postwertzeichen
mit Zähnen und mit glatten Rändern,
aus Übersee und andern Ländern."
"Was meinen Sie?" fragte die Dame und ließ ihre Linke unter das Pult gleiten, vermutlich auf der Suche nach dem Alarmknopf.
"Ich meine, Sie könnten mir eine Briefmarke verkaufen", sagte ich.
Sie starrte mich an und nickte stumm. Es dauerte nur einen Augenblick, bis sie sich wieder gefangen hatte. "Aber", sagte sie. "Für das Kuvert brauchen Sie zwei."
"Gut. Zwei", antwortete ich.
"Wir verkaufen aber nur Viererblocks."
"Dann geben Sie mir halt vier!", sagte ich schon nicht mehr völlig entspannt.
"Gerne", sagte sie, kassierte fünf Euro achtzig und schob mir den Block zu.
Wieder auf der Straße, fasste ich in die Jackentasche, zögerte und ließ die Marken, wo sie waren.
Ich habe die Unterlagen dann persönlich abgegeben. So ein Spaziergang quer durch Wien ist ja ohnehin gesund.
Was ich mit den Briefmarken anfangen werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht sollte ich sie zum Grundstein einer Sammlung machen.
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