Ein Schrei dröhnt durch die U-Bahn-Station: "Halt, Hilfe!" Noch bevor die fragenden Blicke Antworten liefern können, zischt ein Läufer neben uns vorbei – gefolgt von einer etwas unbeholfen wirkenden Dame. Ich weiß eigentlich nicht warum, aber plötzlich bin ich auch auf den Beinen. Laufe hinauf in Richtung Schedifkaplatz. Sozusagen um die Wette. Kurz vor dem obersten Treppenabsatz ist der Flüchtende auf meiner Höhe. Langsam begreife ich, um was es geht, fordere ihn, da er sich nun als geschnappt betrachten dürfe, auf, fallen zu lassen, was immer er erbeutet habe. Gedanken, einen Überwältigungsversuch zu starten, lasse ich sogleich sein. Der Mann könnte ja schließlich ein Messer dabei haben.
Den Dieb juckt meine Anwesenheit wenig, er setzt seinen Weg unbeirrt fort – genau in Richtung einer sich nähernden Menschentraube. "Das war ein Fehler", denke ich voreilig, verlangsame den Schritt und erfülle mir den Traum, auch einmal "Haltet den Dieb" brüllen zu dürfen. Der Ruf entfaltet jedoch eine durchaus überraschende Wirkung. Statt einfach nur den bereits beschrittenen Weg fortzusetzen und den Flüchtenden einzubremsen, oder sich diesem gar aktiv in den Weg zu stellen, öffnet sich plötzlich eine Gasse. Während ich mir ungläubig die Augen reibe, prescht der Läufer davon. Ich beschließe, selbstverständlich längst außer Atem und daher nach Ausreden suchend, die Ankommenden mit Vorwürfen zu überhäufen. Warum sie nicht stehengeblieben seien, weshalb niemand ein Bein gestellt hätte und wieso sich niemand um den offensichtlichen Schaden eines anderen kümmere. Als Antwort bekomme ich und die Bestohlene, die inzwischen aufgeschlossen hat, ein kopfschüttelndes "Na, der hätte ja ein Messer haben können."
Falscher Augustin
Ein Ruf tönt durch den Saal: "Noch zwei Melange, bitte!" Der Herr Ober nickt und macht sich auf den Weg zur Theke. Durch die Eingangstür schlüpft sogleich ein Mann mit einem Stapel Augustin und nimmt Kurs auf meinen Tisch. Ich muss grinsen, nicht zuletzt, weil einst gerade in diesem Café ein Augustin-Verkaufsverbot verhängt wurde. Der Mann kommt also bei uns an. Den Augustin hätte ich schon, gebe ich bedauernd zu verstehen, während ich bemerke, dass der Augustinausweis fehlt. Ein paar Münzen Kleingeld hat sich der Mann trotzdem verdient, denke ich und beginne, verzweifelt nach selbigen in meiner Geldbörse zu suchen. Der Mann wird unruhig, ich verstehe nicht warum - und krame weiter. Dann legt er seinen Stapel "Augustin" ganz beiläufig auf den Tisch – und über mein Geldbörserl. Ich krame weiter.
Irgendwann hat er plötzlich genug. Während ich noch krame, legt er, sich empfehlend, den Rückwärtsgang ein – und wird jäh gestoppt: Ein Café-Gast vom Nachbartisch ist aufgesprungen und hat plötzlich einen 50-Euro-Schein in der Hand. Ich beginne zu begreifen, werfe einen Blick auf meine Brieftasche und sehe: Das war eigentlich mal meiner. Der freundliche Herr will den falschen Augustin festhalten, was jedoch nicht gelingt. Ich springe auf, jage – ohne eigentlich zu wissen warum – den Dieb bis zur Eingangstür, bis mir einfällt, dass der Mann ein Messer haben könnte. Und gebe kleinmütig die Verfolgung auf. Auf dem Rückweg bedanke ich mich tausendfach bei meinem Wohltäter. Ob er denn keine Angst gehabt habe? Der zuckt nur mit den Schultern. Und gibt mir zu verstehen, dass er nicht verstehe. Denn der freundliche Helfer ist nicht Wiener, sondern Engländer. Immerhin bekomme ich in breitem Wienerisch doch noch eine Sympathiebekundung vom gegenüberliegenden Nachbartisch mit auf den Weg: "Na, ist denn was gestohlen worden?"
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