Vor einiger Zeit hangelte ich mich auf Youtube mal wieder von einem Videoclip zum nächsten. Welcher Eintrag im Suchfeld des Videoportals die Suchkette auslöste, dass ich schließlich bei einem älteren Werbespot für die Margarine landete, weiß ich nicht mehr und tut auch nichts zur Sache. Jedenfalls zeigte der Clip zwei Menschen in einem leeren Bürogebäude auf einer Rolltreppe, als diese abrupt stehen bleibt. Die Zwei blicken sich um, ein Anflug von Panik auf ihren Gesichtern. Sie rufen um Hilfe, anstatt sich selbst in Bewegung zu setzen.
Dieses zweiminütige Filmchen mit den trägen Protagonisten drängte sich seltsamerweise in meine Gedanken, als ich im Februar trotz eisiger Temperaturen Menschen in eng anliegenden elastischen Hosen und körperbetont geschnittenen Jacken den Wiener Ring entlangtraben sah. Kein alltäglicher Anblick bei minus zehn Grad Celsius. Und wie das so ist: Einmal auf etwas aufmerksam geworden, fällt es einem permanent auf. Bei mir waren es nun jene Bewegungshungrigen, die sich trotz klirrender Kälte, eisigem Wind oder tiefster Dunkelheit zu dieser körperlichen Outdoor-Aktivität motivieren konnten. Egal zu welcher Uhrzeit, egal an welchem Wochentag, immer erspähte ich reflektierende Nähte einer Funktionsjacke hier, dick in Baumwollsweater Eingemummte dort, die sich rhythmisch stampfend Richtung Prater, Donaukanal oder Donauinsel bewegten. Sportbeschuhte Füße, die an warmen Frühlingstagen wie diesen durch Wiens Straßen traben – ein gewohnter Anblick. Doch woher kam dieser Bewegungsdrang, der auch vor sibirischen Temperaturen nicht Halt machte?
Vor nicht allzu vielen Wintern trennte unwirtliches Wetter noch die Spreu vom Weizen. Einsam wurde im gefrierenden Regen Kilometer um Kilometer absolviert. Traf man tatsächlich auf einen weiteren Läufer, wurde die Hand gehoben und der Gruß mit einem leichten Kopfnicken unterstrichen. Ein Ritual, das sich in der warmen Laufsaison aufgrund der Masse an Bewegungshungrigen nicht einhalten lässt.
Ich frage mich, was in diesem Winter in vielen den Laufteufel geweckt hat? Es kann doch wohl kaum der Verdienst von diversen Diskontern sein, die Sportfunktionsbekleidung zu erschwinglichen Preisen anbieten? Dann schon eher die zahlreichen gesundheitlichen Aspekte: Laufen ist gut für die Knochen, gut für Herz und Kreislauf usw. – aber alles keine neuen Erkenntnisse. Oder sind die positiven körperlichen Effekte doch nur nette Bonuspunkte für diesen Anstieg an kälteresistenten Freizeitathleten? Denn Laufen hebt die Stimmung und schafft Ordnung im Kopf. Das monotone Dahintrotten mischt Gedanken neu und hilft manchmal, die Lösung für ein Arbeitsproblem zu finden, an dem den ganzen Tag erfolglos herumgebissen wurde. Was auch immer jene motivierte, sich auch trotz bitterer Kälte die Laufschuhe zu schnüren, war ein guter Grund. Denn "Laufen hilft gegen alles" – wie Zeit.de kürzlich titelte.
Ein irritierender Zwischenfall hat mir allerdings gezeigt, dass dieser winterliche Bewegungsdrang seine Grenzen hat: In einem großen Wiener Kaufhaus stoppte plötzlich die Rolltreppe. Jene Handvoll Menschen – inklusive mir –, die sich auf ihr befanden, blickten erstaunt noch hinten, nach vorne, nach links, nach rechts. Doch keiner rührte sich. Dann eben Treppensteigen, dachte ich, während meine Ex-Mitrollenden weiter auf der stillstehenden mechanischen Treppe verharrten. Wie lange das auf den Metallstufen versprengte Grüppchen dort blieb, weiß ich nicht. Solange ich in Hörweite war, hat jedenfalls niemand um Hilfe gerufen. Und wäre ich nicht dabei gewesen, würde ich jetzt wohl wie Sie ungläubig ob dieser Parallele zum eingangs erwähnten Werbeclip den Kopf schütteln.
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