Hallenbäder sagen oft mehr als tausend Worte – mehr als die Worte in so manchem Soziologiebuch zum Beispiel. Denn Hallenbäder sind ein besonderes Biotop: auf relativ kleinem Raum kommen viele Menschen in einem doch eher intimen Rahmen zusammen.
Eines vorneweg: Ich bin ein Fan von Wiens Hallenbädern und schätze deren Sauberkeit, Wärme, Leistbarkeit und Chlormenge. Wenn es darum geht, brauchen Wiens städtische Hallenbäder den internationalen Vergleich nicht scheuen. Schlecht steigen sie aber dann aus, wenn man sieht, was die Menschen damit machen.
In vielen Großstädten anderer Länder wird nämlich in Bahnen geschwommen. Hintereinander. Das erlaubt nicht nur verschiedene Schwimmstile und Geschwindigkeiten, sondern zeugt auch von Respekt vor den Mitmenschen rundherum. Was dort eine Selbstverständlichkeit ist, glänzt in den Hallenbädern hierzulande durch Abwesenheit. Hier herrscht ein raues Klima; es herrscht das Recht des Stärkeren.
Denn in Wien ist jeder sich selbst der Nächste. Da sind auch die Hallenbäder keine Ausnahme: Am besten wär', ich hätt das ganze Bad für mich allein, denkt sich der Wiener. Daher verteidigt er seinen Platz auch im Hallenbad, damit ihm niemand in die Quere treibt. Zum Beispiel in demjenigen Sportbeckenteil, aus dem sich die älteren Herr- und Frauschaften aus dem Staub gemacht haben: dort rudern Testosteronbolzen den Entgegenkommenden in einer Kraulgeschwindigkeit zu, dass man nur mit Mühe einen Fluchtweg findet. Andere Hobbysportschwimmer über- oder unterschwimmen einfach alles, was ihnen im Weg ist, andere wiederum folgen auch im Hallenbad dem Prinzip der Autobahn: allein unterwegs, stetig überholend, selten einfädelnd, und sich unbeirrt am Geradeaus orientierend. Und Rückenschwimmer haben hinten bekanntlich keine Augen, sodass man auch hier – um einem Zusammenstoß zu entgehen, sich besser rechtzeitig um Kehraus umschaut.
Aber am Wienerischsten ist es, wenn Schwimmerinnen und Schwimmer sich verstohlen auf einer bereits von mehreren Menschen beschwommenen Bahn ausbreiten, und so tun, als wären sie die einzigen auf dieser Bahn. Dies praktizieren sie außerdem mit einer schrecklichen Gleichgültigkeit – meist mit einem Blick durch einen durch oder an einem vorbei, als wäre man nicht da. Egal, ob mit oder ohne Schwimmbrille. Hauptsache sie haben ihren Platz, das Rundherum ist egal.
Damit kein Missverständnis entsteht: es gibt natürlich Ausnahmen von der Regel, das Schwimmen in Bahnen nach internationalem Vorbild ist möglich, je nachdem, ob sich die Menschen im Becken zu einem solchen zusammenraufen können. Aber es ist nicht leicht. Wäre es aber: würden auch SchwimmerInnen die Menschen rund um sich als Mitmenschen erkennen und nicht bloß als scheinbare Bojen, die Platz wegnehmen. Sprich: sich selbst wie auch andere als Mitglieder, als Teil einer Gesellschaft betrachten. Dann wäre auch das Schwimmvergnügen ein weitaus größeres und liefe nicht Gefahr, zu einem Spießrutenlauf um die Möglichkeit des Fortkommens im Wasser werden. Das geht aber nur mit Rücksicht und Respekt anderen gegenüber - eben so, als wäre man nicht allein auf weiter Schwimmspur.
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