
Das Abenteuer begann schon nach fünf Minuten. Wir wollten die kalte Wienerstadt verlassen, luden den Fiat am Matzleinsdorfer Platz in den Autoreisezug nach Livorno und setzten uns in das Beste, was die ÖBB auf der Strecke zu bieten haben: in das Dreier-Schlafwagenabteil.
Dort war es kalt, und es blieb kalt. Meine Frau bemerkte es als erste. Sie lebt irrtümlich im Norden, die Natur hat sie für den Breitengrad Marmarameer-Malta-Malaga bestimmt. Sie reklamierte sofort, andere Passagiere folgten. Am Ende auch ich. Ich bin mehr der Murmansk-Typ, ich brauche länger, bis ich kalte Füße bekomme. Wie übrigens auch der Zugschaffner. Im kurzärmeligen Hemd steht er vor mir, einen feinen Schweißfilm auf der Stirn. Ihm wird heiß, wenn er Stress hat. Deshalb kann er das Problem der ausgefallenen Heizung zwar kognitiv nachvollziehen, aber nicht körperlich. Er wäre ein perfekter Sommerschaffner, weil sich ihm der Ausfall der Klimaanlage in gewaltigen Hitze-Wallungen mitteilen würde. Im Winter spricht seine Konstitution sozusagen gegen das Problem. Trotzdem kämpfte er tapfer mit der Technik.
Unvermutet in die Glieder kriechende Kälte erzeugt durchaus Panik. Ich sah schwere Erkältungen kommen, die unseren eskapistischen Toskana-Gelüsten ein jähes Ende setzen würden. Ich würde keinen kühlen Vernaccia in der Sonne von San Gimignano trinken und anschließend im Dom das Fresko von Ghirlandaio anschauen, auf dem ein vorwitziger Ministrant die Ortsheilige am Fuß kitzelt. Und in Florenz nicht auf Botticellis Venus treffen, die sich gut gehalten hat, obwohl sie jedes Jahr Millionen Leute atemlos anhauchen. Ich würde auch nicht Caravaggios Medusa anstarren, anschließend kein "Makkaroni Wildschein gejagt" essen, und schon gar nicht vor einem weiteren interessanten Gericht, "Montainbike mit Schinken", zurückschrecken. In Lucca würde mir das herrliche Restaurant Gigi entgehen, das mit Suppenreindln, Essig & Öl in ausgedienten Tomatendosen und moderaten Preisen dem Trend zur Refeudalisierung des guten Essens charmant entgegenwirkt. Und wir würden auch nicht vom dort gekochten Branzino unter Kartoffelscheiben und der Klassiker-Interpretation "Tiramigigi" im Abendrot schwärmen.
Dass dann alles doch noch so kam, verdanken wir zwei Schaffnerinnen, die phänotypisch eindeutig auf der 3M-Linie (Marmarameer-Malta-Malaga) lagen. Sie evakuierten kurzerhand den Kühlwaggon. Wir landeten in einem warmen 6er-Liegewagen, dem Drittbesten, was die ÖBB zu bieten hat.
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