• vom 26.04.2012, 06:15 Uhr

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Wien-Blog

Weinende Babys im Reisepass


Von Ina Weber

Das wird schwierig - auf Passfotos dürfen auch Einjährige nicht weinen.

Das wird schwierig - auf Passfotos dürfen auch Einjährige nicht weinen.APAweb / Barbara Gindl Das wird schwierig - auf Passfotos dürfen auch Einjährige nicht weinen.APAweb / Barbara Gindl

Wenn der Morgen damit beginnt, dass man völlig genervt von
einem brüllenden Kind ist, das sich nicht und nicht beruhigen will und das nicht
einmal sein eigenes Kind ist, dann hat sich Folgendes zugetragen – im 14.
Bezirk, im Breitenseer Viertel. Das eigene Kind sitzt im Kinderzimmer und
verweigert alle fünfzehn Langarm-Shirts, die frohlockend auf dem Boden
aufgebreitet wurden. Einem einfachen Nein des Kindes folgt sein bockiges
Aussitzen. Unter der Aufsicht des Papas wird es dann ebenfalls einfach und
demonstrativ zurückgelassen.

Jede Minute ist kostbar, jede Minute kann für Erledigungen genutzt werden. Dann eben schnell in den Foto-, Optik-, Elektronikhandel fast ums Eck. Die Fotos müssen schnell entwickelt und in das bereits vorbereitete Kuvert gesteckt werden, denn die Tante in Vorarlberg wartet ohnehin schon so lange auf das Danke Schön für die Oster-Sachen und der Kindergarten gibt statt den bisher bereits entwickelten Fotos des eigenen Kindes nur noch Foto-CDs her, auf denen alle oben sind und daheim hat das
Notebook kein CD-Laufwerk, . . . der Weg zu entwickelten Fotos kann lang sein.

Die noch von Wut angetriebenen raschen Schritte werden abrupt von einer Glastür abgebremst, die sich nicht wie sonst automatisch öffnet. Es ist 8.35 Uhr. Das Geschäft sperrt erst um 9 Uhr auf. Alles wieder zurück, das Kind wird geschnappt und in den Kindergarten gebracht.

Es ist 9.25 Uhr – aber jetzt. Der Foto-Sofort-Ausdruck-Automat ist ein neuer. Da hatte man sich erst in den letzten Jahren langsam an den alten gewöhnt, jetzt ist wieder alles anders. "Das funktioniert nicht", hört man die leicht genervten Stimmen von beiden Automaten. Die Angestellten eilen zu Hilfe, noch sehr höflich - der Selbstbedienungsautomat, der ständig Kundenbetreuung verlangt, aber das war schon immer so.

Aus dem unteren Stockwerk, der Foto-Abteilung, hört man ein Babygeschrei. Zunächst nichts Ungewöhnliches, doch das Geschrei steigert sich
in hysterisches Gekreische, das nicht enden will. Die Fotos auf dem Bildschirm werden nicht angezeigt, die CD hängt – alles wieder von vorne. Alle fünf Minuten geht entweder ein Verkäufer oder ein Kunde hinunter, um zu schauen, was da los ist. "Wird da ein Kind misshandelt?", "Was passiert da?"

Auf einem schwarzen Hocker steht ein etwa einjähriges Kind, das sich an seine Mutter klammert. Die Mutter ist liebevoll und schaut verunsichert in die Gesichter, die sie umgeben. Das Einzige, das das Baby zu quälen scheint, ist ein schwarzes, kleines Kasterl auf langen Stelzen, das es für ein paar Minuten in seinen Bann ziehen möchte. Doch das Baby will nicht. Ihm ist es egal, ob es der Kinderarzt, das Wagerl oder ein Fotoapparat ist – hat es doch gerade erst gelernt, zu sitzen. Jetzt muss es schon verstehen, dass es auf einem hohen Hocker sitzenbleiben muss, es nicht lachen darf, aber eben auch nicht weinen, seinen Schnuller nicht benutzen darf, und auf keinen Fall wegschauen darf. Die Koordinaten sind genau festgelegt, wie das Kind zu schauen hat – einen Spielraum gibt es nicht. Für die Mutter aber auch nicht, denn die will mit ihrer Familie auf Urlaub fahren und seit 2009 braucht jedes Baby seinen eigenen Pass und damit ein genormtes Passfoto.

Die Verkäufer werden ungeduldig. Nach einer halben Stunde begibt sich
die Mutter samt noch immer heulendem Kind in das obere Stockwerk mit dem  Foto-Automaten. Dieser funktioniert nicht. "Bitte, wie hol ich da meine CD wieder raus?" Die Tante aus Vorarlberg muss weiter warten. Mit den Nerven am Ende ist nicht nur die Mutter mit ihrem Baby, alle anderen auch. Ob sie heuer noch in den Urlaub kommt?



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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-04-25 20:47:32
Letzte Änderung am 2012-04-25 20:58:14


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