"Wollen Sie überfahren werden?", schrie mich vor kurzem ein Autofahrer an. Seine Frage geht mir seither nicht mehr aus dem Kopf.
Die Vorgeschichte ist schnell erzählt. Auf dem Weg zur Arbeit, auf einer der vielen Einbahnstraßen im zweiten Bezirk, kam mir der Lieferwagen des besagten Autofahrers entgegen. Es war eine Einbahnstraße, auf denen Radfahrer entgegen der traditionellen Fahrtrichtung fahren dürfen. Dies dürfte ihm trotz Verkehrsschild allerdings entgangen sein, angesichts der Geschwindigkeit, mit der er mir entgegenraste und sich dabei in der Mitte der Fahrbahn ausbreitete wie ein LKW mit Gefahrengut nach links und rechts. Mir blieb nichts anderes übrig, als zwischen zwei parkenden Autos Zuflucht zu finden.
Bei mir angelangt, blieb interessanterweise dann auch der Autofahrer stehen, um mich mit besagter Frage und dem Zusatz "Das hier ist eine Einbahn!" anzuschreien. Manche mögen nun meinen, der Herr habe das nur so gesagt, da er in Unkenntnis eines Verkehrsschildes zur Achtung vor Radfahrern (dessen Existenz ich danach überprüfte) dachte, ich sei ihm unerlaubterweise entgegengekommen. Doch Wörter und Sätze sind selten inhaltsleer, vor allem dann, wenn sie eine Drohung beinhalten. Und oft sagen sie mehr über Menschen aus, als diese sich bewusst sind.

Daher: nehmen wir an, ich wäre dem Lenker und seinem Gefährt unerlaubt und illegal entgegengeradelt. Er wäre dann im Recht. Das gibt ihm allerdings noch lange nicht das Recht, deswegen einen Radfahrer niederzufahren. Doch genau das deutete er mit seiner Frage an. "Mit dem Recht auf meiner Seite kann ich Menschen töten", könnte man auf abstrakterer Ebene diese Sicht der Dinge formulieren.
Eines war der Autofahrer: ehrlich. Und genau diese Ehrlichkeit beschäftigt mich. In den Einbahnen Wiens durchleuchte ich seither die entgegenkommenden Autofahrer nicht nur auf Fahrstil und damit verbunden mögliche Gefahren, sondern auch auf potentielle Selbstjustiz hin. Anzeichen dafür gibt es leider genug. Es wird daher wohl noch ein Weilchen dauern, bis sich meine Gedanken diesbezüglich wieder gesetzt haben. Aber eines hab ich mir vorgenommen: für den nächsten Blog zur Abwechslung mal nach etwas Positiven zu suchen. Das kann aber dauern.
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