• vom 08.06.2012, 16:13 Uhr

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Update: 11.06.2012, 11:25 Uhr
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Wien-Blog

Bezaubernd schäbig


Von Stefan Meisterle

  • Filmerlebnis ohne 3D-Brille und Komfortsesseln im Gloriette Kino-Center.

Die Technik mag im Gloriette Kino nicht die aktuellste sein - vom Kinoerlebnis können sich moderne Filmtempel aber eine Scheibe abschneiden.

Die Technik mag im Gloriette Kino nicht die aktuellste sein - vom Kinoerlebnis können sich moderne Filmtempel aber eine Scheibe abschneiden.bilderbox.at Die Technik mag im Gloriette Kino nicht die aktuellste sein - vom Kinoerlebnis können sich moderne Filmtempel aber eine Scheibe abschneiden.bilderbox.at

Es ist verlottert, alt und schäbig. Die Tapeten modrig, die Rückenlehnen abgenutzt, die Beleuchtung dumpf. Bestimmt kein Ort für ein erstes Rendez-Vous, sofern man nicht Unanständiges im Sinn hat. Vermutlich auch kein Ort für einen Besuch mit Gästen, sofern man sie nicht loswerden will. Dafür aber hat das Gloriette Kino etwas, von dem Cine-, Multi-, und andere Komplexe nur träumen können: Charme. Man könnte auch auf gut Deutsch sagen: Zauber.

Es sind klare Verhältnisse, auf die man sich beim Betreten des fast 100 Jahre alten Kinos einlässt. Eine sporadische Theke, die Karten- und Getränkeverkauf dient, ein paar runde Zwei-Personen-Tischchen und ein Gang, der bald hinter einer Ecke verschwindet. "Eine Kinokarte, ein Packerl Sportgummis. Und ein Krügerl, bitte" - Alltag für die Verkäuferin und Kellnerin in ihrem Ticketoffice ohne Security und Warteschlangen. Verwundert aufblicken lässt sie diese Bestellung jedenfalls nicht.

Macht nichts, das Krügerl genieße ich ohnehin nicht an der Theke, sondern bevorzugt an einem der klassischen Tischchen - in bester Stehcafé-Tradition. Nur eben sitzend und auf den Einlass in den Kinosaal wartend. Öffnen sich dann endlich die Pforten, setzt augenblicklich der große Ansturm ein. Ganz klar: Bei freier Platzwahl will der beste Platz sofort erbeutet werden. Ein menschlicher Jagdinstinkt, der selbst dann greift, wenn das Publikum nur vier Leute zählt.

Erst nach Absolvierung dieser Übung darf man sich zurücklehnen und im Sessel versinken, dessen wahren Zustand die trüben Lichtverhältnisse geheim halten. Die Tür wird geschlossen, der Saal wird zum Zimmer, der Film läuft an. Und der Zauber kann beginnen.

Erklären kann ich es nicht. Mit der zweifellos tollen Auswahl der gezeigten Filme hat es jedenfalls nicht (nur) zu tun. Aber jeder einzelne in diesem Kino gesehene Streifen hat sich eingeprägt, hat berührt, schockiert, amüsiert, empört, hat mich für die Dauer des Films in eine andere Welt verbannt. Ich erinnere mich nicht, in diesem Kino jemals auf die Handy-Uhr geblickt zu haben - eine Unart, die mich in modernen Kinos trotz 3D, Komfortsitzen und sagenhaften Surround-Effekten verfolgt.

Und doch verlasse ich das Kino meistens traurig. Denn die Reisegefährten in die fremde Filmwelt und zurück sind meist an einer Hand abzuzählen. Während der Verkehrslärm von Johnstraße und Linzer Straße beim Aufwachen in der realen Welt behilflich sind, keimt der übliche Zweifel auf. Die Sorge, beim nächsten Besuch endgültig vor verschlossenen Türen zu stehen.




Schlagwörter

Gloriette Kino, Wien-Blog, Kino

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-06-06 16:14:30
Letzte Änderung am 2012-06-11 11:25:07


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