
Sie ist da, die für mich schönste Zeit im Jahr. Nicht nur, weil Wiens Botanik erwacht und es schafft, mit ihrem bunten Mix an Grün, Rot, Gelb, Weiß das leblose, triste Grau-Braun der Stadt für die nächsten Monate zu verjagen. Nicht nur, weil ich den Eindruck habe, Vogelgezwitscher und Sonne heben die Stimmung der Wiener und lassen ihre Gesichter weicher erscheinen. Es ist das Mehr an Touristen, das nun durch die Wiener Innenstadt bummelt, sich vor Sehenswürdigkeiten ansammelt. Zwar finden auch im Winter Gäste den Weg nach Wien, aber sie sind eher spärlich anzutreffen und beschränken sich auf die Zeit zwischen Weihnachten und Silvester. Doch nun flanieren Russen und Japaner über den Graben, stehen Briten und Italiener vor dem Stephansdom, bewundern Franzosen und Deutsche die Fassaden der Jugendstilhäuser in der Wienzeile. Sie bringen eine Internationalität nach Wien, die ich in den übrigen Monaten vermisse. Gelegentlich gelingt es mir, aus dem Knäuel aus Sprachen einen losen Faden zu fassen und ich versuche, die aufgeschnappten Sprachfetzen der jeweiligen Nationalität zuzuordnen.
Woher kommt meine Zuneigung zu Wiens Sommergästen? Ich bin auf dem Land aufgewachsen und in den Sommermonaten betrieb meine Familie eine kleine Privatpension mit vier Zimmern. Der Start der Touristensaison fiel also zusammen mit dem Beginn der großen Ferien. Die weite Welt, die dann in unseren kleinen Ort kam, reduzierte sich zwar auf Deutschland, aber dennoch: Es waren fremde Menschen mit neuen Geschichten. Eine schöne Erinnerung an meine Kindheit. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich heute noch freue, wenn mich Ortsunkundige in Wien nach dem Weg fragen. Manchmal stoße ich allerdings an die Grenzen meiner Orientierung. Weil der Suchende den Überraschungsmoment auf seiner Seite hat und die notwendige Ausrüstung (Stadtplan) fehlt, um eine Wegbeschreibung von - sagen wir – der Brandstätte zum Naturhistorischen Museum einprägsam abzuliefern. Gelingt es allerdings bei der Frage "Wie komme ich zu ... ", das Wir-sind-hier-Fähnchen und das Ziel-Fähnchen in Gedanken flott zu stecken, sollten begriffliche Lokalkoloriten vermieden werden, um den Erfolg der Mission nicht zu gefährden. Ein Beispiel: Als ich eine Schweizer Reisegruppe verbal vom Stephansdom zu Wiens bekanntem Schnitzel-Restaurant Figlmüller via "Durchhäuser" lotste, erntete ich lächelnde Gesichter und fragende Blicke. Erst ein erklärendes "Passage" zertrümmerte diese Sprachbarriere.
Doch nicht immer lässt die Kombination "Sehenswürdigkeit" plus "Frage nach dem Weg" auf Urlaubende schließen. Ort: Ballhausplatz. Ein eindrucksvoller Mercedes mit Goldlackierung stoppt neben mir. Am Steuer: ein muskulöser Mann. Auf der Rückbank: drei Frauen. Die Frau auf der Beifahrerseite entsteigt freundlich lächelnd. "Wo finde ich die nächste Polizei", wendet sie sich an mich. Ich, überrumpelt, weil in Erwartung einer touristischen Suchanfrage, deute stumm zum Beamten am Tor des Bundeskanzleramtes. Sie aber schüttelte den Kopf und reichte mir einen Zettel. "Meldestelle für Prostitutionsangelegenheiten. Deutschmeisterplatz 3" lese ich. Okay, eine unerwartete, aber leicht zu meisternde Wegbeschreibung.
Apropos falscher Eindruck. Auch Wiens Kontrolleure der öffentlichen Verkehrsmittel sind sich der Macht des touristischen Auftretens bewusst. War es früher die Sichtung untersetzter Herren in bemühtem Freizeitlook (helle Hose, bunt gemustertes Kurzarmhemd, Herrenhandtasche in Leder), die Schwarzfahrer öffentliche Verkehrsmittel schnell verlassen ließen, ist es heute schwieriger, kontrollierende Bediensteten der Wiener Linien zu enttarnen. Ich hätte hinter dem etwa 30-jährigen Mann mit tätowiertem Arm, in T-Shirt und Army-Shorts ebenso wenig einen Kontrolleur vermutet wie hinter der jungen Frau in Jeans und Sweatshirt. Einzig, dass hier Bauchtaschen das ansonsten geschmackvolle Outfit abrundeten, machte stutzig.
Nicht immer stecken also Touristen hinter vermeintlichen Touristen, aber sie alle machen Wien interessanter, spannender und facettenreicher.
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