Bankbeamter bin ich mit Leib und Seele, denn Online-Banking ist doch ein guter Deal: Das Geld, das ich nicht habe, überweise ich mit elektronischer Leichtigkeit an alle, die hinter ihm her sind. Egal, ob Strom- oder Gaslieferant, Wasserwerk oder Bausparkasse, Taschengeld oder Kreditrate: jeder bekommt prompt, was er will. Ich muss dafür nicht mehr eigens aufstehen, mich anziehen oder gar hingehen.
Besonders das Hingehen war nie ganz angenehm. Als es sie noch gab, taten sich die Bankbeamten sichtlich schwer mit der Unschuldsvermutung, wenn ihnen ein jüngerer Mensch mit längeren Haaren gegenüberstand.
Umgekehrt fiel es leicht, ihnen zu vertrauen: Eine Z-Filiale, eine Erste Bank, gar die PSK, das war ein Besuch in einer speziellen Art von Finanzamt, ein offiziöser, über jeden Zweifel erhabener, quasi staatsbürgerlicher, mitunter auch ein wenig skurriler Vorgang, über dem der Weltgeist seine Hand ins Feuer hielt. Seit die unsichtbare Hand des Marktes den Steuerzahlern den Mittelfinger zeigt, misstrauen zwei Drittel der Kunden ihrer Bank. Das hat eine Studie gezeigt, wie könnte man es sonst glauben.
Die Schalter sind Geschichte. Wenn man heute in die Bank kommt, trifft man auf eine Herde von Geräten in Kalbsgröße, die im Foyer herumstehen. Ich habe, da ich ja mein eigener Bankbeamter bin, nie eines davon gebraucht. Nur mit dem Bankomaten habe ich Freundschaft geschlossen. Er ist die größte Innovation im Bankgeschäft des späten 20. Jahrhunderts, in den Augen mancher Experten auch die einzige.
Außer Schulden habe ich aber auch noch ein paar Sparbücher. Die reifen, wie die Finanzexperten das so sagen, gelegentlich ab. Deshalb muss ich immer wieder auch in den hinteren Teil der Filialen vordringen. Man hat ihnen das Layout von Konferenzräumen verpasst, ein Hauch von Finanzwelt soll dort wehen, es riecht tatsächlich ein wenig nach Schweinebauch-Derivaten und Global High Result Performance Yield Excellence Bonds.
Jedenfalls wollten uns die Innenarchitekten sagen: Es gibt nichts Peinlicheres als Sparbücher. In der Hochzeit der Wertpapier-Idiotie galt schon wieder nicht die Unschuldsvermutung, wenn man mit derartigen Ausweisen des finanziellen Biedersinns in den Kontrakt-Zentren der Finanz auftauchte. Flugs begannen sie einem Finanzprodukte aufzudrängen, und es war gar nicht leicht, wieder mit einem Sparbuch in der Hand ins Freie zu treten.
Eine Börsen-, Schulden- und Eurokrise später gelingt das zwar mühelos, aber es macht keinen Spaß. Es gibt so gut wie keine Zinsen. 155 Milliarden Euro schmelzen in Österreich auf armselig verzinsten Sparbüchern inflationsbedingt dahin. Dieses kleine Sparergeld, auch wenn es sich zu einem gewaltigen Geldberg türmt, ist nichts wert inmitten der Gold- und Immobilienblasen, der Aktien und Derivate, Anleihen und Fonds. Geld können die Banken keines mehr brauchen. Sie bekommen es billig von Europas Zentralbank, machen es teuer und quälen damit die Südeuropäer.
Das ist natürlich polemisch, hat aber einen wahren Kern: Geld ist ein Wegwerfprodukt geworden, nur noch von Interesse in großen Zahlen. Das Sparen kleiner Beträge ist ertragstechnisch einfach sinnlos. Damit droht eine ganze Kultur zu verschwinden, die im Sparefroh ihr Maskottchen hatte. Und doch glaubt kaum jemand daran, das es gescheit wäre, mit ein paar Tausendern in der Hand den Spekulanten zu spielen.
Das wissen auch die Bankleute. Seit die Krise den Finanzsektor beutelt, werden Filialbesuche lustiger. Auf Krisen versteht man sich in der Stadt des lieben Augustin immer noch gut. Man weiß zwar keine Lösung, bewahrt aber die richtige Haltung. Der Typus des Hochglanzprospekt dreschenden Finanz-Fanatikers in Businessuniform scheint langsam zu verschwinden, man trifft immer öfter auf leger gekleidete Leute, die mit trockenem Humor Schnurren aus ihrem bewegten Finanzleben zum Besten geben und schon einmal unter der Hand die Wahrheit über Konten, Sparzinsen und Anlageprodukte des eigenen Hauses erzählen. Die Manager im Backoffice werden es nicht gerne hören, aber Authentizität ist die letzte Chance der Banken auf ein wenig Street-Credibility.
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