
Das beste Eis in Wien gibt es, und da gibt es wirklich nichts zu diskutieren, im Salon Trento in Kaisermühlen. Immer wieder werden auch Zanoni, Tuchlauben, Schwedenplatz oder Tichy genannt. Sehr gutes Eis, keine Frage, aber wenn wir sachlich bleiben, dann sagen wir Trento, wenn wir vom allerbesten Eis reden.
So also sprach ich zu mir selbst, als ich in der langen Schlange vor dem Eissalon am Schüttauplatz stand und mir das Warten mit rigorosen inneren Monologen versüßte. Warten ist nirgends ein Vergnügen, in Wien aber ist es besonders freudlos. In London warten die Leute immer noch einigermaßen entspannt, manchmal kommt man ins Gespräch. In Wien gibt es dieses Grundvertrauen ins gleichmäßige Vorrücken einfach nicht. Es gibt so viele, die die Schlange überlisten wollen.
Selbst Ein-Personen-Schlangen sind nicht sicher. Ich stand einmal an der Wursttheke eines Supermarkts, und zwar allein. Der Satz "Zwanzig Deka extra bitte" lag mir schon auf der Zunge, als von hinten ein Mann mittleren Alters in teurem, aber lässigen Tuch der Marke Wichtig heranstürmte und ziemlich genau das sagte, was ich gerade sagen wollte. Ich entgegnete ihm höflich, aber bestimmt, dass ich eigentlich nicht nur hier stünde, um ein wenig überflüssige Zeit totzuschlagen. Er: "Ah so, ich dachte, sie wären schon dran." Und bestellte unverdrossen weiter.
Als nun ein wenig Atemdruck in meine Ausführungen kam, weil der Silberrücken in mir das Wort ergriff, meinte er liberal und aufgeklärt, dass wir wegen so einer lächerlichen Kleinigkeit doch nicht streiten würden. "Gut", sagte ich, "dann streiten sie nicht mit mir und lassen mich bestellen". Gemeint hatte der gute Mann aber etwas anderes, nämlich dass ich nicht streiten und ihn bestellen lassen sollte: "Na hören Sie, sie streiten doch", sagte er mir. Jetzt war der Silberrücken in mir eigentlich nicht mehr zu halten, und auch der gut Betuchte sah so engstirnig drein, als würde er mich am liebsten fristlos aus dem Supermarkt entlassen. Doch da sprang eine zweite Verkäuferin dazwischen und trennte uns höflich, aber bestimmt.
Wem Wiener Warteschlangen ein Rätsel sind, der sollte ins Affenhaus gehen. Der berühmte Primaten-Versteher Frans de Waal hat einmal Kapuzineraffen darauf trainiert, Spielsteine gegen Gurken zu tauschen. Gurken sind nichts besonderes, Weintrauben aber sind für diese Tiere der Fünfhundert-Euro-Schein unter den Obstsorten. De Waal zahlte einzelnen Affen Weintrauben für ihre Spielsteine - und die anderen wurden sauer. Sie spielten nicht mehr mit. Sie schmollten. So richtig Ärger gab es aber, als der Forscher ausgesuchten Affen die Weintrauben einfach schenkte, während er alle anderen für Gurken arbeiten ließ. Die benachteiligten Affen verwüsteten das Labor. Wir haben alle ein uraltes, untrügliches Gefühl für Gerechtigkeit.
Als ich fast bis vor die Theke des Eissalons Trento vorgerückt war, mogelte sich knapp hinter mir eine Frau in die Schlange. "Des kennt i oba a", kommentierte sogleich eine Wiener Bass-Stimme von hinten. "Na dann tun sie es doch", meinte die Frau in so einem belustigt-glucksenden Tonfall, der gut in jene Werbung gepasst hätte, in der Menschen verrückte Sachen machen: "Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein". "Na", dröhnte der Bass, "na. I waas jo, wos se keat." Diese Entgegnung und zwei Dutzend wütend starrende Augenpaare entlustigten die Dame endgültig. Sie ließ den Bass anstandslos an sich vorüber ziehen. Ich widme ihre Niederlage allen Kapuzineräffchen dieser Welt.
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