
Kongresse, das weiß in Wien seit dem Biedermeier jedes Kind, machen vor allem eines: Sie tanzen. Vom Herbst 1814 bis in den Frühsommer 1815 vereinigte die Mutter aller Kongresse, der Wiener Kongress, Abgesandte aus 200 Staaten zu einem Geselligkeitsmarathon, der historisch beispiellos war. Massen von Delegierten überschwemmten die Stadt und völlerten und feierten so sehr, dass das Wort "Kongress" bis heute ein wissendes Lächeln in die Antlitze der Wiener zaubert.
Der Wiener Kongress fand aber nicht nur im Dunkel der Nacht statt, er war auch ein Fanal in Sachen Völkerverständigung. Die Delegierten ersannen dafür ein verhandlungstechnisches Novum, die Kommission. Ja, auch dieses Instrument planvoller Regierungstätigkeit musste erst einmal erfunden werden. Aus den napoleonischen Verwüstungen entstanden, langsam und gewunden, die politischen Grundlagen für das erste Nachkriegseuropa. Dessen Maxime - Preisgabe jeglicher Bürgerfreiheit als kleines Opfer für Stabilität und Sicherheit - klingt auch heute noch nicht völlig fremd. Und es hat auch noch gut 150 Jahre gebraucht, ehe sich der paneuropäische Friedensgedanke im kontinentalen Gemüt so einigermaßen festsetzen konnte: Besser schlecht geredet als scharf geschossen.
Historisch erscheint es deshalb nur gerecht, dass Europa vom Kongress nicht loskommt. Im weltweiten, milliardenschweren Kongress-Geschäft hält der Kontinent mit 55 Prozent den Löwenanteil. Und Wien ist erstaunlicherweise die Welthauptstadt für Kongresse. Unter allen Destinationen, die für organisiertes Palaver mit Sightseeing-Anschluss in Frage kommen, darunter immerhin Schönheiten wie Paris, Berlin oder Singapur, behauptet Wien hartnäckig den ersten Platz.
Das Top-Ranking ist natürlich eine sauer verdiente Frucht der harten Arbeit
hiesiger Event-Profis, die unermüdlich für das Wohl ihrer Gäste rackern. Aber kann Perfektion alleine einen so durchschlagenden Erfolg erklären? Die Begründungen der Profis wollen einen nicht recht zufrieden stellen: Das hohe Niveau von Kulinarik und Hotellerie, die vielen Sehenswürdigkeiten, die günstige Lage an einem Schnittpunkt der internationalen Verkehrswege, die Technik auf der Höhe der Zeit, etc.
Vielleicht gibt es auch trivialere Gründe für Wiens Beliebtheit. Zufälligkeiten
und Glücksfälle, für die die Stadt nichts kann, sie aber trotzdem zu nützen weiß. Da sticht zum Beispiel die außerordentliche Durchschnittlichkeit ins Auge, mit der Wien gesegnet ist. Die Stadt ist weder Moloch noch Metropole, aber auch kein Dorf. Wir leben in einer Gerade-Noch-Großstadt, legt man globale Maßstäbe an: Wien ist zu groß zum Zu-Fuß-Gehen und zu klein zum Verlaufen. Egal, zwischen welche Pole man die Stadt spannt, sie befindet sich meist genau dazwischen. Aufregung und Langeweile, Irrsinn und Normalität, Tempo und Stillstand, Wild-Side und Postkarten-Fadesse halten sich gemütlich ausbalanciert in der Waage. Adrenalin und Serotonin dürften auch in den Körpern der Kongressbesucher im Gleichgewicht sein, aber das wäre schon wieder ein Thema für einen Kongress.
Auch die Wiener streben zur goldenen Mitte, was das Maß ihrer urbanen Indifferenz betrifft. Sie sind nicht ganz so ruppig wie die Leute in Berlin, aber längst nicht so herzlich wie die Bewohner der Fluren. In der U-Bahn wird der fremdsprachige Gast selbstverständlich nicht als das Wunder begafft, das er im Zeitalter der Videokonferenzen, Skype-Telefonate und Satellitennetze eigentlich ist. Sondern eher als ein weiteres Hindernis, das den Ausgang verstellt, sich aber als Devisenbringer nützlich macht und dem stets bedürftigen Stadtsäckel durchschnittlich 3,6 Tage und Nächte lang den einen oder anderen Steuereuro hinterlässt.
Sobald sie den Gast an der um den Hals baumelnden Identitätskarte als
Kongressbesucher erkennen, sehe ich allerdings dann und wann den Anflug eines wissenden, tief in historischen Klischees wurzelnden Lächelns in den Gesichtern der Einheimischen. Der Gast kann nicht anders, er wähnt sich in einer Woge der Herzlichkeit. Vielleicht verdankt sich Wiens Karriere als Sehnsuchtsort ein wenig auch einer glücklichen Verkettung von Missverständnissen.
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