• vom 28.09.2012, 22:50 Uhr

Blogs

  • Artikel
  • Lesenswert (6)
  • Drucken
  • Leserbrief
  • Empfehlen/Teilen



Wien-Blog

Kongress im Glück


Von Franz Zauner

Der Kongress bei der Arbeit, 1815 von Jean-Baptiste Isabey gemalt.

Der Kongress bei der Arbeit, 1815 von Jean-Baptiste Isabey gemalt.CC/Wikimedia Commons Der Kongress bei der Arbeit, 1815 von Jean-Baptiste Isabey gemalt.CC/Wikimedia Commons

Kongresse, das weiß in Wien seit dem Biedermeier jedes Kind, machen vor allem eines: Sie tanzen. Vom Herbst 1814 bis in den Frühsommer 1815 vereinigte die Mutter aller Kongresse, der Wiener Kongress,  Abgesandte aus 200 Staaten zu einem Geselligkeitsmarathon, der historisch beispiellos war. Massen von Delegierten überschwemmten die Stadt und völlerten und feierten so sehr, dass das Wort "Kongress" bis heute ein wissendes Lächeln in die Antlitze der Wiener zaubert.

Der Wiener Kongress fand aber nicht nur im Dunkel der Nacht statt, er war auch ein Fanal in Sachen Völkerverständigung. Die Delegierten ersannen dafür ein verhandlungstechnisches Novum, die Kommission. Ja, auch dieses Instrument planvoller Regierungstätigkeit musste erst einmal erfunden werden. Aus den napoleonischen Verwüstungen entstanden, langsam und gewunden, die politischen Grundlagen für das erste Nachkriegseuropa. Dessen Maxime - Preisgabe jeglicher Bürgerfreiheit als kleines Opfer für Stabilität und Sicherheit - klingt auch heute noch nicht völlig fremd. Und es hat auch noch gut 150 Jahre gebraucht, ehe sich der paneuropäische Friedensgedanke im kontinentalen Gemüt so  einigermaßen festsetzen konnte: Besser schlecht geredet als scharf geschossen.

Historisch erscheint es deshalb nur gerecht, dass Europa vom Kongress nicht loskommt. Im weltweiten, milliardenschweren Kongress-Geschäft hält der Kontinent mit 55 Prozent den Löwenanteil. Und Wien ist  erstaunlicherweise die Welthauptstadt für Kongresse. Unter allen  Destinationen, die für organisiertes Palaver mit Sightseeing-Anschluss in Frage kommen, darunter immerhin Schönheiten wie Paris, Berlin oder Singapur, behauptet Wien hartnäckig den ersten Platz.

Das Top-Ranking ist natürlich eine sauer verdiente Frucht der harten Arbeit
hiesiger Event-Profis, die unermüdlich für das Wohl ihrer Gäste rackern. Aber kann Perfektion alleine einen so durchschlagenden Erfolg erklären? Die Begründungen der Profis wollen einen nicht recht zufrieden stellen: Das hohe Niveau von Kulinarik und Hotellerie, die vielen Sehenswürdigkeiten, die günstige Lage an einem Schnittpunkt der internationalen Verkehrswege, die Technik auf der Höhe der Zeit, etc.

Vielleicht gibt es auch trivialere Gründe für Wiens Beliebtheit. Zufälligkeiten
und Glücksfälle, für die die Stadt nichts kann, sie aber trotzdem zu nützen weiß.  Da sticht zum Beispiel die außerordentliche Durchschnittlichkeit ins Auge, mit der Wien gesegnet ist. Die Stadt ist weder Moloch noch Metropole, aber auch kein Dorf. Wir leben in einer Gerade-Noch-Großstadt, legt man globale Maßstäbe an: Wien ist zu groß zum Zu-Fuß-Gehen und zu klein zum Verlaufen. Egal, zwischen welche Pole man die Stadt spannt, sie befindet sich meist genau dazwischen. Aufregung und Langeweile, Irrsinn und Normalität, Tempo und Stillstand, Wild-Side und Postkarten-Fadesse halten sich gemütlich ausbalanciert in der Waage. Adrenalin und Serotonin dürften auch in den Körpern der Kongressbesucher im Gleichgewicht sein, aber das wäre schon wieder ein Thema für einen Kongress.

Auch die Wiener streben zur goldenen Mitte, was das Maß ihrer urbanen Indifferenz betrifft. Sie sind nicht ganz so ruppig wie die Leute in Berlin, aber längst nicht so herzlich wie die Bewohner der Fluren. In der U-Bahn wird der fremdsprachige Gast selbstverständlich nicht als das Wunder begafft, das er im Zeitalter der Videokonferenzen, Skype-Telefonate und Satellitennetze eigentlich ist. Sondern eher als ein weiteres Hindernis, das den Ausgang verstellt, sich aber als Devisenbringer nützlich macht und dem stets bedürftigen Stadtsäckel durchschnittlich 3,6 Tage und Nächte lang den einen oder anderen Steuereuro hinterlässt.

Sobald sie den Gast an der um den Hals baumelnden Identitätskarte als
Kongressbesucher erkennen, sehe ich allerdings dann und wann den Anflug eines wissenden, tief in historischen Klischees wurzelnden Lächelns in den Gesichtern der Einheimischen. Der Gast kann nicht anders, er wähnt sich in einer Woge der Herzlichkeit. Vielleicht verdankt sich Wiens Karriere als Sehnsuchtsort ein wenig auch einer glücklichen Verkettung von Missverständnissen.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2013
Dokument erstellt am 2012-09-26 12:51:34
Letzte Änderung am 2012-09-26 13:00:32


Beliebte Inhalte



"Totally sexy" lautet hier das Motto. Und das um jeden Preis. - Luiza Puiu
  • Label balanciert auf dem schmalen Grat zwischen sexy und ordinär.
  • weiter

Eva Moser aus Graz bei der Eröffnung. - Johann Werfring
  • Internationales Damenschachturnier kommt nun in die heiße Phase.
  • weiter

Auf Sexualverhalten bezogene Aidsbekämpfung macht wenig Sinn, so Hunsmann. - Apaweb/Pfarrhofer
  • 21. Life Ball will Bewusstsein im Kampf gegen HIV/Aids schaffen
  • weiter

Die ersten Gäste für den Lifeball sind bereits in Wien. - APAweb / Herbert Neubauer
  • Stars aus New York und Cannes kommen nach Österreich.
  • weiter

Das Animationsabenteuer "Epic" ist in Wien ab 6 Jahren zu sehen, sonst ab 8 Jahren. - Twentieth Century Fox Film Corporation
  • Wiens Filmbeirat, der das Alter bei Kinofilmen bestimmt, wird abgeschafft.
  • weiter

Haben die Wiener Senioren mehr Weitblick als die eigene Partei? - Rösner
  • Die "rote Basis" macht Urlaub - und schimpft über die (grüne) Stadtpolitik.
  • weiter

Eine erste Teststrecke beim Westbahnhof wurde grün angemalt. - APAweb / Georg Hochmuth
  • City-Chefin Stenzel: Grüne geben Steuergelder für Parteiwerbeaktion aus.
  • weiter

Schütze Bosko Rasovic trainiert fünfmal pro Woche. S. Jenis
  • Rund 24.000 Wiener haben eine Waffenbesitzkarte.
  • weiter

Der Radfahrverkehr soll gefördert werden. - apa/Helmut Fohringer
  • Hitzige Debatte im Gemeinderat - Öffnung von Einbahnen für Radfahrer.
  • weiter

Neben Rot soll es auch Grün auf den Radwegen geben. - apa
  • Fußgängerbeauftragte plädiert für mehr Rücksichtnahme.
  • weiter




Werbung




Gottfried Helnwein, Peinlich, 1971,

Die Wolldecke eines Navajo-Häuptlings wurde bei Sothebys in New York für rund 221.000 US-Doller versteigert. Es war die erste Auktion aus dem Nachlass der Sammlung Andy Williams, des bekannten US-amerikanischen Popsängers und Fernsehentertainers. Chondrocladia lyra, ein fleischfressender Schwamm, lebt über drei Kilometer tief im Pazifik vor der Küste von Kalifornien. Die Art wurde von der Universität von Arizona in Tempe (USA) für die Liste der skurrilsten Entdeckungen 2012 ausgewählt.

"Erstbegehung" des Wiener Wahrzeichens:  Slackliner Christian Waldner arbeitete sich in 60 Metern über dem Boden Schritt für Schritt vom großen Steffl-Turm (Südturm) bis zum südlichen Heidenturm vor und tänzelte nach kurzer Verschnaufpause wieder retour. Der Drahtseilakt dauerte rund zehn Minuten. Nach Sony (PlayStaion 4) und Nintendo (WiiU) hat nun auch Microsoft seine Vision der zukünftigen Spielkonsolenwelt vorgestellt. Kinect Group Program Manager Scott Evans demonstrierte bei der Präsentation der "Xbox One" gleich einmal den neuen Kinect-Sensor, der nun nicht mehr als Zubehör erhältlich sein wird, sondern fix im Lieferumfang enthalten sein wird.

Werbung